EU-Weit: Neue Verpackungen. 0,9 Liter Milch und 95-Gramm-Tafel Schokolade sollen erlaubt werden. Verbraucherschützer rechnen mit weniger Inhalt zum gleichen Preis.

Hamburg. Eine Tafel Schokolade mit 95 Gramm oder besonders preisgünstige Biomilch in der 0,9 Liter-Packung: Auf solche Produkte könnten Verbraucher schon bald in den deutschen Supermarktregalen treffen. Hintergrund ist ein Beschluss der EU-Wirtschaftsminister, nach dem die vorgeschriebenen Verpackungsgrößen für rund 70 Produkte abgeschafft werden sollen.

Bislang dürfen vor allem Grundnahrungsmittel in Europa nur in bestimmten Größen angeboten werden. Für Kaffee gelten beispielsweise Verpackungen mit 125, 250 und 500 Gramm als statthaft, nicht aber 225 oder 750 Gramm. Fischstäbchen dürfen Hersteller in 150- oder 300-Gramm-Packungen verkaufen, nicht aber mit 100 oder 400 Gramm.

Die EU versteht die Abschaffung der einheitlichen Vorschriften als einen Schritt hin zu weniger Bürokratie. Verbraucherschützer warnen hingegen vor einer Flut von "Mogelpackungen", die nun auf die Kunden zukommen könnten. "Einheitliche Verpackungsgrößen haben durchaus ihren Sinn, weil sie den direkten Preisvergleich zwischen verschiedenen Produkten ermöglichen", sagt Armin Valet, Ernährungsexperte bei der Verbraucherzentrale Hamburg. Mit dem Wegfall der Vorschriften bestehe die Gefahr versteckter Preiserhöhungen. Statt den Preis für ein Produkt direkt heraufzusetzen, werde einfach die Verpackung verkleinert, so Valet.

Die Befürchtung der Verbraucherschützer hat einen realen Hintergrund: Schon heute sind die Hersteller in der Wahl der Verpackungsgröße bei vielen Produkten, wie etwa Drogerieartikeln, frei. Eine Verkleinerung der Verpackung sei in der Industrie gang und gäbe, sagt Valet. Eine aktuelle Liste der Verbraucherzentrale umfasst 56 solcher Fälle.

Beispiel Pampers: Hersteller Procter und Gamble packt seit Kurzem bis zu vier Windeln Marke Baby-dry weniger in die Packungen, der Preis blieb aber nach Angaben von Stiftung Warentest konstant. Bei der Chipsmarke Pringles wurde die Verpackungsgröße von 200 auf 170 Gramm geändert, der Preis blieb unverändert bei 1,59 Euro. "Solche Aktionen dürfte es künftig auch bei den Grundnahrungsmitteln geben", sagt Verbraucherschützer Valet. "Den wenigsten Kunden werden sie aber auffallen, weil sie seit Langem an die einheitlichen Größen gewöhnt sind."

Die Hersteller begrüßen hingegen die geplante Freigabe aller Packungsgrößen: "Der Lebensmittelhandel weist bereits heute neben dem Endpreis eines Produkts auch einen Preis pro Liter oder Kilo aus", sagt Unilever-Sprecherin Katja Praefke. "Dies bietet dem Kunden ausreichende Möglichkeiten für einen Preisvergleich." Für die Industrie gebe es mit dem Wegfall der Vorschriften mehr Freiräume bei der Produktgestaltung. Schon jetzt setze Unilever bei Margarine auch auf 600-Gramm-Packungen und habe damit gute Erfahrungen gemacht.

Das Bundeswirtschaftsministerium hebt die Vorteile für Singlehaushalte hervor, die nun nicht mehr Nudeln, Zucker, Mehl oder Butter in großen Vorratspackungen einkaufen müssten. "Die EU zeigt zum ersten Mal, dass sie in der Lage ist, überflüssige Vorschriften abzuschaffen", sagte der Staatssekretär im deutschen Wirtschaftsministerium, Joachim Würmeling. Das EU-Parlament muss dem Kompromiss allerdings noch zustimmen. Für die Umsetzung in nationales Recht besteht eine Frist von zwei Jahren, die Deutschland einhalten will.

Eine Ausnahme haben allerdings die Italiener ausgehandelt: Sie bekommen dreieinhalb Jahre Zeit, um sich von ihren alten Nudelpackungen zu verabschieden.