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Wirtschaft

Studie: Energie-Agentur warnt vor Anstieg des Weltklimas um sechs Grad

"Wir brauchen eine Energierevolution"

Experten für mehr regenerative Quellen und Atomkraft. Ölpreis dürfte kräftig steigen.


Foto: P. Piel

Hamburg. Die Krise am Welt-Finanzmarkt hat in den zurückliegenden Monaten ein anderes, weit größeres Problem in den Hintergrund gedrängt: Die Versorgung der Menschheit mit Energie wird immer schwieriger, und die dramatischen Folgen des Energieverbrauchs lassen sich - in Gestalt des Klimawandels - längst nicht mehr ignorieren.

An diese Tatsachen erinnerte gestern in London die Internationale Energie-Agentur (IEA). Alle zwei Jahre im Herbst veröffentlicht die Organisation, deren Zentrale in Paris sitzt, ihren "World Energy Outlook" - den weltweit wichtigsten Report zur Zukunft der globalen Energieversorgung. "Um eine katastrophale, irreversible Schädigung des Weltklimasystems zu verhindern, muss der Ausstoß an Treibhausgasen aus den weltweiten Energieversorgungsquellen massiv gesenkt werden", sagte IEA-Chef Nobuo Tanaka bei der Präsentation des mehr als 500 Seiten starken Werkes. "Eine globale Energierevolution" sei nötig, um den bedrohlichen Trend umzudrehen, um eine Energieversorgung aufzubauen, die deutlich weniger Kohlendioxid (CO2) verursacht.

Um die relative Stabilität des Weltklimas zu erhalten, darf die durchschnittliche Temperatur der Erdatmosphäre nach der Kalkulation des Weltklimarates in diesem Jahrhundert um höchstens 2,5 Grad steigen. Würde der Ausstoß an Treibhausgasen jedoch so stark zunehmen wie von der IEA vorhergesagt (siehe Grafik unten), sei ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur von bis zu sechs Grad zu erwarten, sagte Tanaka - mit "katastrophalen Folgen" für das Ökosystem. Tanaka forderte gemeinsame Anstrengungen von allen, die über die Höhe des Energieverbrauchs mit entscheiden - von den Regierungen ebenso wie von den Unternehmen und den Privathaushalten.

So deutlich wie heutzutage hat die IEA vor dem Klimawandel nicht immer gewarnt. Nach der ersten Ölkrise Anfang der 70er-Jahre gründete die OECD, die Vereinigung der 30 wichtigsten Industriestaaten, eine Organisation, die frühzeitig über drohende Engpässe am internationalen Energiemarkt alarmieren und die dazu beitragen sollte, das Angebot an Erdöl weltweit zu erhöhen. Ein Lieferboykott wie jener der arabischen Staaten im Jahr 1973 sollte den Westen nicht noch einmal mit solcher Härte Treffen.

Die Beobachtung der internationalen Energiemärkte, die Analyse von Angebot und Nachfrage bei allen wichtigen Energieträgern ist bis heute die Hauptaufgabe der IEA. Neben der wirtschaftlichen rückte dabei die ökologische Dimension in den vergangenen Jahren immer mehr in den Vordergrund. Allerdings wird auch die rein wirtschaftliche Seite der Energieversorgung immer komplexer: Nie war der Bedarf an Investitionen für die Energiewirtschaft höher, und selten war die Unsicherheit darüber so groß wie heute, ob dieses Kapital tatsächlich zur richtigen Zeit an die richtigen Orte fließt. Bis zum Jahr 2030 müssten insgesamt rund 20 700 Milliarden Euro in die globale Energiewirtschaft investiert werden, sagte Tanaka, rund 940 Milliarden Euro im Jahr. Es gehe vor allem darum, energiesparende Technologien zu fördern und Energiequellen mit geringem Ausstoß von Treibhausgasen auszubauen - also erneuerbare Energien, aber auch die Atomkraft. "Das globale Energiesystem steht am Scheideweg", sagte Tanaka.

Trotz eines deutlich veränderten Energiemixes bleibt Erdöl nach Einschätzung der IEA auch in den kommenden Jahrzehnten der wichtigste Energieträger für die Weltwirtschaft. Die Preisausschläge beim Öl im vergangenen Jahr waren extrem: Zunächst hatte der Preis je Barrel (159 Liter) erstmals die Grenze von 100 Dollar durchbrochen, war auf fast 150 Dollar gestiegen und stürzte zuletzt auf unter 60 Dollar wieder ab.

Dieser Preisverfall spiegelte vor allem die Angst am Markt vor einer drohenden Rezession der internationalen Wirtschaft wider. Aus Sicht der IEA wird Öl jedoch langfristig viel teurer bleiben, denn der globale Ölbedarf steigt weiter stark an. Einen durchschnittlichen jährlichen Preis von rund 100 Dollar je Barrel erwarten die Energieexperten in Paris für die Jahre bis 2015. Und im Jahr 2030 wird man sich nach Einschätzung der IEA längst an einen Ölpreis von rund 200 Dollar je Barrel gewöhnt haben. "Eins ist gewiss", sagte Tanaka: "Die Zeit des billigen Öls ist vorbei."

 

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