Die Begeisterung für den größten Flohmarkt der Welt schwindet: Das Angebot wird unüberschaubar, der Reiz des Feilschens bleibt auf der Strecke, beklagen viele. Jetzt muss der Konzern Stellen abbauen - vor allem Berlin ist betroffen.

Hamburg. Wie wär's mit einem gebrauchten Düsenjet, Sandsäcken aus der Wüste, einem Paar knallbunter Ringelsocken in XXL? Mit Anrechtscheinen für künftige Weltraumflüge oder alte Zirkuswagen? Oder vielleicht Brausepulver in Plastikeimern?
Kein Problem; denn wer suchte, der fand. Notfalls weltweit. Und eben dies hat das Internetauktionshaus Ebay binnen 13 Jahren groß und seinen amerikanischen Erfinder Pierre Omidyar steinreich gemacht. Das Werbemotto: "Drei - zwei - eins ... meins!" Auch Millionen Deutsche kennen es.
Doch nun heißt es immer häufiger "Drei - zwei - eins ... keins!" Die Begeisterung am größten Flohmarkt der Welt lässt spürbar nach. Vor allem für Hobbyverkäufer ist das Auktionsportal immer unattraktiver geworden. Der Wildwuchs professioneller Händler und ein kaum noch überschaubares Angebot verleiden vielen einstigen Ebay-Fans das Suchen und (An-)Bieten. An den vier bunten Buchstaben des Firmenlogos beginnt der Lack abzublättern.
Einstmals war die Chance groß, Gebrauchtes aus Haushalt und Hobby oder kaum Getragenes aus dem Kleiderschrank noch gewinnbringend loszuwerden. Selbst Paradiesvögel, die selbst verfasste Gedichte, Dessous der (ehemaligen) Freundin, Marmelade aus Eigenproduktion oder fabelhafte Kräutermischungen aus dem eigenen Garten online feilboten, wurden ihre Ware meistens los. Da war der Nutzwert für den Käufer bisweilen fraglich, aber man hatte immerhin Spaß am Feilschen.
Inzwischen scheint die Grundidee, die das jahrelange Wachstum von Ebay beförderte, unter die Räder zu kommen. Die Umsätze im Kerngeschäft der Auktionen sinken, Entlassungen von mehr als 1000 Mitarbeitern sind schon angekündigt, und das operative Geschäft der Firmen-Zentrale für Deutschland, den zweitgrößten Markt nach den USA, wird in die Schweiz verlagert. Obendrein sind die Prognosen ausgerechnet für das anlaufende Weihnachtsgeschäft gedämpft.
Ebay-Chef John Donahoe begründet die eingetrübte Stimmung mit dem weltweiten Wirtschaftsabschwung. "Es gibt ein hohes Maß an wirtschaftlicher Unsicherheit, und das schlägt sich nieder auf die Verbraucherausgaben", sagte er vorvergangene Woche. Aber war das Ver- und Ersteigern im Netz nicht gerade auch für jene ein Anreiz, die zusätzlich Geld erwirtschaften oder sparen wollen beziehungsweise müssen? Und wäre dann nicht die Zeit "wirtschaftlicher Unsicherheit" auch die Zeit eines Online-Flohmarktes?
Manches indes spricht dafür, dass die Internetplattform ihren Zenit überschritten hat. Zwar versucht Ebay mit strengerer Aufsicht unlauteren Business-Methoden entgegenzusteuern und mit dem stabileren Bezahlprinzip PayPal für mehr Käuferschutz zu sorgen. Doch das Heer professioneller Großverkäufer - sogenannter Powerseller - ist so offenbar nicht zu bändigen. Sie bestimmen mehr und mehr das Geschäft und treiben die Preise nach oben.
"Das sind gewichtige Probleme, auch wenn es im Vergleich zum Umsatzvolumen erstaunlich wenig Beschwerden bei uns gibt", sagt Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg. Aber die Beschwerden, die bei ihr eingehen, richteten sich fast ausschließlich gegen das Gebaren der gewerblichen Händler im Auktionsgeschäft. Diese tarnten sich immer öfter als Privatanbieter.
Die Wucht der Masse dämpft die Entdeckerlust. Wer sich beispielsweise gestern bei Ebay online auf die Suche nach einem Rasenmäher begab, hatte - allein in Deutschland - die Qual der Wahl unter 2400 Produkten. Und wer nach einem Ersatzakku fürs Nokia-Handy suchte, wurde unter dem Stichwort "Nokia Handyzubehör" von 100 995 Angeboten gleichsam überwältigt. Wer soll da noch Überblick behalten? Zumal fast alle Offerten von professionellen Händlern stammen. "Da ist der Einkauf im Elektronikmarkt effektiver", sagt Kathrin Opitz (32) aus Schnelsen. Ihr und ihrer Familie mache Ebay schon länger keinen Spaß mehr. "Mir sind einfach zu viele Profis am Werke", meint auch Kevin Sellmer (43) aus Ottensen. "Der Charme des Flohmarkts ist baden gegangen."
Nur wer ganz genau weiß, welchen Artikel er haben will, kann mit Glück im Netz unter dem handelsüblichen Marktpreis zuschlagen. Viele Nutzer hingegen stellen fest, dass sie manche Produkte im Laden billiger bekommen können.
Die Nischen, in denen man - sofern es nicht eilig ist - Überraschendes, Ausgefallenes oder gar Skurriles entdecken kann, werden weniger. Unter den Stichworten "total verrückt" oder "Scherzartikel" finden sich dann - für den, der's mag - Stinkbomben, explodierende Zigaretten oder mit Kondomen gefüllte Walnüsse. Bücher mit Seltenheitswert, rare Musiknoten oder handverlesene Kunstobjekte sind ebenso aufgelistet wie persönliche Erinnerungsstücke. Da lässt sich schon mal eine Originalausgabe des Hamburger Abendblatts vom 24. Februar 1962 mit Reportagen über die Sturmflut in unserer Stadt ersteigern. Oder eine am 5. Februar 1898 abgestempelte Ansichtskarte mit farbigem Dampfermotiv. Festpreis 6,99 Euro - plus ein Euro Porto/Versand. Ein paar Mausklicks: "Drei - zwei - eins ... meins!"
Doch könnte die Geschäftspolitik fixer Preise der Grundidee des Flohmarktes im Netz zusätzlich schaden. Ebay-Manager in Deutschland bekennen, dass 48 Prozent der Angebote sofort zu haben sind - allerdings zum feststehenden Tarif. Damit ist zwar die Ware sicher und schnell zu haben. Doch der Reiz des Bietens, der Kitzel des Hin und Her, der Kick mit dem Klick eben - all das ist in diesen Fällen passe. Die Erfolgsstory Ebay mutiert zum gigantischen Online-Warenhaus. Dabei haben nicht zuletzt auch spektakuläre Auktionscoups den Namen Ebay bekannt gemacht. Ein Science-Fiction-Fan bot die Wahnsinnssumme von 247 663 Euro für den Kommandosessel des Weltraumnavigators Captain Kirk. Einem Bieter war ein Abendessen mit den Popsängerinnen No Angels 20 000 Euro wert. Und die Gastrolle in einem "Tatort" ging für 7000 Euro weg, der Schmierfleck auf dem Garagenboden einer amerikanischen Familie für gut 1000 Euro.
Im Tohuwabohu der neuen Ebay-Welt drohen solche werbeträchtigen Absonderheiten auszusterben. Und damit auch der Mythos einer einzigartigen Idee.












