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Wirtschaft

Offene Rechnungen fürs Dosenpfand

Einzelhandel: Hamburger Betriebe beklagen schlechte Zahlungsmoral. Ausgezahltes Pfand nicht erstattet. Verband schätzt Schaden auf bis zu 50 Millionen Euro.

Hamburg. Große Säcke mit leeren Plastikflaschen und Dosen stapeln sich im Lagerraum des E activ Marktes Holst in der Paul-Roosen-Straße. Gerade während des Fanfestes auf dem nahen Heiligengeistfeld haben die Besucher viel Pfandgut in den Supermarkt gebracht. Doch wenn Inhaber Herwig Holst die Säcke betrachtet, packt ihn die Wut: "Wir haben Kunden das Pfandgeld ausbezahlt, aber warten schon seit Wochen auf unser Geld von dem Entsorgungsunternehmen." Allein für den Juni stünden noch 1840 Euro aus. Holst: "Für einen Mittelständler ist das nicht einfach."

Und er ist nicht der einzige Einzelhändler, der auf die Rückerstattung seiner Auslagen wartet. "Ganz grob geschätzt stehen in Hamburg bis zu 50 Millionen Euro aus", meint Ulf Kalkmann vom Hamburger Einzelhandelsverband. "Auch wir sind noch hinter unserem Geld her", sagt Bernd Enge, Prokurist zweier Edeka-Märkte in Eimsbüttel. Heinrich Heitmann, Inhaber des E activ Marktes in der Hoheluftchaussee, geht es genauso: "Es wurden 46 Säcke voller Einwegbehälter mitgenommen, ich habe aber noch keine Pfandgutschrift erhalten. Ich warte auf 1400 Euro." Er ärgert sich über das Entsorgungsunternehmen. "Keiner gibt mir Auskunft, obwohl ich bereits dreimal angerufen habe. Auch die Verschlüsse für die Säcke kamen verspätet an."

Einen Einzelhändler aus Eimsbüttel hat es besonders schwer getroffen: "Ich warte noch auf 6000 Euro. Lange kann ich das nicht mehr durchhalten, diesen Monat habe ich mir schon nur ein halbes Gehalt ausbezahlt." Gerade die Mittelständler gerieten durch die zögerliche Zahlungsmoral in Finanznot. "Die geringen Margen im Einzelhandel drücken ohnehin schon. Es herrscht große Verärgerung", sagt Kalkmann.

Zuständig ist die Deutsche Pfandsystem GmbH (DPG). Sie sollte ab Juni 2005 ein bundesweit einheitliches Rücknahmesystem für Einweggetränkeverpackungen schaffen. Unter Aufsicht der DPG organisieren Entsorger wie Interseroh die Sackabholung beim Einzelhändler und sorgen dafür, daß der Händler sein Pfand vom Abfüller zurückerhält, das er zuvor dem Verbraucher erstattet hat. So steht es zumindest in den Verträgen. Grund für die Verzögerung sei laut DPG "Nichtbeachtung von DPG-Vorgaben zur Erstellung von Rechnungen und Mengenmeldungen durch die Dienstleister". Nach intensiven Gesprächen sei "der Knoten gelöst", verspricht Geschäftsführer Bernd-Ulrich Sieberger. Die Händler haben dies aber noch nicht bemerkt. Die Zahlungen sind noch nicht eingegangen.

Das ausbleibende Pfandgeld ist nicht das einzige, was die Händler wütend macht. "Wir müssen die Entsorgungsgebühr sofort bezahlen, aber umgekehrt lassen sie uns warten", sagt Bernd Enge. Denn die Leergutabholung ist nicht kostenlos. Das ärgert auch Herwig Holst "Wir zahlen für die Abholung schon drei Cent pro Flasche, die uns niemand erstattet. Auch wenn die Flaschen gar nicht von uns waren." Denn am 1. Mai sind alle sogenannten Insellösungen ausgelaufen, bei denen zum Beispiel Aldi und Lidl eigene Rücknahmesysteme betrieben und keine "fremden" Flaschen annahmen. Und seither gilt, daß jeder, der pfandpflichtige Einweggetränkeverpackungen verkauft, alles Leergut gleichen Materials zurücknehmen muß.

Vor allem Supermärkte in der Nähe großer Feste müssen jetzt mehr Flaschen zurücknehmen als sie verkaufen, weil viele Besucher die mitgebrachten Getränkebehälter bei ihnen entsorgen. Wie zum Beispiel bei Holst. Er hat jetzt 18 000 Euro in einen Automaten investiert, der das Leergut gleich schreddert. "Dann zahle ich nur noch 0,3 Cent pro abgeholter Flasche", sagt er. Auch seine Kollegen müssen investieren. Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) schätzt, daß in der Branche insgesamt 1,5 Milliarden Euro Anfangsinvestitionen und mehrere Millionen Euro pro Jahr etwa für die Entsorgung für die neue Pfandregelung anfallen.

Richard Peper vom Frischemarkt in der Pfitznerstraße hat seine Lösung gefunden: "Ich höre von Kollegen soviel schlechtes über das Einwegpfand. Darum führe ich jetzt nur noch Mehrweg", sagte er dem Abendblatt.

 

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