Alle beklagen den Crash, die Finanz-Krise, den Beinahe-Zusammenbruch des Weltfinanzsystems. Aber ist nicht ein Schuss ins Knie immer noch besser als...
Alle beklagen den Crash, die Finanz-Krise, den Beinahe-Zusammenbruch des Weltfinanzsystems. Aber ist nicht ein Schuss ins Knie immer noch besser als ein Schuss ins Herz, ein schwerer Kreislaufzusammenbruch immer noch besser als ein tödlicher Herzinfarkt? Und selbst ein Schlaganfall, dessen Folgen man mit Rehabilitation überwinden kann, ist immer noch besser als ein tödlicher Gehirnschlag. Der Crash war das letzte Warnsignal eines ausgezehrten und seit Jahren von Investmentbankern gefolterten Körpers vor dem Exitus. Der Crash gab uns die Chance, wenige Millimeter vor dem Abgrund die Notbremse zu ziehen. Es wird also Zeit, den Crash zu loben:
Ohne den Crash wäre die Vergötzung des Geldes als einzigen Maßstabs für Lebensleistung und Selbstwertgefühl ungehemmt weitergegangen. Ohne den Crash wären im Finanzspielkasino weiterhin Tausende von Milliarden virtuell bewegt worden - ohne irgendeine realwirtschaftliche Deckung, ohne jede wertschöpfende Wirtschaftsleistung. Ohne den Crash hätten kriminelle Banker in den USA und ihre willigen Gefolgsleute in Europa weiter Roulette auf der untergehenden "Titanic" gespielt - in der Hoffnung, ihre Millionengewinne noch mit in die Luxus-Rettungsboote nehmen zu können. Ohne den Crash wäre der zwangsläufig zu erwartende Kollaps des Weltfinanzsystems und der Weltwirtschaft total gewesen - mit zusammenbrechenden Staaten und Gesellschaften, mit Abermillionen von Arbeitslosen, mit Aufwind für Demagogen und Diktatoren, mit Abkehr von Demokratie und Freiheit.
Ohne den Crash hätten in den USA weiterhin Menschen mit 1300 Dollar Monatseinkommen ohne jede Sicherheit Kredite für den Kauf eines Hauses bekommen, die niemals in der Lage waren, dafür monatlich 1000 Dollar Zinsen zu bezahlen. Ohne den Crash hätten US-Banker weiterhin für die angebliche Verdoppelung des Wertes dieser Häuser noch einmal einen Kredit gegeben, damit sich die mittellosen Besitzer auch noch Zweitwagen, Boot und Karibikurlaub leisten können. Ohne den Crash würden internationale Finanzmanipulateure immer noch diese wertlosen Kredite bündeln und - mithilfe verantwortungsloser Rating-Agenturen - diese Finanzprodukte erst anderen Banken und schließlich Rentnern in Wanne-Eickel andrehen.
Ohne den Crash würde jeder Chef der 20 größten Hedgefonds weiterhin mehr als 600 Millionen Dollar jährlich verdienen. Ohne den Crash bekämen die
13 500 Investmentbanker der Deutschen Bank wahrscheinlich auch in diesem Jahr - wie 2006 - 5,6 Milliarden Euro Bond - im Durchschnitt 415 000 Euro. Ohne den Crash hätten die Regierungen in den USA und Großbritanniens weiter jede Regulierung des Weltfinanzmarktes verhindert. Ohne den Crash hätten sich die Regierungen der wichtigsten Wirtschaftsländer der Welt nicht zusammengerauft und das größte Hilfspaket in der Finanzgeschichte geschnürt. Ohne den Crash wäre die von vielen Yuppies belächelte soziale Marktwirtschaft nicht wiederentdeckt worden und wäre jetzt nicht sogar Vorbild für eine neue Weltwirtschaftsordnung.
Ohne den Crash würde die Politik nicht endlich versuchen, die unsittlich hohen Managergehälter und Abfindungen zu kürzen und wieder an den realen und langfristigen wirtschaftlichen Erfolg zu knüpfen.
Ohne den Crash hätten uns neoliberale und marktradikale Politiker, sogenannte Wirtschaftsexperten und Talkshow-Dauergäste weiter eingeredet, die sozialste Wirtschaft sei ein möglichst ungeregelter und damit ungezügelter Kapitalismus.
Ohne den Crash wäre die gute alte Sparkasse nicht wiederentdeckt worden, und die - natürlich auch gierigen - Kleinanleger hätten weiter ihr Geld zu Lehman Brothers oder isländischen Banken getragen. Ohne den Crash hätte Barack Obama keine Chance, der erste schwarze Präsident Amerikas zu werden. Ohne den Crash hätte Angela Merkel nicht zeigen können, dass sie doch führen kann und in Krisenzeiten als Kanzlerin ein Gefühl von Sicherheit vermitteln kann. Ohne den Crash hätten wir auch nach drei Jahren Große Koalition immer noch nicht eingesehen, dass dieses ungeliebte Parteienbündnis auch gute und wichtige Seiten hat.
Deshalb heißt es jetzt, Danke zu sagen: Danke, Crash, du warst und bist uns nicht nur teuer, sondern auch lieb, denn du hast uns in letzter Sekunde vor dem finalen Sturz in den Abgrund gerettet.











