Internet: Anbieter aus Rußland, der Ukraine und Spanien locken mit billigen Downloads. Musikbranche spricht von illegalen Praktiken. Experten: Grauzone.
Hamburg. Eigentlich hatte die Musikbranche gehofft, das Schlimmste überstanden zu haben. Jahrelang hatten die Plattenbosse Zeter und Mordio gerufen, weil illegale Musiktauschbörsen und raubkopierte CDs für rapide sinkende Umsätze sorgten. Dann kam im vergangenen Jahr mit den legalen Internetangeboten von iTunes oder Musicload die ersehnte Wende. Die Nutzer zahlen seitdem 99 Cent oder 1,29 Euro pro Song. Gerd Gebhardt, Chef der deutschen Phonoverbände, konnte deshalb vor zwei Wochen die frohe Botschaft verkünden: "Für 2005 erwarten wir eine stabile Marktentwicklung, ab 2006 dann wieder leichte Zuwächse."
Doch möglicherweise geht die Rechnung nicht auf. Zwar verzeichnen die legalen Musikanbieter im Netz steigende Nutzerzahlen. Allein der weltweite Marktführer iTunes vermeldete gerade den 300millionsten "downgeloadeten" Song. Doch illegale Anbieter treiben weiter ihr Unwesen. Bis zu einer Milliarde Songs werden Monat für Monat nach Schätzungen von Experten über illegale Plattformen "getauscht". Und dazu droht den legalen Musikbörsen jetzt noch ein harter Wettbewerb von Anbietern aus Rußland, der Ukraine und Spanien, die nach eigenen Angaben legal Musik über das Netz vertreiben. Allerdings zu Preisen, bei denen iTunes und Musicload nicht konkurrieren können. Zwei Cent pro Megabyte, also zwischen fünf und acht Cent kostet das Herunterladen eines Songs von ABBA bis ZZ Top etwa beim russischen Anbieter AllofMP3.com, ein ganzes Album ist dort schon für 50 oder 70 Cent zu haben. Ähnliche Preise verlangt auch der Anbieter Media Club (mcclub.te.net.ua) aus der Ukraine. Bezahlt wird per Kreditkarte oder anonym und weniger risikoreich über etablierte Internetbezahlsysteme wie PayPal und WebMoney. Allerdings: Titel wie Nenas Chartstürmer "Liebe ist" oder die einfühlsamen Ballade "Symphonie" von Silbermond sucht man bei den Anbietern aus der Ukraine vergebens. Und auch aus Spanien kommt ein verlockendes Angebot. Weblisten.com bietet Musikdateien im Format MP3 als Abo-Modell an: Neun Euro kostet eine Nacht, 29 Euro ein Monat unbegrenztes Download-Vergnügen. Insgesamt 300 000 Titel stehen zur Auswahl.
Doch das Treiben von AllofMP3.com und Co. stößt auf heftige Kritik der Musikbranche. "Das Herunterladen aus offensichtlich illegalen Quellen ist in Deutschland verboten", sagt Hartmut Spiesecke, Sprecher des Bundesverbands der Phonographischen Wirtschaft, dem Abendblatt. Seine Begründung: Die Anbieter mit den verlockend günstigen Preisen hätten die notwendigen Rechte für den Vertrieb in Deutschland nicht eingeholt. Vier Arten von Rechteinhabern müßten dem laut Gesetz aber zustimmen: Texter, Komponist, Interpret und Tonträgergesellschaft.
Die Betreiber der Billigmusikanbieter im Netz sehen das anders. "Wir teilen alle Einnahmen mit dem Plattenlabel oder Künstler", heißt es beim Media Club aus der Ukraine. AllofMP3.com verweist auf eine Lizenz der staatlichen Verwertungsgesellschaft ROMS. Der Weltverband der Musikindustrie (ifpi) argumentiert dagegen, daß das Angebot der Russen offenkundig auf westliche Konsumenten ausgelegt ist. Doch der Versuch, strafrechtlich gegen AllofMP3.com vorzugehen, scheiterte Anfang März. Die Behörden in Moskau lehnten das Ansinnen ab. Die Begründung: Man könne sich nicht mit dem digitalen Transfer von Musik befassen, sondern nur mit dem Verkauf "realer" Ware.
Operiert AllofMP3.com nun legal oder nicht? Der Hamburger Anwalt und Spezialist für Musikrecht Andres Heyn spricht von einer "Grauzone". Es sei aber für jeden erkennbar, "daß die Leute, die die Musik verkaufen, keine Rechte daran haben", so Heyn zum Abendblatt. Es sei zudem ein krimineller Hintergrund zu vermuten. Daß die Phonoindustrie die Nutzer nicht verfolge, sei daher "nicht konsequent". Allerdings sind sich viele Experten einig, daß Nutzer, die nur für den privaten Gebrauch konsumieren, ohnehin keine Strafe erwartet.





