Landwirtschaft: Neuer Wachstumsmarkt: Getreide, Mais und Raps für Lebensmittel und Energie
Erster Bauer will noch 2007 an die Börse
Hamburger Agrarunternehmen möchte in Ostdeutschland und Litauen weiter kräftig expandieren. KTG Agrar AG setzt vor allem auf ökologischen Anbau.
Hamburg. Siegfried Hofreiter (45) kann und will seine Herkunft nicht verbergen. Obwohl er seit vielen Jahren in Ostdeutschland lebt, rollt er weiterhin in süddeutscher Manier prägnant das "R". Denn der stämmige Mann mit den freundlichen braunen Augen ist ein gebürtiger Bayer - und dazu mit Leib und Seele Bauer. Jetzt will er wagen, was sich vor ihm noch kein Landwirt in Deutschland traute: Zusammen mit seinem Bruder Werner (37) und seiner Lebensgefährtin Beatrice Ams (36) strebt er noch in diesem Jahr an die Frankfurter Börse. Ihr Unternehmen KTG Agrar AG, das seinen Sitz in Hamburg hat, gilt bundesweit schon heute als der größte deutsche Ökogetreideanbauer und einer der großen Agrarproduzenten in Europa.
Für Hofreiter stand schon zu Kindeszeiten fest, dass er wie sein Vater Landwirt werden wollte. Als zweiter Sohn war ihm jedoch klar, dass der älteste Bruder den elterlichen Hof übernehmen würde. Also studierte Hofreiter Agrarwirtschaft, sammelte bei zwei mehrmonatigen Aufenthalten auf Farmen in den USA Praxis im großflächigen Getreideanbau.
Als auch sein jüngerer Bruder Werner Mitte der 1990er-Jahre seine Ausbildung beendet hatte, zog es die beiden Jungs in den Osten. Bei Magdeburg pachteten sie zusammen mit der gelernten Gärtnerin Beatrice Ams einen Hof und spezialisierten sich auf den Anbau von Spargel und Erdbeeren, wie sie es aus ihrem Elternhaus kannten.
Wenig später fragte ein benachbarter Bauer, ob die Hofreiters ihm beim Getreideanbau beraten könnten. Sie sagten zu. Doch beim Coaching blieb es nicht. Sie beteiligten sich an dem Hof, während der frühere Inhaber Geschäftsführer wurde. Ein neues Firmenmodell war geboren. "Und unser Unternehmergeist war geweckt", so Hofreiter. Fortan übernahm das Trio jedes Jahr ein bis zwei Agrarbetriebe - viele in Pacht.
Heute gehören zum Unternehmen 20 Höfe. Die meisten befinden sich in Ostdeutschland, in Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Aber auch in Litauen hat die KTG mit eigenen Höfen Fuß gefasst. Insgesamt werden unter der Ägide der KTG jetzt 14 000 Hektar bewirtschaftet - das entspricht der Fläche von fast 19 500 Fußballfeldern. 15 Prozent gehört dem Unternehmen, der Rest ist gepachtet. Die Felder - auf denen vornehmlich Getreide, Mais, Raps und Kartoffeln angebaut werden - werden von etwa 100 Mitarbeitern bestellt, die oft schon vor den Übernahmen auf den Höfen tätig waren. "Landwirtschaft braucht Heimat", weiß Hofreiter. "Landwirte müssen in der Region fest verwurzelt sein." Weitere 25 Beschäftigte kümmern sich zentral - viele von Hamburg aus - um die Verwaltung, den Einkauf, die Anbauplanung und den Verkauf.
Bereits vor 13 Jahren setzte das Trio auf Biokost und stellte fast alle Felder auf ökologischen Anbau um. "Wir waren damit unserer Zeit weit voraus", erzählt Hofreiter. Doch die Vermarktung der Ökoware war damals alles andere als ein Selbstläufer.
Zunächst setzten sie auf Bio-Eier. Für einen Geflügelzüchter produzierte die KTG Ökokraftfutter - damit die "Bio-Eier" auch ihren Namen verdienten. "Doch es war sehr schwer, einen Supermarkt von der Attraktivität dieser Biokost zu überzeugen", erinnert er sich. "Der heutige Ökoboom war damals nicht absehbar." So setzten die KTG "zur besseren Risikoverteilung" bei neuen Flächen auch auf konventionelle Bewirtschaftung, die heute die Hälfte der Flächen ausmacht.
Die Situation in der Agrarwirtschaft hat sich jedoch in den vergangenen Jahren drastisch gewandelt. Angesichts der Riesennachfrage nach Bioprodukten, "können wir unsere Ware heute wie auf Rezept verkaufen", freut sich Hofreiter. Da deutlich mehr Biogetreide nachgefragt wie produziert wird, "teilen wir die Mengen nur noch zu". Die KTG liefert ihr Getreide vor allem an Mühlen, die dieses zu Mehl verarbeiten. Vieles landet auch in Müslis. Auch im konventionellen Anbau setzt der Bauernbetrieb auf Qualität. "Monokulturen sind für uns tabu. Auch setzen wir grundsätzlich nur gentechnikfreies Saatgut ein."
Und warum wählte die KTG Agrar AG Hamburg 2005 zu ihrem Firmensitz? "Hamburg ist ,die' Stadt des Getreidehandels in Deutschland - und eine hervorragende Adresse für die Agrarbranche. Hier ist ein sehr wichtiger Umschlagplatz", so Hofreiter. In der Stadt sitzen die Europazentralen der weltgrößten Getreidehändler und die größte europäische Ölmühle.
Mit dem Börsengang wollen die Firmengründer, die auch künftig die Geschicke des Unternehmens lenken wollen, vor allem ihre Expansion finanzieren. "Wir wollen weitere Höfe in Ostdeutschland und Litauen übernehmen. Agrar- und Ökoprodukte sind ein großer Wachstumsmarkt", ist Hofreiter überzeugt. Die Weltbevölkerung wachse, der Wohlstand - und damit der Bedarf an Lebensmitteln - nehme zu. Zudem sei die KTG in der Produktion von Biogas aktiv, was sie als weiteres Standbein ausbaue.
2006 setzte die KTG Agrar AG 17,9 Millionen Euro um, der Jahresüberschuss betrug 1,3 Millionen Euro. "Wir arbeiten seit Jahren profitabel", versichert Hofreiter. Die Eigenkapitalbasis betrage mehr als zehn Millionen Euro. Auch nach dem Börsengang sollen 50 Prozent der Aktien im Besitz der Alteigentümerin Ams bleiben. "Das Umfeld für den Börsengang der KTG ist derzeit gut", meint Ingo Schmidt, Aktienanalyst der Hamburger Sparkasse. "Die Fantasie für die Aktie beruht vor allem auf den enormen Preissteigerungen im Agrar- und Rohstoffsektor." Riskant für den Wert seien die weltweiten Ernteerträge, die sich ändern und die Rohstoffpreise stark beeinflussen. Hofreiter sieht dies gelassen: "Die Nachfrage für Getreide übersteigt seit einigen Jahren die Produktion. Ich sehe kein Ende des Wachstums."




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