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Wirtschaft

Zwei neue Währungen für Hamburg

Ab 2006: Die Hansemark und der Alto sollen dem Euro Konkurrenz machen. Das Geld wird nur regional begrenzt gültig sein. Initiatoren wollen die lokale Wirtschaft stärken.

Hamburg. Sie heißen Roland oder Justus, kommen aus Bremen und Gießen. Und sie sind die kleinen Brüder des Euro: Regionalgeld, das nur örtlich begrenzt gültig ist und die lokale Wirtschaft stärken soll. Zwölf dieser Währungen gibt es bereits in Deutschland. Tendenz stark steigend. "Bundesweit planen 50 Initiativen die Einführung von Alternativgeld", sagte Klaus Starke vom Regionetzwerk, der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft für Regionalwährungen, dem Abendblatt. Auf Hamburg kommt dabei Anfang 2006 gleich ein doppelter Regiogeldsegen zu, denn in der Stadt tüfteln zwei Teams an jeweils einer eigenen neuen Währung.

Die "Arbeitsgruppe Zukunftsfragen" der Patriotischen Gesellschaft Hamburg will die Hansemark als regionales Zahlungsmittel einführen. Und die Initiative "Fokus Altona" setzt alles daran, daß ab Januar in ihrem Stadtteil der Alto rollt. Oder die Altonaer Krone. "Der Name und das Design der Geldscheine, die auf jeden Fall von Altonaer Künstlern gestaltet werden sollen, stehen noch nicht fest", sagt Projektleiter Dieter Bensmann. Das Konzept dagegen schon. Und das orientiert sich an der bislang erfolgreichsten deutschen Regionalwährung, dem Chiemgauer.

2003 als Schülerunternehmen an einer Waldorfschule in Prien gestartet, hat sich der Chiemgauer im Süden Deutschlands bereits durchgesetzt. "Das Modell hat sich als Gewinn für alle Beteiligten erwiesen", sagt Wirtschaftslehrer und Initiator Christian Gelleri. In den Landkreisen Rosenheim und Traunstein wird der Chiemgauer mittlerweile von 350 Anbietern - Einzelhändlern oder Handwerkern - als Zahlungsmittel akzeptiert. "Vom Biosupermarkt über den Optiker bis hin zur Massagepraxis machen alle mit", sagt Gelleri. "Seit Einführung des Regiogelds konnten die teilnehmenden Unternehmen ihre Umsätze um durchschnittlich drei Prozent steigern."

Das Konzept: Im Gegensatz zu traditionellen Währungen wie dem Euro, die auch zu Spekulationszwecken eingesetzt werden, sollen der Chiemgauer und die anderen Regionalgelder als reine "Tauschmittel" dienen. Einmal eingewechselt - meist im Verhältnis 1:1 - soll das Alternativgeld unters Volk gebracht werden. Und zwar so schnell wie möglich. "Das Geld soll möglichst häufig den Besitzer wechseln. Die Kaufkraft bleibt in der Region, das hilft der örtlichen Wirtschaft", erklärt Starke vom Regionetzwerk.

Damit der Regio-Rubel auch tatsächlich rollt und nicht in den Portemonnaies kleben bleibt, verliert das Geld an Wert. Der Chiemgauer zum Beispiel ist ein Vierteljahr gültig und muß nach Ablauf dieser Frist für zwei Prozent seines Wertes für weitere drei Monate verlängert werden. Am Chiemsee ist die neue Geldwelt in Ordnung. 211 000 Euro wurden im vergangenen Jahr in Chiemgauer umgetauscht - eine Steigerung von 238 Prozent im Vergleich zu 2003. Eine örtliche Käserei konnte wegen des steigenden Umsatzes zwei neue Arbeitsplätze schaffen. "Ein Beweis dafür, daß Lokalwährungen gerade auch den Mittelstand stärken", sagt Lehrer Gelleri, dessen Idee Schule gemacht hat.

Denn was im Süden der Republik funktioniert, läuft seit 2004 auch im Norden gut: In Schleswig-Holstein akzeptieren mittlerweile rund 120 Geschäfte, vor allem rund um Kiel und Bad Oldesloe, die Regionalwährung "Kann Was". Eine Geldmenge von 10 000 "Kann Was" befinde sich in Umlauf, sagt Erfinder Frank Schepke aus Löptin. "Ich widme dem Projekt meine ganze Freizeit, möchte noch mehr Menschen von dem Konzept überzeugen." Doch das sei nicht immer leicht. "Viele haben Vorurteile, halten die Regios für einen Modegag."

Wer mit Regiogeld bezahlt, ist "politisch aktiver als der Durchschnittsbürger", das hat Lehrer Gelleri ermittelt. Denn viele Kunden fragen sich: Was habe ich davon, wenn ich die Friseurrechnung mit dem örtlichen Geld anstatt mit Euro begleiche? "Es bringt keinen unmittelbaren Vorteil", gibt Starke vom Regionetzwerk zu. Es sei denn, das Regionalgeld werde wie eine Kundenkarte eingesetzt. Wie der Justus in Gießen. Und wie bald die Hansemark in Hamburg.

"Es ist zum Beispiel möglich, daß ein Restaurant ab einem bestimmten Rechnungsbetrag einen Gutschein ausgibt, für den der Kunde beim nächsten Besuch einen Vorspeisenteller bekommt", erklärt Michael Hönnig von der Hansemark-Projektgruppe. Im Gegensatz zu den meisten Regionalwährungen soll die Hansemark von den beteiligten Unternehmen in Umlauf gebracht werden und nicht durch das Eintauschen in Euro. "Uns geht es darum, die Lücke zu stopfen, die der Euro in der Realwirtschaft hinterläßt, wenn er in die spekulative Sphäre eingeht", ergänzt Gunnar Kliewe, der an einer Diplomarbeit über Regionalgeld arbeitet.

Wirtschaftsexperten beobachten die sogenannten Komplementärwährungen - also die Vereinbarungen innerhalb einer Gemeinschaft, eine Währung neben dem offiziellen Geld als Tauschmittel zu akzeptieren - durchaus skeptisch. "In manchen Fällen basiert das Konzept leider auf der romantischen Vorstellung, nur mit jemandem in Handelsbeziehungen treten zu wollen, der dieselben wirtschaftlichen Ideale hat wie man selbst", sagt Konrad Lammers, der beim Hamburger Wirtschaftsforschungsinstitut HWWA für den Wirtschaftsraum Europa zuständig ist.

Die Regionalwährungen seien ein kompletter Gegenentwurf zur Idee, die hinter dem Euro stecke. "Man hat bewußt von der Mark auf den Euro umgestellt, um den Wirtschaftsraum zu vergrößern. Mit den Parallelwährungen fällt man in die Regionalisierung zurück und läuft Gefahr, sich aus dem allgemeinen Wirtschaftskreislauf zu verabschieden." Lammers glaubt nicht, daß sich die Regionalgelder langfristig durchsetzen werden.

Beim Regionetzwerk in Stuttgart ist man vom Gegenteil überzeugt. Die Vision von Klaus Starke: Ende 2006 wird es in Deutschland flächendeckend lokale Währungen geben. "Man darf das Regionalgeld nicht als Konkurrenz zum Euro betrachten, sondern als sinnvolle Ergänzung." Auch die beiden Hamburger Initiativen sind sich sicher, daß man in der Hansestadt schon bald vom Fisch bis zum Fahrrad alles mit Lokalgeld bezahlen kann. Und so könnte es schon in wenigen Monaten heißen: "Haste mal 'ne Hansemark?"

 

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