Massenprodukte ohne Chance
Industrie: Jährlich sind bundesweit 150 000 Stellen in Gefahr. Experten: Zukunft liegt in High-Tech.
Hamburg. Siemens verkauft seine Handy-Sparte nach Taiwan. AEG will sein Nürnberger Hausgerätewerk schließen. Der traditionsreiche Armaturenhersteller Grohe streicht 1240 Stellen in Deutschland. Täglich dringen neue Hiobsbotschaften über Stellenabbau, Firmenverlagerungen ins Ausland und Werksschließungen aus den Unternehmen. Und dieser Trend droht, sich fortzusetzen. "Wir müssen damit rechnen, daß weiter Arbeitsplätze in der Industrie verlorengehen", befürchtet der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).
Nach einer aktuellen Studie der TU München gehen seit längerem pro Jahr rund 100 000 Stellen aus der Industrie ins Ausland verloren. "In der Zukunft könnten es jährlich sogar mehr als 150 000 Jobs sein", nennt Betriebswirtschaftsprofessor Horst Wildemann das Ergebnis seiner Untersuchung unter deutschen Industriefirmen. Mit jeder Stelle in der Industrie verschwinden durchschnittlich zudem 1,6 bis 2,5 Jobs im Handwerk.
"Der Standort Deutschland hat nur eine Chance, wenn Unternehmen, Gewerkschaften und Staat gemeinsam in einer konzertierten Aktion das Problem angehen", sagt Wildemann dem Abendblatt. Forderungen nach Lohnkürzungen allein seien der falsche Weg. Vielmehr müssen gleichzeitig die Produktivität erhöht, die Lohnstückkosten gesenkt, die Qualität verbessert und die allgemeine Bürokratie abgebaut werden. Vor allem sollten die Manager mutiger werden, appelliert Wildemann: "Vor jeder Verlagerung ins Ausland müßten zunächst die Produktionsstrukturen in den heimischen Werken optimiert werden."
Trotz vieler negativer Nachrichten sehen Wirtschaftswissenschaftler in dem Industriestandort Deutschland noch keineswegs ein Auslaufmodell. "Die Industrie ist für Deutschland nicht verloren", meint Joachim Scheide, Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Allerdings haben nicht mehr alle Branchen und Produkte hierzulande eine Chance. "Weiter stark gefragt sind hochwertige, maßgeschneiderte Produkte aus dem deutschen Maschinenbau, der Elektrotechnik und des Fahrzeugbaus." Bei standardisierten Massenprodukten - wie beispielsweise Handys, Kühlschränken oder Turnschuhen - könne Deutschland dagegen immer schwerer mithalten. "Einfache Produkte können andere Länder in Osteuropa oder Asien auf Grund der niedrigeren Löhne bei gleicher Qualität günstiger herstellen", ist auch Eckhardt Wohlers, Konjunkturchef vom Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA), überzeugt. Auch er sieht die Zukunft der deutschen Industrie in "intelligenten Produkten", wie sie die Flugzeugindustrie zum Beispiel mit Airbus biete. Damit Deutschland auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig bleibe, sei es jedoch nötig, einige Komponenten kostengünstiger im Ausland zu produzieren, um das Gesamtprodukt billiger anbieten zu können.
Der Stellenabbau in der Industrie ist Teil des Strukturwandels der deutschen Wirtschaft zur Dienstleistungsgesellschaft. Arbeiteten 1991 noch 11,3 Millionen Menschen in der Industrie, sind es heute nur noch 8,0 Millionen. Im Dienstleistungsbereich und Handel sind unterdessen heute 27,6 Millionen Mitarbeiter beschäftigt, während es 1992 nur 22,9 Millionen waren. Und dieser Trend setzt sich fort. Gerade im Ausbau des Gesundheits- und Finanzsektors sehen Volkswirte noch große Wachstumschancen.





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