Der Mann, der den "Kuckuck" klebt
Dies ist der Albtraum jener, denen das Wasser finanziell bis zum Halse steht: An der Haustür klingelt ein unbekannter Herr in Zivil, stellt sich als Gerichtsvollzieher vor, präsentiert einen Vollstreckungsbescheid und klebt den "Kuckuck" auf alles mögliche Inventar in der Wohnung.
Tatsächlich sieht der Alltag anders aus. Längst wurde der als "Kuckuck" verulkte Reichsadler durch ein schmuckloses Pfandsiegel ersetzt. Auch sind die zu pfändenden Gegenstände begrenzt. Fernseher, Artikel des täglichen Bedarfs und dem Beruf dienende Computer sind tabu. Dagegen dürfen Gemälde, Briefmarken, Münzen oder Autos markiert werden. Wird die Schuld binnen vier Wochen beglichen, ist das Thema erledigt. Sonst kommt der Spediteur.
Geändert hat sich auch die Rolle des Gerichtsvollziehers. "Ich übe eine Pufferfunktion zwischen Gläubiger und Schuldner aus", sagt Dirk Wolowski (45), Familienvater aus Ahrensburg. Es sollen keine Existenzen ruiniert, sondern Brücken gebaut werden. Mit der zentralen Frage: "Was können wir machen?" Seinen Beruf, der ihm in 16 Jahren bisher rund 50 000 Fälle bescherte, bezeichnet Wolowski als Melange aus Rechtsberater, Sozialarbeiter und Beichtvater mit intensivem Blick hinter die Fassaden unserer Gesellschaft. Die "Kunden" stammen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Und öfter als man denkt, trügt der Schein.
Sein Revier rund ums Schanzenviertel mit sozialer Vielfalt bietet finanzielles Elend, rasante wirtschaftliche Abstürze, brutale Schicksale und massive Sturheit, aber immer wieder auch anpackenden Optimismus und überraschende Lösungen in scheinbar ausweglosen Situationen. Plötzliche Arbeitslosigkeit, Krankheit und Scheidungen sind die Hauptgründe für die rund hundert Gerichtsvollzieher Hamburgs, Schulden einzutreiben. Von Haus aus ist Wolowski Beamter mit hoheitlichen Aufgaben, arbeitet aber auch als selbstständiger Unternehmer mit eigenem Büro und Gebührentabelle.
"Anfeindungen sind die Ausnahme", berichtet er. Im Gegenteil: Durch persönliche Betreuung, faire Lösungen und bisweilen unkonventionelle Wege, die nicht selten eine 60-Stunden-Woche mit sich bringen, seien Akzeptanz und Ansehen im Stadtteil ordentlich. Man kennt sich: "Die Menschen hier wissen, dass ich meinen Job mache." Und in vielen Fällen mehr als das.




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