DB meldet Rekordgewinn: Abendblatt-Autor erlebte den Alltag
Ich bin mal wieder Bahn gefahren . . .
Für Hartmut Mehdorn war gestern ein guter Tag. Strahlend verkündete der Bahn-Chef in Berlin: Die DB AG hat 2006 das beste Ergebnis ihrer Geschichte eingefahren: Der Gewinn stieg im Vergleich zum Vorjahr um 1,1 Milliarden auf 1,7 Milliarden Euro, der Umsatz um rund fünf Milliarden auf 30,1 Milliarden Euro.
Während Mehdorn die glänzenden Zahlen verkündete, saß Abendblatt-Autor Holger Dohmen im Zug von Hamburg nach Koblenz - und erlebte das Chaos. Noch während der Fahrt schrieb er einen offenen Brief:
Sehr geehrter
Herr Mehdorn,
ich bin mal wieder mit Ihrer Bahn gefahren. Nach Koblenz. Sonst nehme ich immer das Auto. Aber Sie wissen ja, wir wollen alle die Umwelt schonen. Um 9.46 Uhr sollte es vom Hamburger Hauptbahnhof losgehen. Drei Minuten vor der Abfahrt dann die ernüchternde Durchsage: Der Intercity 2027 nach Stuttgart, Köln usw. hat wegen Problemen mit den Bremssystemen 20 bis 30 Minuten Verspätung. Kein Wort des Bedauerns oder der Entschuldigung. Neben mir wartende Mitreisende schütteln resigniert den Kopf. Es sind Leute, die häufig mit Ihrer Bahn fahren, Herr Mehdorn. Der eine meinte: "Das habe ich zweimal in der Woche." "Neulich", so ein anderer, "hatte der Zug nach Koblenz sogar drei Stunden länger gebraucht. Pünktlichkeit", so der Reisende, "ist die Ausnahme."
Ich erinnere mich in diesem Moment an eine Unterredung mit einem Bahnverantwortlichen der Schweiz. Der sagte mir: "Bei uns können Sie ihre Uhr nach den An- und Abfahrtszeiten stellen." Glückliche Schweizer!
Fünfundvierzig Minuten später: Noch immer keine Ankündigung, wann der Zug nun komme. Stattdessen fährt auf dem Nebengleis ein Intercity ein, der auch in den Westen fährt. Kurz entschlossen steigen wir ein, um weitere fünf Minuten später zu erfahren, dass unser Zug nun doch fährt. Also wieder zurück.
Mit fünfundfünfzig Minuten Verspätung geht es dann endlich los. Kurz vor Harburg wieder eine Durchsage: "Alle Mitreisenden nach Köln bitte umsteigen in den nachfolgenden Zug." Als Zugabe flötet die Stimme noch: "Es gibt noch ausreichend Plätze." Mit fünfundsechzig Minuten Verspätung geht es dann weiter. Ich weiß nicht, wann ich an diesem Tag in Koblenz ankommen werde. Ich weiß nur eines, sehr geehrter Herr Mehdorn, künftig werde ich wieder das Auto nehmen. Und ganz sicher werde ich, falls Sie tatsächlich an die Börse gehen sollten, Ihre Aktien nie kaufen.
Holger Dohmen



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