Der gläserne Kunde - bald Wirklichkeit?
Innovation: Funkchips sollen Waren vor Diebstahl schützen. Intelligente Etiketten sollen auf immer mehr Waren. Neue Technologie legt Einkaufsgewohnheiten offen. Datenschützer in Sorge.
Hamburg. Thomas Münzer betritt den Supermarkt. In der Tasche seine Kundenkarte. Er passiert mit dem Einkaufswagen eine unsichtbare Schranke. "Herzlich willkommen Herr Münzer", tönt eine digitale Stimme aus dem Off. Wenige Meter entfernt erscheinen im Büro des Marktleiters Informationen über den Kunden Münzer auf dem Bildschirm. "Er liebt Joghurt und Nußschokolade. Soll ihm ein entsprechendes Angebot gemacht werden?" Als Münzer Minuten später das Kühlregal erreicht, leuchtet ihm bereits der gesenkte Preis für seinen Lieblingsjoghurt entgegen.
Diese Einkaufsszene ist noch nicht real, könnte es aber bald werden. Mit neuen Funkchips, die derzeit entwickelt werden. Den High-Tech-Etiketten der Zukunft. Sie können mit der Ablösung des Barcodes in einigen Jahren zu einer revolutionierenden Veränderung im Transport, bei der Lagerung und im Einzelhandel führen.
Die Maschine rattert. Tack, tack, tack. Auf einer großen Spule laufen die Etiketten durch ihren Bauch. Jede Sekunde wird hier ein Chipaufkleber fertiggestellt. Die Firma Rako in Witzhave produziert in ihren Hallen die intelligenten Etiketten. Es ist eines von vier Unternehmen, das deutschlandweit die RFID-Etiketten (Radio Frequency Identification) herstellen kann. "Seit Oktober 2004 produzieren wir die Aufkleber", sagt Thorsten Wischnewski, Produktmanager von Rako Security Label. Die Chips liefert Philips aus Hamburg. "Wir bauen den Aufkleber dann mit unserer Maschine zusammen."
Etwa 500 000 Etiketten wurden im ersten Halbjahr 2005 produziert. Bis zum Ende des Jahres will das Unternehmen 1,5 Millionen Aufkleber fertigen. Rako beliefert Firmen wie das Versandhaus Otto, Schrauben Reyher oder den DVD-Onlineverleih Amango und verhandelt mit weiteren Kunden über Testläufe. "Am Flughafen werden von 2007 an die Etiketten eingesetzt, um jedes Gepäckstück verfolgen zu können", so Wischnewski. Zudem sind Autohersteller interessiert.
Doch bevor die Chips beim Verbraucher ankommen, schlagen die Datenschützer bereits Alarm. Ihre Sorge: Der Chip funktioniert auch nach dem Einkauf und kann wiederholt gelesen werden. "So ist es möglich, den Kunden beim Eintreten in den Laden genau abzuchecken", sagt der Hamburger Datenschutzbeauftragte Hartmut Lubomierski. "Wenn man also den Hugo-Boss-Laden betritt, können die Angestellten sehen, welche Kleidung getragen wird." Auch in Kleidung würden nämlich Chips eingenäht.
So sei das Kaufverhalten der Kunden mit Hilfe der Chips genau nachzuvollziehen. "Die Einzelhändler werden ihren Kunden beispielsweise eine Kundenkarte anbieten", so Lubomierski. Mit dem Chip auf den Produkten und der Karte könne jeder Einkauf für den Händler genau verfolgbar sein. "Die Folge ist auf den Kunden individuell zugeschnittene Werbung." Sogenannte Kundenprofile entstehen.
"Wir werden zu gläsernen Kunden und irgendwann sogar zu gläsernen Menschen, wenn die Daten von einem zum anderen Unternehmen weitergegeben werden", sagt der Experte. So könnte der Champagner-Käufer auch einen Prospekt von Porsche im Briefkasten finden.
Unberührt von diesen Vorbehalten testen einige Hamburger Unternehmen die Kleber bereits in ihren Logistikzentren. Und die Metro hat in ihrem Future-Store in Rheinberg bei Duisburg sogar erste Waren mit den Klebern versehen. "Bisher sind es Rasierklingen, ein Haarwaschmittel und ein Frischkäse", sagt der Sprecher der Metro, Jürgen Homeyer.
Auch das Versandhaus Otto testet die Technik seit August 2004. So werden im Logistikzentrum in Haldensleben rund 150 hochwertige elektronische Geräte wie Notebooks, Digitalkameras oder Mobiltelefone mit den Funkklebern versehen. "Um feststellen zu können, ob die Ware wirklich unser Haus verlassen hat", sagt Roland Nickerl, Betriebsleiter Logistik bei Otto in Hamburg. An zwölf Stellen auf dem Weg zum Kunden wird kontrolliert, ob der Artikel noch im Karton ist. "Auf diese Weise konnten wir den Diebstahl auf dem Weg zum Kunden deutlich reduzieren." Derzeit testet Otto die Kleber auch an hochwertigen Textilien.
Noch ist der Einsatz der Aufkleber begrenzt. Sie sind zu teuer, um auf jeden Joghurtbecher geklebt zu werden. "Bei 30 bis 50 Cent pro Etikett lohnt es nicht, jeden Artikel mit den Chips auszustatten", so Metro-Sprecher Homeyer. Sollte der Preis auf fünf Cent sinken, werde das System für den Einzelhandel aber interessant. "Wir könnten dann die Hälfte unserer Artikel mit den Chips versehen", so der Otto-Logistiker Nickerl. Zudem ist die Reichweite und Lesesicherheit für den Einsatz im Supermarkt bisher nicht ausreichend. Die Funkwellen können von Flüssigkeit verschluckt oder von Metallpackungen reflektiert werden.
Auch wenn der gläserne Kunde noch nicht Wirklichkeit zu werden scheint, wollen die Datenschützer handeln. "Wir müssen etwas tun, bevor die Etiketten auf jedem Produkt kleben", sagt Lubomierski. Die Mißbrauchsgefahr sei zu groß. Da ein rechtliches Vorgehen jedoch im voraus wenig Sinn mache, setzt Lubomierski auf Aufklärung. "Wir treten an die Regierung heran und bitten sie einzuschreiten." Ziel: die Nutzung der Funkchips zu beschränken.
Hersteller und Nutzer der RFID-Chips wehren sich gegen die Vorwürfe der Datenschützer. Ziel sei es, Arbeitsprozesse zu erleichtern und nicht an Kundendaten zu gelangen. "Um diesen Bedenken entgegenzuwirken, geben wir den Kunden die Möglichkeit, nach dem Bezahlen den Chip zu deaktivieren", sagt Metro-Sprecher Homeyer. Dann gibt der Chip keine Auskünfte mehr.





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