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Wirtschaft

Internet: Nach dem Verkauf von YouTube ist die Branche in Aufruhr

Web 2.0 - Rückkehr der Goldgräber

Wer wird der nächste Milliardär? Junge Gründer prägen das neue Mitmachnetz und hoffen nun auf das ganz große Geld.

Hamburg. Als der Vertrag, der sie zu Multimillionären machte, besiegelt war, konnten Chad Hurley und Steve Chen sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Kichernd und feixend stellten sie sich an irgendeiner Straße im Silicon Valley vor die Kamera und verkündeten ihrer Anhängerschaft in einem wackeligen Video das Unfassbare: Für sagenhafte 1,65 Milliarden Dollar hatten der Grafikdesigner Hurley, 29, und sein 27-jähriger Kumpel Chen, ein Softwareentwickler aus Taiwan, gerade ihre Videoplattform YouTube an den Internetgiganten Google verkauft. Und das nur anderthalb Jahre nach dem Start.

Verrückt? Absolut. Wie kann eine Firma, die keine Gewinne macht und im engeren Sinne nichts herstellt, so viel Geld wert sein? Andererseits: YouTube gehört zu den 15 beliebtesten Internetseiten der Welt. Täglich werden 65 000 meist selbst gedrehte Videos hochgeladen und 100 Millionen Kurzfilme angesehen. Außerdem: Google hat auch vor gerade einmal acht Jahren in einer Garage in Kalifornien angefangen, und die Gründer Larry Page und Sergey Brin sind kaum älter als Hurley und Chen. Heute bewertet die Börse ihr Unternehmen mit 150 Milliarden Dollar.

Fest steht: Hurley und Chen, die laut Legende YouTube gründeten, um ihre auf Partys in San Francisco gedrehten Videos besser mit ihren Freunden auszutauschen, haben den Nerv der Zeit getroffen. Sie und ihre Millionen Nutzer verkörpern das Mitmachnetz, das in aller Munde ist: Web 2.0, die neue Generation des Internets. Darin "dreht sich das Sender-Empfänger-Modell in revolutionärer Weise um", sagt Klaus Ahrens, Geschäftsführer der auf Online-Marketing spezialisierten Hamburger Mediaagentur Pilot. "Einzelpersonen erhalten enorme Reichweiten. Und was relevant ist, entscheidet der Nutzer."

In Online-Gemeinschaften wie MySpace, im Juli 2005 vom Medienmogul Rupert Murdoch für 580 Millionen US-Dollar gekauft, haben mehr als 100 Millionen Nutzer ein Profil hinterlegt. Dort erfährt man, welche Musik sie hören, welches Auto sie fahren, wie alt, groß und gebildet sie sind und welche sexuelle Orientierung sie haben. Und so geht das immer fort. Auf Flickr stellen Amateurknipser ihre Fotos aus, bei Facebook treffen sich Studenten und in Millionen von Onlinetagebüchern (Weblogs) berichten Menschen aus ihrem Leben, was rege kommentiert wird. Daneben gibt es unzählige Seiten, auf denen Nutzer beschreiben, wie gut ihr Hotel auf Mallorca war, wo es im Schanzenviertel den besten Cappuccino gibt oder warum ihnen an "Das Parfum" gefallen hat.

"Es ist ein Grundbedürfnis der neuen selbstbewussten Generation von Usern, sich im Netz mitzuteilen", erklärt Thomas Bachem vom Videoportal Sevenload. "Der Kern des Web 2.0 ist seine Sozialisierungsfunktion", bestätigt Andreas Haderlein vom Zukunftsinstitut. Wogegen es früher rational um Daten und Zugang gegangen sei, gehe es nun um Menschen und Beziehungen.

Für die etablierten Medienkonzerne ist die Entwicklung Gefahr und Chance zugleich: Auf der einen Seite leiden Fernsehen, Radio und Zeitung gerade bei der jungen Generation unter einer "fundamentalen Aufmerksamkeitskrise", so Haderlein. Auch das "klassische Unterbrecherprinzip" von Werbung funktioniere bei dieser Zielgruppe immer weniger. Auf der anderen Seite lässt sich die Internetgemeinde so individuell wie nie zuvor ansprechen: Ihre soziale Gemeinschaft schafft sie selbst, weshalb diese authentisch ist. In diesem Umfeld hat Werbung mehr Aufmerksamkeit. Zudem werden die Streuverluste geringer. So kann zum Beispiel ein Hersteller von Chromfelgen einem Autotuning-Fan gezielt seine Produkte anbieten.

"Je individueller die Werbung zugeschnitten ist, desto besser wirkt sie", sagt Martin Nitsche, deutscher Chef der Marketingagentur Proximity. Die Kunst werde darin bestehen, die Werbung so zu integrieren, dass sie als Service und nicht als Störung wahrgenommen wird.

Klar ist, dass die in der Regel kostenlosen Internetplattformen des Web 2.0 Geld verdienen müssen. MySpace-Käufer Murdoch ist das schon gelungen: Im August schloss er mit Google einen Vertrag über 900 Millionen Dollar ab, der der Suchmaschine erlaubt, exklusiv Werbung auf der MySpace-Website zu verkaufen. Dabei sind die Grenzen des Wachstums nicht absehbar: Allein in den USA werden dieses Jahr geschätzte 16 Milliarden Dollar für Onlinewerbung ausgegeben - ein Plus von rund einem Viertel. Für Deutschland errechneten die Marktforscher von Nielsen im September sogar einen Zuwachs von 58 Prozent.

Kein Wunder, dass die großen Medienkonzerne ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. So hat sich ProSiebenSat.1 mit 30 Prozent an MyVideo beteiligt, der erst im April 2006 gegründeten deutschen YouTube-Variante. Die dort gespeicherten 150 000 Videos werden täglich 4,5 Millionen Mal angesehen. Auch bei Lokalisten.de, das nach Art von MySpace mit 400 000 Mitgliedern zu den größten deutschsprachigen Gemeinschaften gehört, hat sich der TV-Konzern mit einem Drittel eingekauft. Und Holtzbrinck Ventures erwarb im August einen Anteil an StudiVZ. Mit mehr als 800 000 aktiven Nutzern ist es unter den europäischen Online-Studenten-Netzwerken die Nummer eins. Das US-Vorbild Facebook hat knapp zehn Millionen Mitglieder und gilt als nächster potenzieller Milliardendeal. Die derzeitige Goldgräberstimmung im Netz erinnert an die Neunziger Jahre. Eine Blase wie zu Zeiten der New Economy sehen aber die wenigsten. "Die Menschen haben aus den Erfahrungen der ersten Webwelle gelernt", sagt der Hamburger Lars Hinrichs, Gründer des Netzwerks OpenBC, das bald Xing heißt. "Eine Vision zu haben, genügt nicht mehr." Nur Angebote mit konkretem Nutzen würden Bestand haben. Und international werde nur eines das Rennen machen. Hinrichs: "Für Unternehmen, die YouTube kopiert haben, wird es nun schwerer, da sie jetzt mit der größten Internetfirma der Welt konkurrieren."

Es scheint, als seien Chad Hurley und Steve Chen mit der richtigen Idee zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen.

 

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