Kriminalität: Betrug, Bestechung, Spionage verursachen Milliardenschäden
Täter in Nadelstreifen
Wirtschaftsdelikte steigen an. BKA-Chef warnt vor Internet-Attacken. Firmen im Ausland zu sorglos.
Hamburg. Der Täter sieht meist harmlos aus: Zwischen 30 und 50 Jahre alt, meist gebildet, korrektes Auftreten mit Anzug und Krawatte, oft ein Topmanager oder zumindest eine mittlere Führungskraft. Der Feind im eigenen Büro hat mit schmuddeliger Rotlichtkriminalität nichts zu tun. Und doch ist der Schaden, den er mit Anlagebetrug, Bilanzfälschung oder Spionage verursacht, überproportional hoch: "Nur 1,5 Prozent aller erfassten Straftaten sind Wirtschaftsdelikte, aber sie machen 53 Prozent des Gesamtschadens aus", sagte der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, vor der Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg (VEEK) in der Handelskammer.
Auf 4,3 Milliarden Euro beziffert das BKA den vergangenes Jahr entstandenen Schaden durch 96 000 erfasste Fälle, deren Zahl 2006 zum vierten Mal in Folge anstieg. Ziercke: "Das Dunkelfeld ist aber deutlich größer." Von der hohen Aufklärungsquote von 96,4 Prozent bei Delikten wie Betrug, Korruption oder Geldwäsche (Gesamtkriminalität: 55,4 Prozent) dürfe man sich deshalb nicht blenden lassen, zumal die Behörden in den Fällen, in denen sie ermitteln, meist selbst Anzeige erstatten.
In einer jüngst veröffentlichten Studie, die auf Befragungen von mehr als 1000 deutschen Unternehmen basiert, taxierten die Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) und die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg den nachgewiesenen Schaden durch Wirtschaftskriminalität in der Bundesrepublik auf sechs Milliarden Euro, inklusive der Dunkelziffern betrage er vermutlich bis zu acht Milliarden. Das Innenministerium geht noch weiter und nennt eine Schadenssumme von 20 Milliarden Euro.
Welche Zahl auch zutrifft - ein "herausragendes Phänomen", so Ziercke, ist Wirtschaftskriminalität allemal. Fast jedes zweite Unternehmen war in den vergangenen zwei Jahren davon betroffen, so die Umfrage von PwC und der Universität. Dabei sind sich Experten einig, dass deutsche Firmen meist zu naiv mit dem Thema umgehen. Vor allem im internationalen Vergleich hätten hiesige Firmen bei der Kriminalitätsbekämpfung großen Nachholbedarf, konstatiert Claudia Nestler, Partnerin bei PwC. Gerade in Schwellenländern, wo die Gefahr deutlich größer ist, Opfer von Spionage oder Betrug zu werden, seien deutsche Unternehmen zu sorglos. So setzten sich bei geplanten Investitionen in China laut der Studie nur 31 Prozent der deutschen Unternehmen mit diesem Thema auseinander, während dies 48 Prozent der Investoren aus anderen Ländern taten. Folge: Mit durchschnittlich 3,66 Millionen Euro erlitten die Deutschen deutlich höhere finanzielle Verluste durch Wirtschaftskriminalität als die übrigen Investoren (1,33 Millionen Euro).
"Leider haben viele Firmen ihre Tore in der Tat viel zu weit offen", bestätigt der BKA-Chef. Das betreffe das Verhalten im Ausland - etwa auf Messen - wie auch den Schutz vor Cyber-Kriminellen. "Die Bedrohung aus dem Internet hat enorme Ausmaße angenommen. 2006 verdoppelte sich die Zahl der vom BKA registrierten Fälle auf fast 10 000", so Ziercke. Der Schaden werde leider dynamisch weiter wachsen.
"Wenn ein Krimineller per Internet Firmendaten ausspioniert oder fremde Konten leer räumt, fällt eine wichtige psychologische Hemmschwelle weg: Er sieht, anders als beim Bankraub mit Pistole, sein Opfer nicht mehr", erklärte der BKA-Chef. Bedauerlich sei, dass erst die Hälfte der deutschen Firmen eine schriftlich fixierte Internetstrategie habe, um sich gegen Attacken aus dem World Wide Web zu schützen.
Ziercke mahnte, auch der Staat müsse technisch nachrüsten, um Kriminellen auf der Spur bleiben zu können. "Dazu gehören auch Online-Durchsuchungen", bekräftigte er seine Forderung, Computer und Server von Verdächtigen über das Internet durchforsten zu dürfen. Dies sei zukünftig auch für die Telefonüberwachung wichtig, da Gespräche zunehmend über Internetleitungen laufen und zu diesem Zweck verschlüsselt werden. "Wenn wir die Online-Passwörter von Verdächtigen nicht ermitteln dürfen, können wir keine wirksame Strafverfolgung betreiben", so der BKA-Chef.
Insgesamt sieht Ziercke die Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität als ganzheitliche Aufgabe von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft. Vor allem die Unternehmen könnten aber mit einfachen Mitteln viel tun - auch, um Schaden aus den eigenen Reihen vorzubeugen. "Die Verantwortlichkeit für Ausschreibungen und Zuschlagsvergabe sollte immer getrennt sein. Und bei Verhandlungen sowie Vertragsunterschriften sollten Sie stets das Vier-Augen-Prinzip wahren", sprach Ziercke die versammelten Hamburger Unternehmer an.
Falls doch ein Wirtschaftsdelikt entdeckt werde, riet er zur Offensive: "Bringen Sie Korruptions- und andere wirtschaftskriminelle Taten sofort zur Anzeige, auch wenn Sie sich um das Ansehen Ihrer Firma sorgen. Wird der Fall später aufgedeckt, ist der Skandal viel größer."



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