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Wirtschaft

Das wahre Märchen vom Matrosen Aponte

Traumkarriere: Als armer Junge wuchs er am Golf von Neapel auf, wie seine Freundin Sophia Loren. Heute besitzt er die zweitgrößte Containerreederei der Welt. Doch kaum jemand weiß, wie Gianluigi Aponte dieses Imperium schuf.

Neapel. Als Gianluigi Aponte zum ersten Mal an der Mole im Hafen von Neapel stand, lagen die Kais noch in Kriegstrümmern. Er war ein Junge aus dem armen Sorrent und konnte im besten Fall darauf hoffen, Matrose zu werden. Nur ein paar Kilometer weiter spielte damals im zerbombten Pozzuoli ein Mädchen in den Trümmern, das Sofia Scicolone hieß und sich seiner Verwandtschaft mit dem ehemaligen Diktator Mussolini schämte. Gianluigi und Sofia - die beiden hätten sich damals nicht träumen lassen, dass sie irgendwann einmal, im Sommer des Jahres 2004, gemeinsam als Persönlichkeiten von Weltrang am Kai in Neapel stehen würden: als Filmstar Sophia Loren (69), die das neue Kreuzfahrtschiff "MSC Opera" tauft, und als Großreeder Gianluigi Aponte (64), dem das Schiff gehört.

Aponte nennen sie in Neapel nach wie vor den "Commandante", als wäre er noch immer der Mann, der vor Jahrzehnten im ölverschmierten Overall kleine Schiffe durch den Golf von Neapel schipperte. Und sie verehren ihn wie einen Helden, weil er aus alter Verbundenheit zu seiner Heimat die meisten der 23 000 Angestellten seines Weltkonzerns Mediterranean Shipping Company (MSC) vom Golf von Neapel holt.

Wer an den Hängen des Vesuvs geboren wird, hat es im Leben selten leicht. Die Jugendarbeitslosigkeit erreicht bis zu 75 Prozent, und die Kriminalitätsrate gehört zu den höchsten der Welt. Die neapolitanische Mafia, die Camorra, ermordet pro Jahr mehr als 200 Menschen. Es ist leicht, am Golf von Neapel den Mut zu verlieren.

Auch Sorrent war alles andere als ein Urlaubsparadies, als hier im Jahr 1940 Gianluigi Aponte geboren wurde. Die Stadt am südlichen Rand des Golfs von Neapel litt schwer unter dem Krieg. Die Eltern von Gianluigi, die in Italienisch-Somalia gelebt und dort ein Hotel namens "Croce del Sud" (Kreuz des Südens) hatten, mussten zur Zeit der deutschen Besatzung hungern. Ihre Verhältnisse blieben auch nach dem Krieg bescheiden. Und so lernte Gianluigi das, was am Golf von Neapel seit fast drei Jahrtausenden fast alle jungen Männer lernen: Er wurde Matrose.

Den Schiffsverkehr auf dem Golf von Neapel beherrschte damals ein Mann namens Achille Lauro. Die Lauro-Linie schipperte wohlhabende Touristen aus der ganzen Welt von Neapel nach Capri und Ischia. Auf einem dieser Schiffe heuerte Gianluigi Aponte an. Es war harte Arbeit. Der Patriarch Achille Lauro verlangte viel, die Bezahlung war schlecht und reichte meistens nur zu Spaghetti und Muscheln, die in Meerwasser gekocht wurden, weil Frischwasser zu kostbar dafür gewesen wäre. Ein Arme-Leute-Essen damals, das heute in Neapel als Spezialität angeboten wird.

Gianluigi Aponte biss sich durch; noch heute schätzen die Neapolitaner den zurückhaltenden Mann auch deshalb, weil er tatsächlich ein Mann der Meere ist. Er hat sich nicht angelesen, wie man ein Schiff durch schweren Sturm manövriert, er hat es erlebt. Aponte durchlief alle Karriereschritte bis zum Kapitän auf Schiffen der Achille-Lauro-Linien, die im Golf von Neapel kreuzten. Ab und zu den Firmenpa-triarchen selbst zu sehen, war eine der höchsten Auszeichnungen für ihn. Niemand, am wenigsten er selbst, hätte je daran gedacht, dass er eines Tages die Kreuzfahrtlinie "Starlauro" des Patriarchen sozusagen im Vorbeigehen aufkaufen sollte.

Kommandant auf einem Schiff der Lauro-Linien zu werden war Gianluigi Aponte aus eigener Kraft gelungen. Beim weiteren Aufstieg halfen ihm das Schicksal - und die Liebe. Aponte war ein außerordentlich attraktiver Mann, und das fiel auch Raffaela Denat auf. Die Tochter eines reichen Schweizer Bankiers war mit ihrer Mutter Patricia auf Kreuzfahrt, als sie sich in den eleganten Kapitän verliebte. Der Golf von Neapel war damals noch der Spielplatz der Superreichen. Massentourismus war unbekannt. Als Gianluigi seiner Familie mitteilte, dass er heiraten wolle, wollte die das erst einmal nicht glauben. Was sollte ein Mann des Meeres in der Schweiz? (Noch heute fragen sich viele Schifffahrtsexperten, wie es eigentlich kommt, dass die zweitgrößte Containerreederei der Welt ihren Sitz ausgerechnet in Genf hat, weit weg von einem Seehafen.)

Im Jahr 1969 trat Gianluigi Aponte aus Liebe, nicht aus Überzeugung in die "Bernie Cornfield Agentur" in Genf ein und versuchte mit Fonds zu handeln. Er fühlte sich wie ein Fisch auf dem Trockenen. "Ich war zeitweilig unglücklich in der Schweiz", gibt der äußerst schweigsame Mann heute zu. Er versuchte sich als Broker, vermittelte Schiffsladungen. Und er träumte von einem eigenen Schiff.

Der Traum wurde wahr, dank des Vermögens seiner Frau. Aponte kaufte ein angeblich schrottreifes deutsches Schiff, die "Korbach", und gründete die "Aponte Shipping Company" mit Sitz in Liberia. Das zweite Schiff erwarb er für den Spottpreis von 263 000 US-Dollar; es war die "Pazifik" der Globus-Reederei, die der Firma Henkel in Düsseldorf gehört hatte. Sie war in der Auflösung begriffen.

Aponte begann mit einem Liniendienst nach Somalia, wo die Familie über alte Kontakte verfügte, und setzte nun rasch sein Konzept um: günstig Schiffe zu kaufen und das Geschäft vor allem auf den Transport von Containern zu beschränken. Heute transportiert die Nachfolgerin der in Liberia gegründeten ersten Aponte Shipping Gesellschaft, die MSC, mehr als drei Millionen Container pro Jahr mit 250 Schiffen und erwirtschaftet einen Umsatz von 4,5 Milliarden US-Dollar.

Wie das in Neapel nun einmal so ist, belässt auch Aponte alles in der Familie. Er ist der einzige Aktionär, die MSC ein Familienbetrieb und in Familienbesitz. Geschäftsführer ist Pier Francesco Vago, sein Schwiegersohn. Sohn Diego Aponte kümmert sich um die Containersparte. Raffaela hingegen, ohne deren Liebe die Traumgeschichte des Gianluigi Aponte nie begonnen hätte, spezialisierte sich auf die Innenausstattung der Kreuzfahrtschiffe.

"Ich habe immer Sophia Loren bewundert, und ich habe oft daran gedacht, dass wir beide an diesem schicksalhaften Golf von Neapel aufgewachsen sind, an dem es so viel Armut gab", sagte Aponte und wählte für sein neues Großprojekt Sophia als Partnerin. Sie ist die Schirmherrin der neuen MSC-Kreuzfahrtflotte.

In der bewährten Manier, erst einmal günstig Schiffe einzukaufen, legte er sich nach dem Zusammenbruch des Kreuzfahrtunternehmens Festival als Erstes die "European Vision" zu. Auf dem Schiff hatten im Jahr 2001 während des G-8-Gipfels in Genua die mächtigsten Männer der Welt genächtigt. Inzwischen gehören zur MSC sechs Luxusliner. Den jüngsten taufte Sophia Loren unlängst auf den Namen "Opera", kein günstig erstandenes, sondern ein nagelneues Schiff von 251 Meter Länge. Alle Kreuzfahrtschiffe der MSC werden in Neapel ausgerüstet, fast die kompletten Besatzungen stammen vom Golf von Neapel. Aponte schwört auf die italienischen Tugenden seiner 23 000 Angestellten und auf italienisches Flair.

Obwohl die Stadt Neapel ihm ein Gelände für das Hauptquartier der MSC anbot, lehnte Aponte ab. Die Reederei bleibt in Genf, wo die Firmenchefs aus ihren Büros nicht aufs Wasser, sondern auf die Berge schauen. Aber sich zu erinnern ist erlaubt, so machte Gianluigi Aponte zum ersten Mal seit Jahrzehnten mit Raffaela in diesem Sommer auf Capri wieder Urlaub.

 

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