Sonntag, 12. Februar 2012, 20:09

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Wirtschaft

Hamburg: Hochburg der Berater

Boom: 6200 Firmen in der Stadt. Hat die Branche ein Imageproblem? Wie kann man Qualität sicherstellen? Interview mit dem Chef des Consulting Clubs, Wilhelm Alms.

ABENDBLATT: Unternehmensberater haben nicht gerade den besten Ruf. Sie werden oft mit Arbeitsplatzabbau in Verbindung gebracht. Nicht ohne Grund nannte Rolf Hochhuth sein Arbeitslosendrama "McKinsey kommt".

WILHELM ALMS: Wenn man Berater als Jobvernichter bezeichnet, dann muss man auch über die Auftraggeber reden. Man darf nicht vergessen, dass der internationale Wettbewerb sich dramatisch verschärft. Wenn ein Unternehmen seine Konkurrenzfähigkeit verliert, kann es in Teufels Küche kommen. Es greift zu kurz, Berater als Helfershelfer schlimmer Kapitalisten zu sehen. Aber hier geht es auch um Fragen von Moral und Ethik.

ABENDBLATT: Wie sehen Sie selbst das Image der Branche in der Öffentlichkeit?

ALMS: Das ist ein sehr emotionsbeladenes Thema. In Teilen ist das schlechte Image auch berechtigt. So gab es in der Hypephase der Branche stellenweise überzogene Honorare. Für das Geld wurden viele junge Leute mit wenig Erfahrung und bunten Folien zu den Kunden geschickt. Heute ist die Branche besser als ihr Ruf. Aber es dauert lange, dieses alte Bild wieder zu ändern.

ABENDBLATT: Der Branchenverband nennt eine Spanne bei Tagessätzen für Berater von 600 bis 5000 Euro pro Kopf und Tag, wobei der Schnitt bei 1400 bis 1800 Euro liegt. Wie entwickeln sich die Honorare aktuell?

ALMS: Zwischen 2002 und 2004 hatten wir einen Preisverfall von etwa 15 Prozent. Jetzt erholen sich die Honorare langsam wieder, aber die früheren Preise werden wir so schnell nicht wieder erreichen.

ABENDBLATT: Wie sehen Sie das Problem der unseriösen Berater, die hohe Honorare ohne solide Leistung kassieren wollen?

ALMS: Es gibt eine Reihe schwarzer Schafe und eine Menge Mittelmaß. Alle schimpfen auf die schwarzen Schafe, aber so richtig getan hat sich nichts. Allerdings ist es ein vordringliches Ziel des Hamburger Consulting Clubs (HCC), gegen dieses Problem vorzugehen. Darum haben die im HCC organisierten Firmen mit der Handelskammer und Wissenschaftlern ein Ratingverfahren für Beratungsunternehmen entwickelt, um ein Mindestmaß an Qualität sicherzustellen.

ABENDBLATT: Wie gehen Sie vor?

ALMS: Wir prüfen unter anderem, ob ein Anbieter von seiner Arbeitssystematik her überhaupt in der Lage ist, qualitativ ordentliche Ergebnisse zu erreichen. Außerdem verlangen wir fünf Referenzen, also Arbeitsproben, die auch hinterfragt werden. Denn nicht selten stehen auf den Referenzenlisten Kunden, die gar nichts davon wissen, dass dieser Berater für sie tätig gewesen sein soll. Das Qualitätssiegel muss regelmäßig erneuert werden.

ABENDBLATT: Wie kann man sich vor Beratungsflops schützen?

ALMS: Letztlich muss der Kunde selbst dafür sorgen, dass er nicht über den Tisch gezogen wird. Am wichtigsten ist es, wirklich klar festzulegen, was der Kunde will. Das muss im Vertrag fixiert werden. Außerdem sollte man Meilensteine für das Beratungsprojekt einführen. Wenn man das tut, erkennt man schwarze Schafe sehr schnell. Klar ist: Berater müssen geführt werden. Dazu muss ein Kunde auch bereit sein.

ABENDBLATT: Zu den Branchenproblemen gehört auch, dass sich jeder Unternehmensberater nennen kann. Warum ist die Berufsbezeichnung nicht geschützt?

ALMS: Tatsächlich hat es immer wieder Versuche gegeben, dies einzuführen. Vielleicht kommen wir irgendwann einmal dorthin. Aber ich fürchte, das Thema ist auf absehbare Zeit chancenlos. Das Tätigkeitsspektrum ist so vielfältig, dass bisher niemand überzeugend festlegen konnte, was eigentlich die Voraussetzungen für den Titel sein sollen.

ABENDBLATT: Nach einem extremen Höhenflug während des Börsenbooms hat die Beraterbranche einen jähen Abschwung erlebt. Wie geht es Beratern jetzt?

ALMS: Nach einigen schwierigen Jahren wächst der Markt wieder. Im vergangenen Jahr lag die Zuwachsrate bei rund fünf Prozent und alle Anzeichen deuten darauf hin, dass wir 2006 mit einem Plus zwischen fünf und acht Prozent rechnen können.

ABENDBLATT: Der Beratermarkt ist sehr zersplittert. Ändert sich die Struktur?

ALMS: Die Großen werden größer. Mittlerweile kommen in Deutschland die Top 50, das sind allesamt Unternehmen mit mindestens 250 Beschäftigten, schon auf fast 50 Prozent des Branchenumsatzes, obwohl sie nur 0,5 Prozent der Firmen stellen. Auffällig ist, dass auch kleine, aber expertisestarke Häuser mit drei bis 20 Mitarbeitern sehr gute Perspektiven haben. Sie sind meistens stark spezialisiert, etwa auf die Logistik in der Automobilbranche oder auf Abrechnungstechnik bei Versorgern, und haben wegen des geringen Verwaltungsaufwands sehr konkurrenzfähige Kosten. Mittelgroße Beratungsunternehmen haben es dagegen schwerer.

ABENDBLATT: Gibt es Überkapazitäten im Markt?

ALMS: Nein, aber nennenswerte Fehlkapazitäten. Heute wird eine deutlich höhere Qualität verlangt als noch vor einigen Jahren. Von den rund 70 000 bis 80 000 Unternehmensberatern in Deutschland dürften daher fünf bis zehn Prozent vom Markt verschwinden, weil sie nicht mehr Know-how-stark genug sind, und durch besser qualifizierte ersetzt werden. Man muss ein guter Fachmann sein und gleichzeitig starke methodische Fähigkeiten haben.

ABENDBLATT: Welche Rolle spielt Hamburg als Branchenstandort?

ALMS: Was die Zahl der hier ansässigen Anbieter angeht, liegt Hamburg wahrscheinlich an der Spitze. Von den rund 12 000 Beraterfirmen, die es in Deutschland gibt, sind laut Statistik etwa 6200 hier in der Stadt präsent. Im Hinblick auf die Beratungsnachfrage liegt Hamburg unter den großen deutschen Standorten aber wohl nur im Mittelfeld.

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus

Weiterführende Links