Immer mehr Verdächtige in VW-Affäre
Autokonzern: Jobabbau möglich. Vorwurf: Pischetsrieder und Piëch wußten von Betriebsratskonto. Markenchef will sparen.
Hamburg/Wolfsburg. Die VW-Affäre zieht nach Angaben von Vorstandschef Bernd Pischetsrieder weitaus weitere Kreise als bisher bekannt. "Das Netz der Tarnfirmen ist größer und komplizierter als gedacht", sagte er dem Magazin "Stern". Insgesamt seien "50 oder 60 Personen in dem Zusammenhang aufgetaucht. Unklar ist nur, wer sich etwas zu Schulden kommen lassen hat", so der VW-Chef. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bisher gegen drei ehemalige VW-Mitarbeiter, darunter Ex-Betriebsratschef Klaus Volkert.
Laut Pischetsrieder ist es bei der Affäre bei den "drei Vorgängen" Indien, Angola und der Firma F-Bel in Prag geblieben. "Aber anscheinend ist der Kreis der nicht zum Unternehmen gehörenden Beteiligten größer als erwartet."
Dem früheren Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer, einem der Beschuldigten, warf der VW-Chef vor, er habe versucht, Menschen abhängig zu machen. "Es gibt eine Reihe von Mitarbeitern, die mir sagten, von ihm Geld angeboten bekommen zu haben, es aber nicht angenommen hätten", sagte Pischetsrieder.
"Ich möchte wissen, woher er das Geld hätte nehmen sollen, von seinen 90 000 Euro Gehalt?", sagt dagegen der Anwalt Gebauers, Wolfgang Kubicki, zu den Anschuldigungen. Gebauer hätte lediglich Geld für die Betriebsräte verauslagt und dieses dann über das Konto "Diverses", mit der internen Nummer 1860, erstattet bekommen; ein Konto, von dem im übrigen sowohl Pischetsrieder, VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch als auch der zurückgetretene Personalvorstand Peter Hartz gewußt hätten, so Kubicki zum Abendblatt. "Bei der Gerichtsverhandlung am 17. November werde ich das System der Abrechnungen bei VW offenlegen", so der Anwalt.
Bis dahin haben die Ermittler in der Affäre aber noch viel Arbeit vor sich. Von den "Millionen Seiten" umfassenden Dokumenten seien bisher "noch keine zehn Prozent" überprüft worden, sagte Piëch. Im September erwarte er einen Zwischenbericht. Bis dahin arbeitet der größte europäische Autohersteller mit Hochdruck an Kostensenkungen.
So hat Pischetsrieder gestern erneut die dringende Notwendigkeit drastischer Einsparungen besonders an den europäischen Standorten betont. Diese seien weit davon entfernt, Autos profitabel in die USA und andere Märkte zu exportieren, sagte Pischetsrieder bei einer Analystenkonferenz. Dabei sei das Problem, "daß wir nicht profitabel aus Europa exportieren können, nicht nur ein Problem von Volkswagen, sondern der gesamten europäischen Autoindustrie".
Die Personalkosten sollten bisher bis zum Jahr 2011 um zwei Milliarden Euro sinken. Dies soll nun früher geschehen, so Pischetsrieder. Möglichkeiten dazu seien eine Lohnsenkung, ein Personalabbau oder beide Maßnahmen. Pischetsrieder drohte, das Passat-Werk in Emden habe keine Zukunft, wenn der Passat von dort nicht auskömmlich in die USA exportiert werden könne.
In Wolfsburg, wo nach Plänen von Markenchef Wolfgang Bernhard vor allem Nachtarbeit und die dabei anfallenden Zuschläge wegfallen sollen, könnten nach Berechnungen des Betriebsrats auf die Beschäftigten Einbußen von 300 Euro im Monat zukommen. Durch die geplante Fünf-Tage-Woche - bisher arbeiten die VW-Arbeiter vier Tage - rechnen Arbeitnehmervertreter mit einem Personalüberhang von bis zu 1500 Mitarbeitern.
In China lehnt es Pischetsrieder ab, Geld für das schwächelnde Geschäft nachzuschießen. Er wies auf Schwierigkeiten mit den beiden chinesischen Joint-Venture-Partnern hin, die sich einer Verbesserung des Händlernetzes widersetzten.
Eine Sparte dürften die Sparpläne bei VW jedoch kaum berühren: das Luxussegment. So verteidigten Piëch und Pischetsrieder die Produktion von Luxuswagen wie dem Phaeton. "Langfristig wird in Deutschland nur noch die Luxusklasse mit vernünftiger Rendite zu produzieren sein", sagte Piëch. Und dazu steht schon ein neues Modell in den Startlöchern: Die Entwicklung einer Limousine zwischen Passat und Phaeton sei so weit, daß über die Markteinführung "bald entschieden werden kann".
Klar ist für Piëch, daß der designierte DaimlerChrysler-Chef, Dieter Zetsche, VW-Markenchef Bernhard zurückholen wolle. Auf die "Stern"-Frage, wie es ihm gelungen sei, Bernhard zu halten, sagte Piëch: "Herr Bernhard hat sich ausgerechnet, daß Herr Pischetsrieder fünf Jahre älter als Herr Zetsche ist. Er weiß, wo er früher dran ist."




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