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Wirtschaft

VW: Staatsanwaltschaft gibt detaillierte Vorwürfe gegen Gebauer und Volkert bekannt

Sexskandal: Anklage in 88 Fällen

Schlüsselfiguren der Affäre um Lustreisen und Sonderboni wahrscheinlich im Sommer vor Gericht. In der VW-Sexaffäre war gestern die Staatsanwaltschaft Braunschweig am Zug: Dem ehemaligen VW-Gesamtbetriebsratschef Klaus Volkert und dem früheren VW-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer wirft sie 88 Straftaten vor.

Hamburg. In der VW-Sexaffäre war gestern die Staatsanwaltschaft Braunschweig am Zug: Dem ehemaligen VW-Gesamtbetriebsratschef Klaus Volkert und dem früheren VW-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer wirft sie 88 Straftaten vor. Volkert wird wegen Anstiftung zur Untreue in 48 Fällen und wegen Verstoßes gegen das Betriebsverfassungsgesetz angeklagt. Gebauer wird Untreue in 40 Fällen und Anstiftung zum Betrug zur Last gelegt.

Wenn es - wie es die Staatsanwaltschaft vermutet - im Sommer zur Verhandlung kommt, dürfte der Auflauf im Gericht noch größer und bunter werden als kürzlich bei dem Termin für Ex-Personalchef Peter Hartz. Der war durch ein umfangreiches Geständnis vor der Konfrontation mit Prostituierten vor Gericht herumgekommen. Kritiker sprachen von einem "Deal" mit der Justiz.

Das wird dieses Mal anders sein. Die 81-seitige Anklage benennt 41 Zeugen, die von den Reisen der VW-Gesandten erzählen können, auf denen sie sich auf Kosten des Konzerns so sehr vergnügt haben, dass etwa eine Indien-Reise mit mehr als 100 000 Euro zu Buche schlug.

Volkert soll aber nicht nur in den Genuss von Luxusreisen gekommen sein. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Arbeitnehmervertreter auch vor, in 48 Fällen Boni und Bordellbesuche verlangt zu haben. Volkerts Verteidiger, der Hamburger Anwalt Johann Schwenn, sieht hierin indes keine Straftat: "Für eine Untreue bedarf es eines Nachteils, daran fehlt es, wenn das Unternehmen einen äquivalenten Vorteil erlangt." Hier sei es darum gegangen, die Kooperation des Betriebsrates zu erlangen, darin liege ein Vorteil. "Das Unternehmen wird beweglicher", sagte Schwenn, und dieses wiege den Vermögensnachteil durch die entstandenen Kosten auf.

Licht ins Dunkel sollen nun Augenzeugen wie der Werksarzt Dr. Bodo Marschall bringen, der den Kollegen zum Spaß Viagra in die Reiseapotheke gepackt hatte, wie aus den Protokollen hervorgeht, die dem Abendblatt vorliegen. Marschall hatte vor der Staatsanwaltschaft ausgesagt, dass es in Indien einen Begleitservice gegeben habe und dass den Herren bei einer sehr schönen Veranstaltung zwei Schönheitsköniginnen vorgestellt wurden. Auch er selber, Marschall, sei davon in Mitleidenschaft gezogen worden. So hätte er eines Abends vier Damen des Services, die Angst vor dem Hotelpersonal hatten, gestattet, auf sein Zimmer zu kommen, und er selber habe auf einer Bank, die unmittelbar am Fenster stand, übernachtet. Den geplanten Standort der VW-Fabrik habe man bei der Reise dagegen nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen, sagte Marschall.

Aber nicht nur Damen aus dem horizontalen Gewerbe werden von der Anklage bei der Verhandlung gewünscht, sondern erneut Hartz und der damalige Konzern- und jetzige Aufsichtsratschef von VW, Ferdinand Piëëch. Was wusste er von dem Extragehalt für Volkert, das zwei Millionen Euro erreichte?

Nach Informationen des Abendblatts soll Volkert sich bei dem damaligen VW-Chef Ferdinand Piëch darüber beschwert haben, dass die von dem Einkaufsmanager Lopez mitgebrachten Jungmanager mit einem bei VW bisher unüblich üppigen Gehalt ausgestattet waren. Piëch soll Volkert an Hartz verwiesen haben. Und der wiederum habe dann versucht, Volkert mit einer erhöhten Bonusleistung entgegenzukommen. Piëch soll ausgesagt haben, sich nicht an ein Gespräch mit Volkert zu erinnern. Wenn es um das Verteilen von Geld gegangen sei, habe er sich in diesen unangenehmen Fällen dadurch aus der Schlinge gezogen, dass er es an jemand anderen delegiert habe, soll Piëch ausgesagt haben.

Die Anklage legt Volkert außerdem Zahlungen von 399 000 Euro an seine brasilianische Ex-Geliebte zur Last. Volkert hatte bereits zugegeben, dass Adriana Barros ursprünglich für VW tätig werden sollte, sie dann aber teilweise auch in privater Mission für ihn unterwegs gewesen sei. Die Zahlungen soll VW auf Basis eines mit der ehemaligen Geliebten zum Schein geschlossenen Agenturvertrages geleistet haben.

Gebauer wiederum soll in 40 Fällen im Auftrag von Hartz die Zahlungen genehmigt haben, meist ohne Spesenabrechnungen. Er soll zudem den ehemaligen Skoda-Manager Helmuth Schuster zum Betrug angestiftet haben. Schuster soll auf Veranlassung von Gebauer dessen damalige Lebensgefährtin zum Schein bei Skoda Deutschland beschäftigt haben. Skoda habe schließlich für "Nichts" gut 56 000 Euro für das Beschäftigungsverhältnis aufgewendet, heißt es in der Anklage.

Das Landgericht Braunschweig prüft nun, ob die Anklage der Staatsanwälte zur Hauptverhandlung zugelassen wird. Mit einer Entscheidung über die Eröffnung des Verfahrens sei nicht vor Ende April zu rechnen, so das Gericht. Dann werde auch entschieden, ob gegen Volkert und Gebauer zusammen verhandelt oder ob das Verfahren gegen Gebauer noch abgetrennt wird.

 

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