Die Käufer streiken, die Hersteller drosseln die Produktion, die Banken verabschieden sich als Geldgeber. Wie eine der wichtigsten Branchen ins Schleudern gerät.
Hamburg. Die Krise in der Autoindustrie nimmt immer größere Ausmaße an. Täglich meldet die Branche neue Hiobsbotschaften über Werksschließungen, Absatzeinbrüche und drohende Stellenstreichungen. "Wir stehen vor der größten Krise der Automobilbranche seit Jahrzehnten", sagte Christian Knechtel von der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) dem Abendblatt. Bis 2015 dürften in der Schlüsselindustrie allein in Deutschland gut 100 000 der heute noch 760 000 Arbeitsplätze wegfallen, schätzt Willi Diez, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft in Geislingen. Allein bei den Leiharbeitern könnte es eine drastische Entlassungswelle von 80 000 Beschäftigten bis Mitte nächsten Jahres geben, glaubt Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer.
Dabei sind die Gründe für die katastrophalen Aussichten vielschichtig. Die Finanzmarktkrise, die derzeit in vielen Branchen als Auslöser für schlechtere Geschäfte genannt wird, ist dabei nur eine von mehreren Ursachen.
Weltweite Rezessionsangst Nicht nur einzelne Regionen, sondern alle wichtigen Automärkte inklusive der Schwellenländer wie China und Indien sind von einer eingetrübten Konjunktur bedroht. "Bei schlechteren Wirtschaftsaussichten leiden zuallererst die teureren Güter", sagte Knechtel von PwC. Dadurch wird die Fahrzeugindustrie von Sorgen über eine Rezession stärker in Mitleidenschaft gezogen als andere Branchen.
Rekorde beim Ölpreis Die Rekordpreise für Benzin von diesem Sommer sind vielen Autofahrern noch als Horrorszenario im Hinterkopf. Sie befürchten neue Höchststände und scheuen wegen dieser finanziellen Belastungen die zusätzliche Investition in ein neues Auto.
Strenge Umweltanforderungen Die Frage, welches Auto wegen seiner Umweltverträglichkeit zu bevorzugen ist, beschäftigt viele Kunden. Sie zögern aber, weil etliche Hersteller mit Hybridmodellen oder Elektrofahrzeugen von sich reden machen, diese aber noch nicht erhältlich oder zu teuer sind. Beispiel: Der Elektro-Roadster Tesla aus den USA kostet 99 000 Euro. Für einen Smart, der ebenfalls mit Strom fährt, müssen umweltbewusste Londoner im Pilotprojekt derzeit knapp 600 Euro Leasinggebühr pro Monat zahlen.
Debatten um die Kfz-Steuer Umweltminister Sigmar Gabriel hat die Idee verkündet, Käufern von Neuwagen der Schadstoffklassen Euro 5 und 6 ab dem 1. Januar 2009 zwei Jahre lang die Kfz-Steuern zu erlassen. Eine einjährige Befreiung soll laut Umweltministerium für alle Neuwagen mit der Abgasnorm Euro 4 gelten. Diesen Grenzwert erfüllen schon seit drei Jahren sämtliche neu verkauften Autos.
Inwieweit die CO2-Emissionen in die Berechnung einer neuen Kfz-Steuer einfließen könnten, ist noch immer nicht geklärt. Der Branchenverband VDA führt die Unsicherheit über die Kfz-Steuer immer wieder als Grund für die Kaufzurückhaltung der Deutschen an.
Dieses Argument findet Bernd Glathe, Geschäftsführer des Hamburger VW- und Audi-Händlers Wichert indes "albern". Selbst ein Erlass der Steuer sei kein ausschlaggebender Kaufanreiz, sagt der Händler. Beispiel: Bei einem Golf oder Tiguan mit 150 PS starkem Benzinmotor zahle der Halter derzeit 135 Euro Kfz-Steuer im Jahr. "Das ist im Vergleich zum Anschaffungspreis von 30 000 Euro zu vernachlässigen", so Glathe.
Falsche Modellpolitik Viele Autobauer haben den Trend zu kleineren, verbrauchsärmeren Autos verschlafen. Gerade die amerikanischen Hersteller wie General Motors, Ford oder Chrysler sind auch deswegen in der Krise, weil viele Kunden mit großen Spritfressern bei steigenden Benzinpreisen nichts mehr anfangen können. Beispiel: Der jetzt auch in Deutschland erhältliche Ford F-650 ist ein 5,2 Tonnen schwerer Pick-up, der selbst den Hummer wie ein Spielzeugauto aussehen lässt und für seinen 325-PS-Motor einen Tank mit mehr als 400 (!) Liter Sprit vorhält.
Auch das Segment der Billigautos haben viele Hersteller vernachlässigt. Anfangs wurde der Dacia Logan für 7200 Euro belächelt, aber Mutter Renault ist mit dem Absatz so zufrieden, dass der Konzern nun auch einen Pick-up, eine Kastenwagenversion und einen Geländewagen des Sparmobils auf den Markt bringen will.
Finanzmarktkrise Die weltweite Finanzmarktkrise hat zunächst einen psychologischen Effekt. Die Leute "wollen ihr Pulver trocken halten", sagte Michael Rebstock von BMW. "Keiner weiß, wie sich die Finanzmarktkrise auswirken wird", ergänzt Christian Knechtel. Insbesondere auf teure Anschaffungen verzichteten die Konsumenten in solch einer Situation. "Wir erleben einen Absatzrückgang von sechs Prozent bei Privatkunden", sagte Gert Evers vom Hamburger Ford-Händler Hugo Pfohe. Auch andere Händler der Hansestadt spüren deutliche Rückgänge, hat eine aktuelle Abendblatt-Umfrage ergeben.
Direkt wirkt sich die Bankenkrise auf Autokredite aus. Besonders Autokunden in den USA kommen schwerer an geliehene Dollar. Selbst Menschen mit guter Bonität hätten kaum mehr Chancen bei den Banken, sagte kürzlich der Chef der Handelsgruppe AutoNation, Mike Jacks. Auch viele deutsche Hersteller leiden stark darunter: So verkauft BMW bisher jedes vierte Auto in den USA, Porsche sogar jeden dritten Sportwagen.
In Deutschland dürften als Folge der Finanzmarktkrise die Leasingraten um bis zu 15 Prozent steigen. Das schätzen private Leasingfirmen, die sich derzeit auf dem Bankenmarkt nur schwer refinanzieren können. Auch günstige Finanzierungszinsen könnten bald der Vergangenheit angehören, wenn die Kreditinstitute hierzulande vorsichtiger werden.
Neue Technologien Der Ruf nach umweltverträglicheren Autos wirkt sich nicht nur auf die Kunden aus. Er zwingt die Hersteller selbst in der Krise dazu, Milliarden für die Entwicklung neuer Antriebstechnologien auszugeben. "Der hohe Investitionsbedarf setzt die Branche unter Konsolidierungsdruck", sagte Christian Knechtel von PwC. Bereits angeschlagene Hersteller wie die amerikanischen Konzerne dürften dabei unter die Räder kommen.
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