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Wirtschaft

Grundeinkommen: Unternehmer Götz W. Werner will die Wirtschaft revolutionieren

800 bis 1000 Euro im Monat für jeden

Forderungen: Geld vom Staat, selbst wenn man nicht arbeiten will, und ein neues Steuersystem.

ABENDBLATT: Sie lesen jeden Morgen. Welchen Klassiker studieren Sie derzeit gerade?

GÖTZ W. WERNER: Die "Philosophie der Freiheit" von Rudolf Steiner.

ABENDBLATT: Sie sind wie Steiner Anthroposoph. Wie kamen Sie auf diese Lehre?

WERNER: Ich bin schon in den späten 70-er Jahren darauf gestoßen, als meine Frau und ich auf der Suche nach dem richtigen Kindergarten und der Schule für unsere beiden Kinder waren. Damals erkannte ich, dass Anthroposophie Antworten nicht nur für die Sozialgestaltung, sondern auch für Unternehmen und für die Wirtschaft hat.

ABENDBLATT: Was heißt das konkret?

WERNER: Mein Unternehmen dm-drogerie markt habe ich 1973 als 29-Jähriger mit der Eröffnung des ersten Ladens in Karlsruhe gegründet. Ich hatte das Glück, erfolgreich zu sein, aber auch die Last damit. Denn die Folge des Erfolges sind ständig wachsende Aufgaben bis hin zur Konzernsteuerung. Da kommt das Gefühl auf, dass einem die Aufgaben über den Kopf wachsen, was zu Stress, Angst und am Ende zum Burnout-Syndrom führen kann.

ABENDBLATT: Wie hat Ihnen da die Anthroposophie geholfen?

WERNER: Ich habe gelernt, die Dinge grundsätzlicher anzugehen. Dazu bedarf es auch der Klärung von Fragen, wie: Ist das Unternehmen für mich da oder ich für das Unternehmen. Sind die Mitarbeiter für das Unternehmen da oder das Unternehmen für die Mitarbeiter? Sind die Kunden für das Unternehmen da oder das Unternehmen für die Kunden? Mein Fazit war, dass ein Unternehmen dazu dient, Bedürfnisse der Menschen zu bedienen. Es ist kein Zweck an sich, sondern ein Mittel zum Zweck.

ABENDBLATT: Was bedeutet dies konkret für ihr Unternehmen?

WERNER: Ich handle nicht kurzatmig, sondern langfristig. Denn als Eigentümer muss ich immer dafür sorgen, dass mein Konzept funktioniert. Ich kann nicht wie ein Manager die Firma wechseln. Eine konkrete Folge ist, dass wir auf Dauerpreise setzen statt auf Sonderangebote. Der Kunde soll nie das Gefühl haben, dass ein Artikel am nächsten Tag billiger gewesen wäre. Bei den Mitarbeitern vertraue ich auf eigenständig denkende und kreative Menschen. Unsere Firma kann nicht mit Mitarbeitern erfolgreich sein, die dem Chef das Wort reden.

ABENDBLATT: Sie sind Verfechter eines bedingungslosen Grundeinkommens für jeden Bürger. Warum ein Grundeinkommen, und das auch noch bedingungslos?

WERNER: Unsere Wirtschaftsform hat sich von der über Jahrhunderte geltenden Selbstversorgung zu einer Fremdversorgungswirtschaft gewandelt. Wir müssen nicht mehr arbeiten, um die Güter selbst herzustellen, die wir fürs Leben brauchen. Wir müssen arbeiten, um von anderen hergestellte Güter kaufen zu können. Und erstmals seit Menschengedenken gibt es heute mehr Güter als wir brauchen. Die Besteuerung von Einkommen war aber nur in der Selbstversorgergemeinschaft sinnvoll und richtig, die Steuer der Fremdversorgungsgemeinschaft ist dagegen die Konsumsteuer. Deshalb ist es heute richtig, den Konsum statt das Einkommen zu besteuern. Da aber nur noch wenige Bürger in Deutschland Essen, Kleidung und auch Wohnung durch Selbstversorgung beschaffen können, benötigen wir ein Grundeinkommen ohne Bedingungen.

ABENDBLATT: Warum ein Grundeinkommen für alle und nicht nur für die Bedarfsfälle?

WERNER: Es gibt heute etwa in Krankenhäusern, in der Pflege, im sozialen oder kulturellen Bereich einen hohen Bedarf an Arbeitskräften. Aber die will man nicht bezahlen. Das Grundeinkommen ermöglicht es, menschliche Arbeit in Deutschland wieder bezahlbar zu machen. Wir drehen also den Spieß um: Statt wie heute die Arbeit von Maschinen mit Steuerentlastungen zu subventionieren und die menschliche Arbeit durch Steuerbelastungen zu verteuern, subventioniert ein bedingungsloses Grundeinkommen die Arbeit von Menschen für Menschen. Ab einem gewissen Verdienst wird es gegengerechnet. Menschliche Arbeit wird wieder bezahlbarer, der Standort Deutschland würde für Investoren noch attraktiver.

ABENDBLATT: Wie hoch könnte das Grundeinkommen sein?

WERNER: Vorstellbar sind 800 bis 1000 Euro pro Person, wobei das Grundeinkommen nach einem Lebensbogenmodell verteilt wird, für Kinder bekommen Eltern also weniger, aber mehr als das heutige Kindergeld.

ABENDBLATT: Würden mit einer Finanzierung über eine Konsumsteuer die Waren teurer?

WERNER: Nein, denn auch schon heute sind alle Abgaben an den Staat, die während der Produktion anfallen, im Preis enthalten. Eine Flasche Wasser etwa kostet ein Euro. Die Hälfte des Kaufpreises kommt zustande, weil der Staat während der Wertschöpfung einkommensbezogene Steuern kassiert. Und dieser Teil könnte beim Kauf als Konsumsteuer eingezogen werden.

ABENDBLATT: Ist das finanzierbar?WERNER: Wir lassen heute schon niemanden mehr verhungern. Aber wir verteilen diese Hilfen mit unglaublich viel Aufwand. Neben den vorhanden Transferleistungen des Staates würden Gelder frei, weil die Verteilungsbürokratie überflüssig wird. Allein in der Agentur für Arbeit sind 90 000 Menschen beschäftigt.

ABENDBLATT: Die ohne Job wären.

WERNER: Nein, sie erhalten erstens ein Grundeinkommen, und können sich zweitens in anderen sozialen Bereichen engagieren, weil sie durch das Grundeinkommen für private Arbeitgeber wieder bezahlbar würden. Das würde zu einer Bereicherung unserer Gesellschaft führen.

ABENDBLATT: Was stimmt Sie so optimistisch, dass Menschen mit Grundeinkommen noch arbeiten?

WERNER: Das Leben hat ohne Tätigsein keinen Sinn, aber es darf keine zwangsverordnete Erwerbsarbeit sein. Als Mensch können Sie sich nur in der sinnvollen Zusammenarbeit mit anderen Menschen definieren.

ABENDBLATT: Wann könnte das Grundeinkommen kommen?

WERNER: Alle großen Veränderungen begannen mit einem revolutionären Denkansatz, mit einer Idee. Die muss Zustimmung finden in einer breiten Masse der Gesellschaft. Erst danach kann sie umgesetzt werden. Sobald wir also das Denkstadium abgeschlossen hätten, könnten wir mit einer wirklich großen Steuerreform anfangen. Man muss langsam die Verbrauchssteuern erhöhen und die Einkommenssteuern senken. Aber sehr behutsam, am Anfang sollte die Konsumsteuer nur um ein Prozent im Jahr und später im Halbjahr steigen. Eine dreiprozentige Mehrwertsteuererhöhung, wie für 2007 beschlossen, halte ich für fahrlässig.

ABENDBLATT: Man könnte denken, dass Sie die Unternehmer von der Steuer entlasten wollen.

WERNER: Genau genommen bezahlt kein Unternehmer heute Steuern, auch kein Angestellter. Wir denken netto. Alle Steuern und Abgaben sind zuvor im Preis seines Produktes einkalkuliert und werden also auch schon heute vom Kunden bezahlt. Und wenn der Unternehmer keine Kunden mehr findet, die die Steuern und Abgaben übernehmen, dann macht er Verluste. Und wer Verluste macht, der bezahlt auch keine Steuern mehr.

 

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