Hamburgs neuer Internet-Gigant
Übernahme: HanseNet kauft für 675 Millionen Euro AOL-Sparte - kein Stellenabbau geplant. Jetzt Nummer zwei hinter T-Online. Betriebsräte sind zufrieden. Für Kunden ändert sich zunächst nichts. Branchenexperte hält Kaufpreis für zu hoch.
Hamburg. Der Kauf der Internet-Zugangssparte von AOL durch die HanseNet-Mutter Telecom Italia führt nach Angaben der Unternehmen nicht zu Entlassungen. "Es wird keinen Stellenabbau geben", sagte HanseNet-Geschäftsführer Harald Rösch gestern dem Abendblatt. "Wir sind in wenigen Jahren von 400 auf 1300 Mitarbeiter gewachsen und werden weiter einstellen", so der Chef des Hamburger Telekommunikationsanbieters. Für die AOL-Mitarbeiter sei die Übernahme durch HanseNet im Vergleich zu den anderen Bietern ein "ideales Szenario".
Auch Freenet und United Internet hatten sich für die Zugangssparte interessiert. Die Geschäftsmodelle hätten sich aber stark mit AOL überschnitten. Die beiden anderen nicht zum Zuge gekommenen Bieter Versatel und KPN sitzen nicht in Hamburg.
Die rund 250 der 500 Hamburger AOL-Mitarbeiter aus dem für 675 Millionen Euro verkauften Geschäftsbereich sollen nach Abschluss der Transaktion Anfang 2007 in die HanseNet-Zentrale in der City Nord umziehen. Insgesamt übernimmt das Unternehmen mit der Hauptmarke "Alice" 1200 AOL-Beschäftigte, so dass die Mitarbeiterzahl auf 2500 wächst. Die Call-Center-Standorte in Saarbrücken und Duisburg sollen erhalten bleiben, sagte AOL-Deutschland-Chef Charles Fränkl, der die Integration begleiten und später einen Posten im Telecom-Italia-Konzern bekommen soll.
Die Betriebsräte beider Unternehmen bewerteten den Schritt überwiegend positiv. "HanseNet ist der komplementärste von den möglichen Käufern, was gerade im Hinblick auf die strategische Partnerschaft zwischen HanseNet und dem verbleibenden Portalgeschäft von AOL eine gute Nachricht ist. Wir sind froh, dass der Standort Hamburg bestätigt wurde", sagt Anja Kleinelanghorst, Sprecherin des Hamburger AOL-Betriebsrates. Allerdings gehe sie von Synergien aus, zu denen dem Betriebsrat bisher keine Infos vorlägen. Bei HanseNet rechnet die Belegschaft "auf keinen Fall mit großen Einschnitten", so Betriebsratschef Tom Vogt. Er schloss aber "Einzelschicksale" nicht aus.
HanseNet steigt mit nun rund 1,9 Millionen Breitband- und 3,2 Millionen Internet-Kunden insgesamt zur Nummer zwei nach T-Online auf und liegt damit auf einer Augenhöhe mit United Internet. "HanseNet bekommt durch die AOL-Übernahme die notwendige kritische Masse. Das wäre durch organisches Wachstum nicht möglich gewesen", sagt Telekom-Analyst Holger Bosse von Helaba Trust. Zudem trage HanseNet so zur notwendigen Marktkonsolidierung bei.
"Strategisch macht der Kauf der Zugangssparte für Telecom Italia Sinn", ergänzt Analyst Chris-Oliver Schickentanz von der Dresdner Bank. "Es können sicher einige AOL-Kunden gewonnen werden, die vorher keinen Breitbandanschluss hatten." Allerdings sei der Kauf "ein bisschen teuer" geraten. Für AOL seien schon 600 Millionen Euro ein guter Preis gewesen. Zum Vergleich: Für HanseNet hatte der italienische Telekom-Konzern 2003 gerade einmal 250 Millionen Euro bezahlt.
Keine Auswirkungen hat die Übernahme für bestehende Kunden. Verträge mit AOL und HanseNet seien weiter gültig, der bisherige Service und die aktuelle E-Mail-Adresse bleiben zunächst bestehen. Zudem "verkauft AOL für eine Übergangszeit weiter Internet-Anschlüsse der Deutschen Telekom und anderer Netzbetreiber", so Fränkl. Es gebe Abmachungen, die nicht kurzfristig gelöst werden könnten. Ein Kern des Deals ist ferner das Portal von HanseNet. Es wird in den nächsten fünf Jahren von AOL betrieben. Der Internet-Anbieter, dessen Audience-Sparte (Computerspiele, Musik, Nachrichten, Werbung) bei Time Warner verbleibt und in Deutschland weiter von Torsten Ahlers geleitet werden soll, rüstet das Portal mit Inhalten aus. Damit schließt HanseNet die Lücke zu Arcor und T-Online, die seit langem eine Startseite dieser Art betreiben.
AOL will sich nach dem Verkauf des Zugangsgeschäft (Access) auf den Markt mit Online-Inhalten konzentrieren, um im Wettbewerb mit Google, Yahoo und Co. mithalten zu können. In Großbritannien wird noch ein Käufer für die Access-Sparte gesucht, in Frankreich steht der Verkauf an Neuf Cegetel für rund 300 Millionen Euro kurz bevor.
Derweil vergrößert Telecom Italia durch den AOL-Kauf ihren exorbitanten Schuldenberg von 41 Milliarden Euro. "Zwar hat das Unternehmen ausreichend Kreditspielraum, um die Übernahme zu finanzieren", sagt Analyst Schickentanz, "dennoch ist die Verschuldung problematisch." Die Übernahme könne ein erstes Indiz für eine größere Portfoliobereinigung sein, bis hin zum Verkauf der Mobilfunksparte TIM. Diese hatte der am Freitag nach Protesten zurückgetretene Telecom-Italia-Chef Marco Tronchetti angekündigt. Der neue Präsident Guido Rossi will offenbar an der Abspaltung des Mobilfunkgeschäfts festhalten und die Breitband-Aktivitäten mit europaweit derzeit neun Millionen Nutzern ausbauen.




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