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Wirtschaft

Containerriesen unter Segeln

Skysails: Hamburger Unternehmen will Energieverbrauch von Frachtern senken. Mit Lenkdrachen will Ingenieur Stephan Wrage eine Revolution in der Schiffahrt einleiten.

Hamburg. Seine Haut ist blaß. Viel Zeit für erholsame Stunden in der Sonne hatte er in diesem Sommer nicht. Denn sein ehrgeiziges Projekt steht kurz vor der Vollendung. Stephan Wrage (32) will Frachter mit riesigen Lenkdrachen von bis zu 2500 Quadratmetern ausstatten. Dieses große Segel soll Energie sparen und damit die Treibstoffkosten der Reeder senken. Von 2006 an werden die ersten Schiffe mit dem großen Segel fahren, ist Wrage überzeugt. "In diesen Wochen werden die ersten Bestellungen unterzeichnet."

Die Idee des jungen Ingenieurs kann Auswirkungen auf die gesamte Schiffahrt haben. Immerhin werden mehr als 90 Prozent des Welthandels über den Seeweg abgewickelt. Und angesichts der angespannten Lage auf dem Treibstoffmarkt gewinnt das Projekt stetig an Bedeutung. "Ein Ende der Preissteigerungen ist nicht absehbar. Deshalb wird es immer wichtiger, daß sich die Reedereien Alternativen überlegen", sagt Olaf Mager, Sprecher des Germanischen Lloyd. Aus diesem Grund steht die Schiffsklassifikationsgesellschaft dem Unternehmen SkySails beratend zur Seite. "Wir geben Tips und Anregungen. Denn entscheidend ist, daß die technische Schiffssicherheit gegeben wird. Und das kontrollieren wir."

So soll das neue Segel den maschinellen Antrieb nicht ersetzen, sondern unterstützen. Nach Einschätzungen von Wrage und seinen Ingenieuren können beim Einsatz des Drachens bis zu 50 Prozent Treibstoff gespart werden. Denn schon ein 140 Meter langes Schiff mit einer Tragfähigkeit von 10 000 Tonnen verbrennt auf seinen Routen jährlich Treibstoff für 2,4 Millionen Dollar, wie die Reederei Briese in Leer ausgerechnet hat.

Ein Drachensegel kostet dagegen zwischen 500 000 Euro und 2,5 Millionen Euro. "Das hat sich dann innerhalb von zwei Jahren amortisiert", sagt Wrage. "Wir rechnen aber den Nutzen für jedes Schiff genau aus."

Neben der Treibstoffersparnis gibt es außerdem umwelttechnische Argumente für das große Segel. Die IMO (International Maritime Organisation) hat am 19. Mai als Ergänzung zum Marpol-Abkommen, neue Richtlinien zu Emissionen erlassen (Marpol Annex VI). Sie können für viele Reedereien eine zusätzliche finanzielle Belastung bedeuten. "Die gängigen Möglichkeiten, die Emissionen zu verringern sind besseres und teureres Öl oder ein Katalysator", so der Jungunternehmer. Das bedeutet höhere Kosten für die Reeder. "Deshalb werden diese Verordnungen in der Seefahrt noch zu einem wichtigen Thema werden."

Die Idee, Frachter nun zusätzlich mit einem Segel auszustatten, ist nicht neu. Bisher scheiterten jedoch alle Projekte. So sind beispielsweise traditionelle Mastsegel nicht einsetzbar, da die Frachter bei Wind Schräglage bekommen und kentern können. Dies hat SkySails bei der Entwicklung ihres Segels bereits einberechnet. Mit dem Ergebnis, daß der Lenkdrachen das Schiff im Wasser stabilisieren soll. Krängung soll dabei nicht mehr auftreten. Das Segel dämpft laut Wrage sogar die Bewegung des Frachters bei Seegang.

Derzeit wird das Segel mit Hilfe eines 15 Meter langen und 20 Tonnen schweren Versuchsschiffes auf der Ostsee getestet. "Denn all unsere Ideen müssen in der Praxis überprüft werden", sagt Wrage. Das gesamte System soll vollautomatisch funktionieren. "Die Besatzungen der Schiffe müssen ohne Mühe das Segel ein- und ausfahren können."

Und so soll es funktionieren: Wenn ein von SkySails ausgestatteter Frachter die Küstengewässer verläßt und die Windbedingungen stimmen, nimmt ein spezieller Kran am Bug des Schiffes das Segel und fährt es in eine vorgesehene Höhe. Dort werden die Kammern aufgeblasen, der Drachen nimmt seine typische Form an. An einem langen Seil läßt der Kran das Segel nun in die richtige Höhe, in der der beste Wind herrscht. Das können bis zu 500 Meter sein. "Dieser Prozeß dauert, genau wie das Einfahren, etwa 15 Minuten", so Wrage.

Mit seinem Riesendrachen erfüllt sich Wrage seinen großen Traum. "Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr hatte ich die Vision meine beiden Hobbys, Segeln und Drachenfliegen, miteinander zu verbinden", sagt der Hamburger. "Und nach dem Studium habe ich angefangen, kleine Tests mit einer Jolle und einem Drachensegel im Hafen zu machen." Damals habe eigentlich nichts funktioniert. Aber aufgeben wollte der Wirtschaftsingenieur nicht. Also gründete er eine Firma, um das Projekt "richtig professionell anzugehen".

Seit Juni 2001 arbeitet Wrage mit seinem Team an dem großen Projekt. Mittlerweile unterstützen verschiedene Reedereien die Pläne des Hamburgers, wie beispielsweise das Schiffahrtsunternehmen Briese. "Neue Ideen müssen gefördert werden, weil unsere Energiereserven zu Ende gehen", argumentiert Geschäftsführer Roelf Briese.

Und auch das Emissionshaus Oltmann ist von den Drachensegeln überzeugt und investierte bereits mehrere Millionen Euro in das Projekt. "Denn wenn SkySails funktioniert, wird es die Schiffahrt revolutionieren", sagt der Sprecher des Schiffsfinanzierers, Michael Schwarz.

Auf mittlerweile 16 Mitarbeiter ist das Wrage-Projekt bereits gewachsen. "Und wir brauchen dringend weitere Helfer", sagt er. "Bis Ende des Jahres kann ich drei bis fünf Leute einstellen." Besonders gesucht sind Maschinenbau- oder Flugzeugbauingenieure.

Im Jahr 2009 will Wrage mit SkySails zum ersten Mal schwarze Zahlen schreiben. "Wenn das erste Schiff erfolgreich fährt, werden uns die Reedereien die Bude einrennen, davon bin ich überzeugt."

 

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