Montag, 28. Mai 2012, 00:28

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Info
  • Rechner
  • Ticket kaufen
  • studiVZ
  • meinVZ
Magazin Hafen Magazin Senioren

Wirtschaft

Interview mit dem Präsidenten des Bundesverbands Zeitarbeit,

"Zeitarbeit hat in der Krise große Chancen"

Branche blickt positiv in die Zukunft. Zahl der Mitarbeiter soll bis 2010 auf mehr als eine Million steigen. Fachkräfte stark gefragt.


Foto: Astrid Ott

Hamburg. Abendblatt:

Wenn Konzerne Personal abbauen, trifft es oft als Erstes Ihre Leiharbeiter. Überrascht Sie das?

Enkerts:

Nein. Wir sind die flexible Personalreserve für die deutsche Industrie und Wirtschaft. Dies gehört zu unserem Geschäftsverlauf. Früher waren wir sogar ein Konjunkturindikator: In schlechten Zeiten traf es uns zuerst - und in guten Zeiten waren wir auch als Erste wieder an Bord. Bei diesem Abschwung ist es anders. Der Arbeitsmarkt ist immer noch sehr robust. Noch gibt es in unserer Branche keine Massenentlassungen.



Abendblatt:

Wo gibt es die meisten Freistellungen?

Enkerts:

Wir haben derzeit ein starkes Nord-Süd-Gefälle. Die Zeitarbeit in Süddeutschland ist vor allem durch die Automobilindustrie und deren Zulieferer stark betroffen. BMW, Opel und Ford bauen Zeitarbeiter in drei bis vierstelliger Höhe ab. In Hamburg ist die Lage dagegen immer noch gut. Hier gab es noch keine größeren Entlassungswellen.



Abendblatt:

Was passiert mit den Beschäftigten?

Enkerts:

Die meisten bleiben bei den Zeitarbeitsunternehmen angestellt. Jede Firma prüft dann individuell, ob sie die Mitarbeiter bei anderen Kunden einsetzen kann. Qualifizierte Mitarbeiter - wie Ingenieure, Betriebswirte oder technische Einkäufer - werden mit Sicherheit nicht ihren Job verlieren. Denn die Nachfrage nach diesen Beschäftigten ist unverändert hoch. Für diese Kräfte wird schnell wieder ein neuer Job gefunden. Schwierig ist es für Hilfsarbeiter ohne Ausbildung - und dies ist jeder Dritte in der Zeitarbeit. Sie haben kaum mehr Chancen, über die Zeitarbeit vermittelt zu werden. Diese Beschäftigten trifft die Krise am stärksten.



Abendblatt:

Dennoch dürfte es nicht leicht sein, auf einen Schlag Tausende Mitarbeiter unterzubringen?

Enkerts:

Das stimmt. Aber wir versuchen es. Die Mitarbeiter sind schließlich bei uns angestellt. Dort gelten die üblichen gesetzlichen Kündigungsfristen. Zudem können seit Kurzem auch Zeitarbeitsfirmen Kurzarbeit anmelden. Und ich empfehle jedem unserer Mitgliedsunternehmen, dieses Instrument wahrzunehmen.



Abendblatt:

Wie viele Zeitarbeiter dürften in den nächsten Monaten ihren Job verlieren? Die Gewerkschaft Ver.di rechnet mit 120 000 Entlassungen.



Enkerts:

Diese Zahl halte ich für übertrieben. Bundesweit beschäftigen wir mehr als 750 000 Mitarbeiter in der Zeitarbeit. Davon geschätzt 70 000 bis 100 000 in der Autoindustrie und bei ihren Zulieferern - also insgesamt etwa zehn Prozent. Und mit Sicherheit werden diese nicht alle ihren Job verlieren. Die übrigen 90 Prozent sind noch gut beschäftigt. Wir haben teilweise sogar Probleme, gutes Personal zu finden.



Abendblatt:

Tatsächlich? Wo?

Enkerts:

Wir finden kaum mehr Ingenieure auf dem Markt. Gerade für den Luftfahrtbereich in Hamburg, in dem ein Viertel der Zeitarbeiter beschäftigt sind, suchen wir ständig Fachkräfte für die Konstruktion und Entwicklung. Zudem sind Schlosser und Schweißer gefragt. Im Dienstleistungsbereich in Hamburg - wie Banken und Versicherungen - merken wir auch noch nichts von der Krise.



Abendblatt:

Und wie sieht es in ihrem eigenen Unternehmen FLEX-TIME aus?

Enkerts:

An uns ist die Krise bisher vorbeigegangen. Wir vermitteln qualifiziertes Büropersonal. Ich suche technische Einkäufer, Betriebswirte, Speditionskaufleute mit speziellen Kenntnissen, Buchhalter - doch der Markt für qualifizierte Mitarbeiter ist seit Jahren wie leer gefegt.



Abendblatt:

Liegt es daran, dass die Beschäftigten in der Zeitarbeit schlechter bezahlt werden als bei direkter Anstellung?

Enkerts:

Bei Fachkräften ist der Unterschied in der Bezahlung nicht sehr groß. Einige Mitarbeiter verdienen in der Zeitarbeit sogar netto mehr als bei derselben Stelle in Festanstellung, da sie zusätzlich viele Sachkosten - wie Reisekosten - erhalten.



Abendblatt:

Zeitarbeit wird dennoch oft nur als Sprungbrett in einen festen Job genutzt.

Enkerts:

Das trifft vor allem für Berufsanfänger und qualifizierte Beschäftigte zu. 70 bis 90 Prozent meiner Mitarbeiter, die mich verlassen, fangen bei meinen Kunden an. Oft geschieht der Wechsel schon in den ersten sechs Monaten - manchmal auch erst nach zwei Jahren.



Abendblatt:

Viele Zeitarbeitsfirmen halten sich an Tarifverträge. Dennoch zahlen Sie immer noch nicht den gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Warum?

Enkerts:

Das ist nicht finanzierbar. Dann müssten wir uns von unserer Rolle als Arbeitgeber trennen und Zeitarbeit nur über Agenturen vermitteln, die dafür ein Honorar erhalten. Das heißt: Wir zahlen - wie in Frankreich - den Beschäftigten dann auch kein Urlaubs- oder Krankengeld, sondern rechnen nur die geleisteten Stunden ab. Wenn der Job vorbei ist, ist Schluss. Das ist aber nicht unser Ansatz. Wir schätzen unsere Mitarbeiter. Sie sind unser Kapital. Wenn wir nicht mit ihnen gut umgehen, können wir auch unser Geschäft nicht machen.



Abendblatt:

Wie wird sich Zeitarbeit in Zukunft entwickeln?

Enkerts:

Die Zeitarbeit hat auch in der Krise große Entwicklungschancen. Wir werden zunehmend als Kriseninstrument auf dem Arbeitsmarkt genutzt. Die Wirtschaft wird künftig in schlechten Zeiten eher Zeitarbeiter beschäftigen, als eigenes Personal anzustellen. In dieser Pufferfunktion liegt unsere große Chance.



Abendblatt:

Was bedeutet das für die Mitarbeiterzahl?

Enkerts:

Heute sind 750 000 Beschäftigte in der Zeitarbeit tätig. Damit sind bundesweit 1,8 Prozent aller Erwerbstätigen Zeitarbeiter. Ich schätze, dass wir 2010 die Millionengrenze knacken werden. Darüber hinaus gibt es noch weiteres Potenzial.



Abendblatt:

Erwarten Sie weiteres Umsatzwachstum?

Enkerts:

In den vergangenen Jahren haben wir jeweils zweistellig zugelegt. In diesem Jahr ist nur das vierte Quartal schlecht ausgefallen, unterm Strich werden wir aber erneut wachsen. Im nächsten Jahr könnten wir dann vielleicht erstmals eine Stagnation erleben. Aber dies ist noch nicht ausgemacht.



Abendblatt:

In der Branche gibt es immer wieder größere Übernahmen. Wird sich dieser Trend zu Fusionen in der Krise fortsetzen?

Enkerts:

Der Markt ist noch sehr zersplittert. Deutschlandweit gibt es rund 20 000 Konzessionen zur Arbeitnehmerüberlassung. Darunter agieren etwa 8000 Zeitarbeitsunternehmen, davon wiederum 750 in Hamburg. Insbesondere Randstad und Adecco wuchsen in der letzten Zeit weiter durch Übernahmen.



Abendblatt:

Sind auch Insolvenzen im Zuge der Krise zu erwarten?

Enkerts:

Ja. Dies liegt an der teilweise zu niedrigen Eigenkapitalausstattung der Unternehmen. Ich fürchte aber auch, dass die Zeitarbeit durch Insolvenzausfälle auf Kundenseite stark getroffen werden könnte. Das heißt: Wenn Kunden pleitegehen, bezahlen sie nicht mehr die Arbeitskosten für die Zeitarbeiter.



Abendblatt:

Versuchen Unternehmen, die Preise für Zeitarbeit zu drücken?

Enkerts:

Wir müssen jedes Jahr mit unseren Kunden hart um die Bezahlung ringen. Insbesondere nach Tarifverhandlungen. Ich finde dies bedauerlich, da Mitarbeiter ja nicht wie Schrauben verhökert werden können. Dennoch führen die Verhandlungen über Zeitpersonal heute in vielen Unternehmen nicht die Personal-, sondern die Einkaufsabteilungen.



Abendblatt:

Was erwarten Sie fürs nächste Jahr?

Enkerts:

Ich bin sehr zuversichtlich. Im Nischen- und Fachkräftebereich gibt es noch viel Raum für Wachstum.

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus