Billigfirmen bedrohen Hamburgs Handwerk
Ostkonkurrenz mit Angeboten von fünf bis zehn Euro pro Stunde gefährdet jeden zweiten Arbeitsplatz bei vielen Betrieben.
Hamburg. Das Hamburger Handwerk gerät durch osteuropäische Konkurrenz zunehmend in Bedrängnis. Im Zuge der EU-Osterweiterung meldeten sich allein in den vergangenen zwölf Monaten 210 Polen als Fliesenleger bei der Kammer an. Damit kommt inzwischen fast die Hälfte aller 550 Anbieter aus Osteuropa. Ähnlich sieht es bei den Gebäudereinigern aus. Von 580 Betrieben werden etwa 150 von Polen geführt.
"Bei diesen Firmen handelt es sich vorwiegend um Ein-Mann-Betriebe, die sich in einem Gewerk anmelden, aber alles anbieten von Malerarbeiten bis zum Strippenziehen", sagt Handwerkskammer-Präsident Peter Becker dem Abendblatt. Das Problem: Diese Betriebe verlangten für ihre Leistungen Dumpingpreise von fünf bis zehn Euro die Stunde. "Da können Fachbetriebe, die zur Tariftreue verpflichtet sind, nicht mithalten", sagt Michael Seitz, Geschäftsführer der Bau-Innung Hamburg. Denn zum Nettolohn eines Gesellen von 15,39 Euro kämen noch bis zu 125 Prozent Kosten für den Arbeitgeber drauf. "Wir zahlen für eine Arbeitsstunde im Schnitt 40 Euro."
Sorge bereite der Handwerkskammer auch die mangelhafte Qualifikation der neuen Wettbewerber. Seit der Abschaffung des Meisterzwangs 2004 kann sich jeder als Fliesenleger, Raumausstatter oder Gebäudereiniger anmelden. "Jeder kann im Baumarkt ein paar Fliesen, Mörtel sowie die Videoanleitung zum Fliesenlegen erwerben und ein Gewerbe anmelden", sagt Seitz. "Spätestens in ein paar Jahren bekommen die Kunden die Quittung - mit schweren Bauschäden."
Der massive Preiswettbewerb verschärft die schwierige Situation im Handwerk. Laut Statistischem Bundesamt lagen die Umsätze der selbständigen Betriebe in den ersten drei Monaten dieses Jahres 6,2 Prozent unter denen des Vorjahresquartals. Die Zahl der Beschäftigten bundesweit sank um 4,1 Prozent. Besonders dramatisch sind die Auswirkungen des Konkurrenzkampfes im Hamburger Fliesenlegerhandwerk. "Die Auftragslage ist zuletzt um 50 Prozent zurückgegangen", sagt Stefan Bormann, in der Bau-Innung für das Fliesenleger-Handwerk zuständig. Für die Betriebe bedeute das: "Abbau von Arbeitsplätzen - und zwar radikal." Bormann befürchtet, daß bald jede zweite Stelle im Handwerk gestrichen werden könnte.
Verbraucherschützer bewerten die Konkurrenz hingegen positiv, weil bisher keine Beschwerden eingingen. "Wenn die Preise niedrig sind und die Qualität stimmt, ist gegen die Angebote nichts zu sagen", so Edda Castello von der Hamburger Verbraucher-Zentrale.
Neben der Konkurrenz aus Osteuropa sorgen sich die Hamburger Betriebe um den Nachwuchs. Becker im Interview: "Jeder siebte Bewerber ist ein Problemfall."




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