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Wirtschaft

Der Abschied wird immer anonymer

Bestattungen: Viele Hamburger sparen auch bei der Beerdigung

Hamburg. Lange ist es her, dass große Trauergesellschaften die Fuhlsbütteler Straße zum Ohlsdorfer Friedhof hinaufzogen - als der Sarg von Männern in Pumphosen mit Säbeln an der Seite getragen wurde, und der Pastor den Verstorbenen selbstverständlich persönlich kannte.

"Wenn sich aber heute noch jemand aufwendige Feiern leistet, dann sind es meist die alten Hamburger Familien", sagt Fred Meyer (73), der sich noch gut an die Zeiten erinnern kann, als die Verstorbenen mit Pferd und Wagen zum Friedhof gebracht wurden.

Er kennt die Branche schon aus seinen Kindertagen - wuchs er doch als Spross der Hamburger Familie Meyer auf, die 1853 eines der ersten Beerdigungsinstitute der Stadt gründete und nunmehr seit 150 Jahren in dem Gewerbe tätig ist.

Seither hat sich die Kultur des Abschiednehmens stark gewandelt. Mit der zunehmenden Entfremdung von der Kirche, der räumlichen Trennung der Generationen und steigender Mobilität stirbt die traditionelle Bestattung in Hamburg mehr und mehr aus. Wer sich im Leben nicht umeinander gekümmert hat, tut es auch nicht nach dem Tod.

"Es gibt zwar immer noch Menschen, die mit der Beerdigung einen liebevollen Abschied nehmen, gerade wenn sie einen Angehörigen in schwerer, langer Krankheit begleitet haben", sagt Dieter Conrad, leitender Mitarbeiter vom Beerdigungsinstitut Erwin Jürs in Niendorf, das in diesem Jahr sogar 200 Jahre alt wird. Aber ein großer Teil der Bestattungen laufe heute nüchtern oder sogar anonym ab. So verzichtet mittlerweile jeder dritte Kunde auf eine Trauerfeier bei der Beerdigung.

Auch die Kirche verliert beim Trost der Hinterbliebenen ihren Einfluss. An die Stelle von Pastoren treten professionelle Trauerredner. Dieter Conrad, der bei Jürs auch selber diese Aufgabe übernimmt, nennt die Gründe: "Die Antworten der Kirche erreichen die Menschen nicht mehr." Gerade wenn ein junger Mensch gestorben sei, könnten viele Trauernde Erklärungen im Zusammenhang mit Schuld und Sühne nicht nachvollziehen.

Zugleich mit der Kirche verliert der Friedhof als klassischer Ort der Erinnerung an Bedeutung. "Viele Menschen wollen die Urne mit nach Hause nehmen", sagt Conrad. Und vermutlich werde dies auf Betreiben der EU in nicht allzu ferner Zukunft auch in Deutschland erlaubt. In den Niederlanden oder der Schweiz herrscht schon heute kein Friedhofszwang mehr. Hier können Urnen beispielsweise im Wald unter dem Lieblingsbaum des Verstorbenen beigesetzt werden.

Auf Hamburger Friedhöfen dagegen werden die Felder mit namenlosen Gräbern immer größer: In der Hansestadt werden heute 25 Prozent der Toten anonym bestattet. Oft gibt es keinen Hinweis auf Namen und Lebensdaten. Manchmal erinnern gemeinsame Gedenktafeln an die Toten. Der Traditionsbruch ist allerdings in ostdeutschen Großstädten am deutlichsten: In Chemnitz finden 70 Prozent der Toten die letzte Ruhe dicht an dicht in "Gemeinschaftsanlagen". In Leipzig und Erfurt sind es 50 Prozent. In München dagegen wählen nur fünf Prozent die anonyme Beerdigung.

"Sogar immer mehr Leute, die das Geld hätten, lassen ihre Angehörigen anonym bestatten", sagt Fred Meyer. "Das ist dann oft nur eine Form der Entsorgung", beklagt der Bestattungsunternehmer. Überhaupt ist der Gedanke, bei der Beerdigung und der Grabpflege Geld sparen zu wollen, heute längst kein Tabu mehr. Häufig ist es auch der Wunsch der Verstorbenen. Die günstigere Feuerbestattung wählt inzwischen die Hälfte der Menschen, in den 70er-Jahren wollte dies nur jeder Vierte. "Manchmal wenden die Menschen erschreckend wenig auf", weiß Hans-Joachim Wiedmann vom Verband der Hamburger Bestatter.

Auch Preisvergleiche gehören inzwischen zum Alltag der Branche. "Viele Hamburger lassen sich Angebote von mehreren Instituten machen und wählen dann das günstigste", so Conrad. Die Unternehmen haben sich darauf eingestellt: In Anzeigen ist schon von "Discount"-Angeboten zu lesen. Ein Begriff, der nicht in die Branche gehört, meint Conrad.

Zumal ein Großteil der Kosten ohnehin nicht vom Bestatter zu beeinflussen ist. Die anfallenden Gebühren, etwa für Totenschein und Urkunde, seien fix. Und die Preise für Grabstätten setze der Friedhof fest, der für eine Einzelgrabstätte mit dem gesetzlich vorgeschriebenem 25-jährigen Nutzungsrecht in Hamburg etwa zwischen 650 und 4000 Euro bekommt. Zwar schwanken die Preise von Särgen zwischen 590 und 4000 Euro - auch ein Presspappensarg ist bereits entwickelt, aber noch nicht zugelassen. Aber die Kosten für die Bestandteile der Trauerfeier, Blumen und andere Leistungen des Bestatters seien bei den einzelnen Instituten nicht sehr verschieden, sagt Verbandsmitarbeiter Hans-Joachim Wiedmann.

Allerdings könnte eine gesetzliche Änderung die Einkünfte der rund 90 Hamburger Institute bald noch einmal schmälern: Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) will ab 2004 das Sterbegeld von zuletzt 525 Euro gänzlich streichen. Damit wird die Zahl der Sozialbestattungen steigen, schätzt Wiedmann: Bedürftige Angehörige müssten sich für finanzielle Unterstützung an die Sozialbehörde wenden. Das Amt übernimmt die Kosten für Erd- oder Feuerbestattung im Reihengrab - mit Trauerfeier. Zumindest vom Staat also ist noch eine würdevolle Bestattung vorgesehen.

 

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