. . . Hamburgs Schuhkönig Ludwig Görtz
Hamburg. Natürlich schaut er zuerst auf die Schuhe. Wenn Ludwig Görtz einem Unbekannten gegenübersitzt, dann wandert sein Blick erst einmal am Hosenbein hinab bis zu den Füßen. "An den Schuhen lässt sich leicht erkennen, ob ein Mensch Sinn für Details hat", sagt der 69 Jahre alte Unternehmer. "Und man sieht schnell, ob jemand handfest ist oder nur oberflächlich glänzen möchte."
Görtz selbst ist ohne perfektes Schuhwerk kaum vorstellbar. Die Leidenschaft für Leisten und Leder sei wohl schon in den Genen angelegt, mutmaßt der Inhaber und Geschäftsführer des gleichnamigen Hamburger Schuhhauses. Längst Legende ist die Geschichte, dass der kleine Ludwig zuerst das Wort "Schuh" von sich gab. Görtz schmunzelt. "Die Geschichte stimmt tatsächlich, zumindest hat sie mir meine Mutter später so erzählt."
Bei so viel Begeisterung für das Schuhwerk war die Berufswahl für den jungen Ludwig Görtz kaum noch eine Frage. Mit 26 Jahren stieg er in das Unternehmen ein, das sein Urgroßvater Johann Ludwig Görtz 1875 in Barmbek gegründet hatte. "Aus der Familientradition auszuscheren, wäre damals etwas geradezu Unerhörtes gewesen", sagt Görtz.
Seine Abenteuerlust stillte der gelernte Industriekaufmann zuvor aber noch in Frankreich, Kanada und den USA, die er unter anderem im Greyhoundbus bereiste. Aus Amerika brachte Görtz die Begeisterung für das dortige Unternehmertum mit und er machte Bekanntschaft mit einer noch relativ unbekannten Firma namens IBM, die riesige, schrankgroße Rechenmaschinen produzierte. Zurück in Hamburg führte Görtz die Maschinen im Familienbetrieb ein und gehörte so zu den Pionieren des Computerzeitalters unter Deutschlands Unternehmern. "Ich habe immer versucht, neue Wege zu gehen", sagt er. Im Jahr 1980 übernahm Görtz von seinem Vater Gerd die Leitung des Unternehmens und holte mit Peter Labin erstmals einen familienfremden Manager mit in die Geschäftsführung.
Innovationsfreudig zeigte sich Görtz auch mit der Einführung der eigenen Marke Belmondo. "Ich fand es langweilig, lediglich Schuhe zu verkaufen", sagt der Unternehmer. "Als Händler sind wir viel näher an den Kunden als die Hersteller und können viel besser auf ihre Bedürfnisse eingehen." Belmondo ist heute eine der erfolgreichsten Marken von Görtz, 40 Prozent der Schuhe werden mittlerweile in anderen Schuhhäusern verkauft.
Etwa alle zehn Jahre gelang es Görtz, den Umsatz seines Unternehmens zu verdoppeln. Auf 240 Filialen mit 3000 Mitarbeitern ist die Firma mittlerweile angewachsen. Zu Görtz gehören nicht nur die Schuhhäuser gleichen Namens, sondern auch die Filialen Görtz M, Görtz 17 und die Discountkette Hess.
Die Konsumflaute in Deutschland verschont allerdings auch das Hamburger Erfolgsunternehmen nicht. So erlöste die Firma 2003 etwa 300 Millionen Euro und damit gut ein Prozent weniger als im Vorjahr. Doch Görtz wäre nicht Görtz, wenn er aus der Krise nicht etwas Positives ziehen würde. "Jammern hilft uns nicht weiter", sagt der Kaufmann und tüftelt mit dem Management bereits an einem neuen Betriebstyp, den er noch in diesem Jahr präsentieren will. Für welche Zielgruppe? "Das ist noch geheim", sagt Görtz und lächelt wieder dieses verschmitzte Lächeln.
Neben der Innovation hat der Unternehmer stets die Tradition in seiner Firma hochgehalten. Mit dem Einstecktuch in der Brusttasche seines Dreiteilers und der perfekt sitzenden Krawatte wirkt Görtz geradezu wie das Inbild des ehrbaren Kaufmanns. Die Ideale der Hamburger Kaufmannschaft hält er hoch. "Dass bei uns ein gegebenes Wort so viel zählt wie ein schriftlicher Vertrag, mag ja manchen Leuten altmodisch erscheinen", sagt Görtz. "Mir sind solche Grundsätze wichtig."
Beruhigend findet es der Kaufmann, dass die Traditionen auch in der Schuhmode wieder eine größere Rolle spielen. "Die Kunden legen wieder mehr Wert auf einen handwerklich gut gefertigten Schuh", sagt er. Daneben erlebe zwar auch der Turnschuh eine gewisse Renaissance und werde mittlerweile auch zum Anzug getragen, "doch das ist eher eine Entwicklung, die wir nicht unbedingt fördern müssen."
Ein Leben ohne den Schuhhandel kann sich Görtz nur sehr schwer vorstellen. Zwar hat er den Vorsitz der Geschäftsführung heute an den Manager Christoph von Guionneau abgegeben und seine Söhne Philipp und Robert mit Aufgaben im Unternehmen betraut. Doch sich ganz zurückzuziehen, um etwa in seinem eigenen, 750 Hektar großen Jagdrevier in der Nähe von Mölln auf die Pirsch zu gehen, das kommt für den Kaufmann nicht in Frage. Im Gegenteil: Neben der Arbeit im Unternehmen ist Görtz noch als Vorsitzender des Landesverbands des Hamburger Einzelhandels aktiv. Als solcher setzt er sich vehement für die Händler in der Hansestadt ein, kämpft aber auch dagegen, dass sich die Kaufleute gegenseitig das Wasser abgraben. Vor allem die ständige Ausweitung der Verkaufsflächen ist Görtz ein Dorn im Auge.
Ein wenig kürzer tritt der Unternehmer mittlerweile aber schon. "Ich gönne mir jetzt den Luxus, sonnabends nicht mehr ins Büro zu gehen."




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