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Wirtschaft

Neun Cent Stundenlohn für eine Näherin

Tchibo: Textilzulieferer in Bangladesch soll Frauen ausgebeutet haben. Betroffene Frauen berichten von Hungerlöhnen und Strafen. Konzern will Vorwürfe prüfen.

Hamburg. Ihre Stimme ist leise, die Augen fixieren den Boden. Rina Begum (34) ist eine kleine zierliche Frau, die auf den ersten Blick nur durch ihre Kleidung auffällt: Bunt schillern das lilafarbene Kleid und das Tuch in Orange, das sie sich über Kopf und Oberkörper geschlungen hat - die traditionelle Bekleidung in ihrem Heimatland Bangladesch.

Ihre Worte indes garantieren Begum, die derzeit auf einer Deutschland-Reise durch elf Städte über Arbeitsbedingungen von Näherinnen in Textilfabriken in Bangladesch berichtet, große Aufmerksamkeit. Gestern sprach sie in Hamburg, auf Einladung des Frauenrechtsvereins Terres des Femmes und der "Kampagne für saubere Kleidung" (Clean Clothes Campaign/CCC), einem Zusammenschluß von Gewerkschaften und kirchlichen Gruppen, der sich seit 1990 für soziale Mindeststandards bei der Textilherstellung einsetzt.

"Eine Schule habe ich nie besucht", erzählt sie. "In Dhaka arbeitete ich zuerst als Hilfskraft in einer Textilfabrik für 13 Euro im Monat, später für 17 Euro." Durch Arbeitszeiten von meistens 8 bis 22 Uhr an sieben Tagen der Woche sei sie als Näherin bei der Firma Basic Apparels zuletzt auf 35 Euro im Monat gekommen - rund neun Cent pro Stunde. "Ich mußte mit diesem Geld leben, auch wenn es kaum möglich war." Denn von dem kargen Lohn habe sie noch für ihre Mutter auf dem Land gespart, wo jeder zweite ohne Arbeit ist.

Von dem niedrigen Einkommen, das die mehr als zwei Millionen Beschäftigten in den rund 3000 Textilfabriken in Bangladesch bekommen, profitieren deutsche Konsumenten. Sie können zu äußerst günstigen Preisen Kleidung kaufen. So präsentiert der Kaffee- und Handelskonzern Tchibo, der viele seiner Textilien in dem asiatischen Land herstellen läßt, "jede Woche eine neue Welt" der Waren. Aktuell etwa im Angebot: ein Herren-Cordhemd für 7,99 Euro und ein Damen-Flanellpyjama für 12,99 Euro.

Das Unternehmen mit Sitz in Hamburg ist nun stark in die Kritik geraten. Denn die von den Näherinnen beschriebenen Arbeitsbedingungen in der Textilfabrik Basic Apparels, in der Rina Begum bis zu ihrer Entlassung im August 2004 arbeitete, wollen so gar nicht mit dem Verhaltenskodex von Tchibo zusammenpassen. Der Konzern ist seit langem ein wichtiger Kunde des Betriebs, in dem laut CCC auch die Discounter Aldi und Lidl Kleidung produzieren lassen.

Der niedrige Lohn, der für Frauen in Bangladesch im Schnitt zwischen drei Euro auf dem Land und bis zu acht Euro in der Stadt pro Woche beträgt und damit unterhalb des Existenzminimums liegt, ist dabei nicht einmal Zentrum der Kritik. Rina Begum berichtet von Beschimpfungen und körperlicher Gewalt durch Vorgesetzte, gestrichenem Lohn, wenn Produktionsziele nicht erreicht werden, Mittagspausen, die nicht genommen werden können, Arbeit bis tief in die Nacht ohne dabei zu essen, sowie etlichen unbezahlten Überstunden.

Weitere Arbeitsrechtsverletzungen listet CCC auf: keine schriftlich fixierten Arbeitsverträge, Entlassungen von Näherinnen wegen gewerkschaftlicher Organisation und gravierende Sicherheitsmängel. Wozu letztere führen können, wurde im April dieses Jahres auf schreckliche Weise deutlich, als nördlich der Hauptstadt Dhaka ein sechsstöckiges Gebäude der Textilfirma Spectrum Sweaters einstürzte und mindestens 64 Menschen umkamen. Mit der Fabrik hatten unter anderem Neckermann und Steilmann zusammengearbeitet. Der Fall Tchibo, da sind sich Menschenrechtler sicher, ist keine Ausnahme, sondern die Regel.

Als Rina Begum mit ihren Kolleginnen gegen die schlechten Arbeitsbedingungen und gekürzte Löhne protestierten, reagierte die Polizei mit Gewalt. "Ich wurde geschlagen und verhaftet", erzählt die Näherin. "Neun Tage saß ich im Gefängnis. Als ich wieder frei kam, wurde ich von der Fabrik entlassen." Und 230 Kolleginnen mit ihr.

Der Vorfall ist über ein Jahr her und Tchibo offenbar schon lange bekannt. Bereits Anfang des Jahres sei der Handelskonzern mit den Zuständen in der Fabrik konfrontiert worden, sagt Gisela Burckhardt von CCC, doch Tchibo habe sich als "besonders dickhäutig" erwiesen.

Aus der Konzernzentrale hieß es damals, an den Vorwürfen sei nichts dran. CCC könne keinen konkreten Fall belegen. Der eigene Verhaltenskodex, laut dem sich Tchibo "dem Leitbild des ehrbaren Kaufmanns" verpflichtet, gelte auch für Lieferanten und Vertragspartner. Sie müßten festgeschriebene Standards einhalten, etwa Versammlungsfreiheit, gesetzliche Höchstgrenzen bei Arbeitszeiten und das Verbot von Strafen.

Erst als die Vorwürfe durch einen Fernsehbeitrag des ARD-Magazins "Monitor" in der vergangenen Woche sowie die Rundreise der Näherinnen nun an eine breite Öffentlichkeit gekommen sind, wagt sich Tchibo aus der Defensive.

"Falls die Schilderungen stimmen, sind sie natürlich nicht tragbar", sagte gestern Cornel Kuhrt, eine kürzlich von Tchibo eingestellte Sozialreferentin. "Eine Delegation wird nach Bangladesch reisen und die Vorwürfe prüfen." Das Unternehmen sei lernfähig und meine es ernst. Wenn sich die Vorwürfe bewahrheiteten, ziehe Tchibo Konsequenzen. Wie die aussehen könnten, wollte Kuhrt jedoch nicht sagen.

CCC-Aktivistin Burckhardt ist das zuwenig. Unternehmen wie H & M oder Otto, die ebenfalls schon in der Kritik standen, seien bei ihren Bemühungen weiter. Burckhardt forderte vor allem den Einsatz von nichtkommerziellen Auditoren, die die Arbeitsbedingungen in den Nähereien überprüfen - etwa aus örtlichen Gewerkschaften. Bisher tun das meist internationale Zertifizierer. Zu denen hätten die Näherinnen jedoch kein Vertrauen, erzählt Begum. Zudem würden sie von ihren Vorgesetzten unter Druck gesetzt, den Auditoren nicht die Wahrheit zu berichten. "Hätten wir gesagt, wieviel wir wirklich arbeiten und daß wir geschlagen werden, wären wir sofort entlassen worden."

Trotzdem hat Rina Begum nur einen Wunsch: Daß sie und ihre 230 Kolleginnen wieder eingestellt werden. "Ich will wieder arbeiten", sagt sie. "Das ist das Ziel meiner Reise."

 

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