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Wirtschaft

Mehdorn putzt die Bahn heraus

Hamburg-Berlin: Hohe Auslastung auf der Schnellstrecke. 93 Prozent aller Fernzüge sind pünktlich.

Hamburg. Hartmut Mehdorn (62) wirkt in diesen Tagen sichtlich entspannt und gut gelaunt. Um den Mann, der wie kaum ein anderer Manager in der Republik häufig im Schußfeld der Kritik steht, ist es ruhiger geworden. Zumindest in der Öffentlichkeit. Rücktrittsforderungen - wie sie nach dem verschobenen Termin für den Börsengang der Bahn im vergangenen Herbst aus Reihen der Politik erhoben wurden - sind verstummt. Auch die Fahrgäste scheinen zufriedener, seitdem mittlerweile 93 Prozent aller Züge im Fernverkehr pünktlich - mit weniger als fünf Minuten Verspätung - ihr Ziel erreichen. 2005 sollen es schon 95 Prozent der Züge sein.

Diese Qualitätsverbesserung hebt die Stimmung von Mehdorn, der trotz heftiger Kritik an seiner Person selbstbewußt zurückblickt: "2004 war ein gutes Jahr für die Bahn. Wir haben uns in allen Bereichen bewährt. Und auch 2005 ist gut angelaufen. Wir liegen im ersten Quartal über unserer Planung." Erstmals ist dem resoluten Sanierer, der seit 1999 die Geschicke der Bahn lenkt, 2004 der Sprung in die Gewinnzone gelungen. Das Betriebsergebnis vor Steuern nach Zinsen stieg auf 250 Millionen Euro, nach noch 170 Millionen Euro Verlust im Vorjahr. Der Umsatz kletterte um vier Prozent. Im Schienenverkehr wurde ein Rekord eingefahren. Im Personenverkehr legte die Bahn um ein Prozent auf 1,7 Milliarden Fahrgäste zu. Besonders viel Spaß macht dem Bahnchef die neue Schnellstrecke Hamburg - Berlin, die mit einer Auslastung von mehr als 50 Prozent - bundesweit liegt die Quote bei 41 Prozent, von 45 Prozent an wird Geld verdient - Spitzenwerte erreicht: "So gut, pünktlich und schnell wären wir gerne überall."

Zahlen, die den Vollblutmanger Mehdorn "stolz" machen, wie er sagt, aber keineswegs selbstzufrieden: "Unser Sanierungsprozeß der letzten Jahre trägt jetzt Früchte. Aber wir müssen noch besser werden." Dieses Streben nach Verbesserung ist typisch für den Maschinenbauingenieur. Mehdorn gibt sich nicht mit Mittelmaß zufrieden. Er ist ein Schaffertyp, der hundertprozentig hinter seinen Aufgaben steht. Als Airbus-Chef zeigte Mehdorn Biß, die Heidelberger Druckmaschinen brachte er an die Börse.

Mehdorn gilt als ideenreich, innovativ und agil. Manchmal aber geht sein Temperament mit ihm durch. Doch hat er die Größe, sich zu entschuldigen. Mehdorns forsche Gangart war für den Umbau des behäbigen Staatsbetriebs zum Privatkonzern zwar selten bequem, aber notwendig. "Wir hatten seit 1994 einen rigiden Sanierungskurs", räumt Mehdorn ein. Den Beschäftigten, standen dabei "manchmal die Haare zu Berge". Selbst den Vorstand und die obere Führungsebene straffte er deutlich. Zugleich wurden 90 Milliarden Euro in den Ausbau des Schienennetzes gesteckt. Doch Mehdorn sieht die Bahn vor einer Wende: "Die harten Zeiten der Sanierung sind vorbei."

Zwar werde auch künftig rationalisiert und "jeder Euro zweimal umgedreht", doch harte Schnitte seien derzeit nicht angedacht. Die Gewerkschaft Transnet hört dies gerne. "Jetzt müssen den Worten Taten folgen", sagt Michael Klein. Klar ist: Die Sanierung hat den Alltag der Bahner verändert: Seit 1994 wurden laut Transnet 200 000 Stellen bei der Bahn gestrichen, neue Jobs kamen durch Firmenzukäufe dazu. Heute arbeiten 225 512 Mitarbeiter bei der Bahn - jeder achte im Ausland. Das Gute im Schlechten: Alle Jobs wurden sozialverträglich abgebaut, keinem wurde gekündigt. Und Mehdorn versichert: "Mitarbeiterabbau ist für uns kein Ziel und wird es auch nicht."

Die Zukunft sieht der Bahn-Chef in Europa: "Unser Heimatmarkt ist Europa. Deutschland allein wäre zu klein für uns." Aber auch der Schienenbetrieb allein reicht Mehdorn nicht. Insbesondere beim Sorgenkind Fernverkehr lasse sich bisher kaum Geld verdienen, während sich der Regionalverkehr - allerdings von den Ländern bezuschußt - rechne. Die Bahn hat sich deshalb längst als Mobilitätsdienstleister aufgestellt - im Personen- und im Güterverkehr. "Es reicht heute nicht mehr nur Fracht zu transportieren", so Mehdorn. Die Bahn decke die gesamte Logistikkette ab - vom Abholen, Zwischenlagern, Transport bis zur Auslieferung. 40 Prozent des Umsatzes - etwa 24 Milliarden Euro - erziele das Unternehmen bereits mit dem Geschäft außerhalb der Eisenbahn - über seine Spedition Schenker, den Busverkehr oder den Fahrradvermietservice. "In diesem Bereich werden wir künftig noch schneller wachsen", kündigte Mehdorn an. Nächstes Projekt: Reisende im Fernverkehr sollen beim Ticketkauf bald auch Parkplätze am Bahnhof mitreservieren können.

Einen Börsengang der Bahn hält Mehdorn für unausweichlich. "Finanzminister Hans Eichel wird nie das Geld haben, das wir zum Ausbau des Bahnnetzes brauchen", so Mehdorn. Spätestens 2006 oder 2007 sei der Konzern kapitalmarktreif, meint der Chef: "Den Termin des Börsengangs muß jedoch der Bund als Gesellschafter bestimmen." Um die Qualität des Schienennetzes zu sichern plädiert Mehdorn, dieses auch künftig in der Obhut des Bahn-Konzern zu belassen. Zudem müsse die Finanzierung der Infrastruktur - derzeit sind allein drei Milliarden Euro jährlich für den Erhalt des Schienennetzes notwendig - vom Staat langfristig gesichert und die Vergabepraxis vereinfacht werden.

Der Wettbewerb auf der Schiene funktioniere bereits: 5,4 Prozent des Regionalverkehrs und 10,2 Prozent im Güterverkehr werden von privater Konkurrenz wie Connex erbracht. Nur im Fernverkehr steigt kaum ein Privatier ein, weil dort keine hohen Renditen winken, so der Vorstand.

Ob Mehdorn bereits neue Konflikte befürchtet? "Bei der Bahn passiert immer was. Aber ein Mann wie ich hält das aus."

 

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