Von Heuschrecken und Hedge-Fonds
Finanzinvestoren: Immer mehr kaufen sich in deutsche Unternehmen ein. Die Deutschland AG befindet sich in Auflösung. Ausländische Geldgeber bedeuten Chance und Risiko.
Hamburg. Die Diskussion um die von SPD-Chef Franz Müntefering als "Heuschrecken" bezeichneten Finanzinvestoren hat neue Nahrung erhalten: Ein auf den als Steuerparadies bekannten Cayman-Inseln ansässiger Hedge-Fonds ist bei dem Handy-Ausrüster Balda mit immerhin 15 Prozent eingestiegen - und der von Mallorca aus tätige Fondsmanager Florian Homm ließ gleich wissen, er erwarte jährliche Gewinnsteigerungen von mindestens ebenso 15 Prozent. Selbst DaimlerChrysler ist angeblich schon zu 20 Prozent in der Hand von Hedge-Fonds, die den Vorstand zur Schließung der Kleinwagentochter Smart drängen sollen.
Nachrichten wie diese illustrieren einen in konkreten Zahlen greifbaren Trend: Deutschland ist attraktiver geworden für Investoren aus dem Ausland. Im zweiten Quartal kauften sie für netto mehr als 26 Milliarden Euro Aktien deutscher Unternehmen - das war der höchste Wert seit Jahren. Auch bei den Firmenbeteiligungen durch Finanzinvestoren außerhalb der Börse gab es einen Rekord: Im ersten Halbjahr bezahlten die sogenannten Private-Equity-Fonds 12,9 Milliarden Euro für Anteile an deutschen Firmen - soviel wie nie zuvor.
Doch längst nicht alle Beobachter sind erfreut über das zunehmende Interesse der Ausländer. Zum Beispiel Müntefering, der das Wort von den "Heuschrecken" aufbrachte, nachdem der von einem Private-Equity-Fonds übernommene Armaturenhersteller Grohe - dessen Stammsitz im Wahlkreis des Politikers liegt - auf einen Schlag jeden dritten Arbeitsplatz in Deutschland strich.
Experten sehen mehrere Gründe für das neue Interesse der Ausländer an hiesigen Firmen. Einer davon ist die allmähliche Auflösung der "Deutschland AG" mit ihren vielfältigen Verflechtungen zwischen Banken und Unternehmen: "Die Banken wollen nicht länger die Holding der gesamten deutschen Industrie sein", sagt Henning Klodt, Volkswirtschaftler am Institut für Weltwirtschaft Kiel. Hinzu komme noch: "Deutsche Firmen sind im Vergleich zu denen im Ausland relativ niedrig bewertet."
Das sieht man in der Private-Equity-Branche ähnlich: "Man kann aus vielen deutschen Unternehmen mehr machen, wenn sie eigenständig agieren und nicht mehr in eine Konzernstruktur eingebunden sind", sagt Hanns Ostmeier, Deutschland-Chef von Blackstone, einem der weltweit größten Spezialisten für außerbörsliche Beteiligungen. "Häufig ist das Ergebnisverbesserungspotential höher als im Ausland."
Ihren Geldgebern stellen diese Investoren jährliche Renditen von 20 bis 30 Prozent in Aussicht. Nach meist rund fünf Jahren machen sie bei ihren Beteiligungen Kasse - und dabei muß sich das Kapital wegen des hohen Flop-Risikos im Einzelfall noch deutlich besser verzinsen als im Schnitt über alle Investments. Zwar arbeiten Private-Equity-Firmen völlig anders als Hedge-Fonds, die ihre Beteiligungen an der Börse zusammenkaufen und dabei oft im Verborgenen bleiben. Gemeinsam ist beiden Anlegergruppen - neben der Herkunft aus dem zumeist angelsächsischen Raum - die hohe Renditeerwartung auf kurze Sicht.
Das ist für viele Deutsche ungewohnt und es löst bei manchen diffuse Ablehnung aus. Dabei sei die "Heuschrecken"-Diskussion aber nur ein "Nebenkriegsschauplatz, meint Dierk Hirschel, Chefökonom des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB): "Uns geht es um Grundsätzliches, um die Frage: Was hat der Wandel vom Rheinischen Kapitalismus zu einem Shareholder-Value-Kapitalismus für Auswirkungen auf Wachstum und Beschäftigung?"
Hirschel macht keinen Hehl daraus, daß er von diesem Wandel nichts Gutes erwartet: Der Grund: "Wir haben in Deutschland bei den Innovationen eine andere Tradition als in angelsächsischen Ländern. Wir setzen nicht auf radikale Produktinnovationen, sondern auf schrittweise Prozeßverbesserungen, wobei die Mitarbeitervertretungen eingebunden sind. Diese Strategie hat gut funktioniert. Sie erfordert aber eine langfristig orientierte Geschäftspolitik."
Gerade sie sei bei dem neuen Investorentyp nicht mehr gegeben: "Heute wird als erstes versucht, die Arbeitskosten zu reduzieren." Allerdings räumt Hirschel ein: "Schwarz-Weiß-Denken bringt uns nicht weiter." Es gebe durchaus Private-Equity-Fonds, die zum Beispiel aus einer mittelständischen Firma durch Zukäufe einen international bedeutenden Anbieter machen. "Es gibt aber auch solche - wie im Beispiel Grohe - die einfach die Produktion nach China verlagern und das Unternehmen ausquetschen."
"Natürlich muß man kurzfristig realisierbare Maßnahmen umsetzen", räumt Blackstone-Manager Ostmeier ein. "Aber Private-Equity-Investoren verdienen ihr Geld ja erst dadurch, daß sie eine Beteiligung erfolgreich weiterverkaufen. Dazu müssen wir einen Käufer finden, der seinerseits eine Perspektive für das Unternehmen sieht. Das geht nur, wenn es gut aufgestellt ist und Substanz hat - nicht, wenn es ausgequetscht wurde."




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