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Wirtschaft

Lebensmittel: EU verschärft Werbevorschriften

"Fettfrei - und mit viel Zucker"

Wer mit Vitaminen oder Kalzium wirbt, soll künftig auch auf ungünstige Inhaltsstoffe hinweisen. Medizinischer Zusatznutzen muss belegt sein.

Hamburg. Die Mutter achtet ganz besonders auf die Ernährung ihrer kleinen "Racker". Ihre Kinder bekommen Müsli, Vollkornbrot, Bananen - und Nimm-2-Bonbons: Wegen der vielen, vielen Vitamine, wie die Dame in der Werbung mit einem tiefen Blick in die Kamera versichert. Die Aussage ist in etwa so glaubwürdig wie die des Supermodels Heidi Klum, das sich in einer Wanne voller Katjes Yoghurt Gums räkelt und von den "null Prozent Fett" der kleinen Kalorienbomben schwärmt.

Werbebotschaften wie diese könnten in Europa schon bald der Vergangenheit angehören. Am 1. Juli tritt nämlich eine neue EU-Verordnung in Kraft, die deutlich schärfere Regeln für gesundheitsbezogene Angaben auf Lebensmitteln festschreibt. Künftig dürfen die Hersteller nur noch dann mit den sogenannten Health Claims werben, wenn die Aussagen auch wissenschaftlich belegt sind. Dies soll die Verbraucher vor Täuschung und irreführenden Angaben schützen, wie das in Deutschland zuständige Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mitteilte.

Besonders unangenehm ist für Produzenten und Werber eine Vorschrift zu nährstoffbezogenen Angaben wie "fettarm" oder "vitaminreich". Ab bestimmten Grenzwerten dürfen diese künftig nur noch dann verwendet werden, wenn gleichzeitig auch auf ungünstige Inhaltsstoffe verwiesen wird. Bei Nimm 2 müsste die Filmmutter also noch kurz erwähnen, dass die Bonbons auch einen hohen Zuckergehalt aufweisen. Oder Hersteller Storck müsste ganz auf den Vitaminhinweis verzichten.

Direkt gesundheitsbezogene Aussagen wie "Kalzium ist wichtig für gesunde Knochen" will die Europäische Union nur noch dann zulassen, wenn diese in einer sogenannten Positivliste erfasst und wissenschaftlich abgesegnet sind. Nach Angaben des BfR können in diese Liste auch Aussagen aufgenommen werden, die sich auf die Reduzierung eines Krankheitsrisikos beziehen ("Ausreichende Kalziumzufuhr kann zur Verringerung des Osteoporose-Risikos beitragen").

"Die neue Verordnung wird sicher zu einer besseren Information der Kunden beitragen", ist Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg überzeugt. "Mit der alten Regelung wurde jede Menge Schindluder getrieben." Die Hersteller hätten eine gesundheitsfördernde Wirkung für Produkte suggeriert, die gar nicht vorhanden sei.

Allerdings warnt Valet auch vor zu großen Erwartungen. Zum Stichtag 1. Juli wird sich in Deutschland zunächst einmal so gut wie gar nichts ändern, weil viele Details der Verordnung noch gar nicht geklärt sind und die EU den Herstellern lange Übergangsfristen bis 2009 eingeräumt hat.

Die Lebensmittelproduzenten geben sich denn auch betont gelassen. "Wir sehen im Augenblick keine Veranlassung, unseren Markenauftritt zu ändern", sagt etwa Bernd Rößler, Sprecher des Nimm-2-Herstellers Storck. Und beim Erfinder des Fett-Frei-Slogans Katjes heißt es, man wolle sich gar nicht zu dem Thema äußern.

Tatsächlich wird auf europäischer Ebene derzeit heftig um die sogenannten Nährwertprofile für die Lebensmittel gerungen. Diese legen beispielsweise detailliert fest, ab welchem Zuckergehalt genau ein dicker Strafhinweis auf der Packung vermerkt werden muss und welcher Fettgehalt gerade noch ohne Warnvermerk durchgeht. "Da läuft jetzt jede Menge Lobbyarbeit vonseiten der Nahrungsmittelindustrie", weiß Verbraucherschützer Valet.

Große Konzerne wie Unilever wähnen sich mit ihren Werbebotschaften auf der sicheren Seite. "Bei Produkten wie der Cholesterin senkenden Margarine Becel pro-aktiv haben wir in umfangreichen Studien die positive Wirkung bewiesen", sagt Deutschland-Sprecherin Katja Praefke. Auch für die neue Margarinesorte Rama Idee könne man entsprechende Untersuchungen vorlegen. Der Brotaufstrich soll mit speziellen ungesättigten Fettsäuren und Vitaminen die Gehirntätigkeit anregen.

Die deutsche Werbewirtschaft fürchtet hingegen eine Welle von Abmahnungen gegen Agenturen und Lebensmittelfirmen. "Mit der Verordnung und den zahlreichen Übergangsfristen hat die EU-Kommission ein ziemliches Chaos angerichtet", sagt der Sprecher des Zentralverbands der Deutschen Werbewirtschaft, Volker Nickel. "Es ist gut vorstellbar, dass es jetzt zu einer Reihe von Rechtsstreitigkeiten kommt."

 

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