"Keiner müßte an Hunger sterben"
Globalisierung: Trotz stark wachsenden Welthandels nimmt die Armut zu. UN-Sonderberichterstatter Jean Ziegler kritisiert die Machtkonzentration der Konzerne.
ABENDBLATT: Der Welthandel hat sich in den letzten zwölf Jahren mehr als verdreifacht, das Weltbruttosozialprodukt hat sich mehr als verdoppelt. Sind durch die Globalisierung auch Armut und Hunger zurückgegangen?
JEAN ZIEGLER: Nein, im Gegenteil. Einerseits hat die Globalisierung zu einer unglaublichen Wertschöpfung geführt, andererseits zu größter Armut. Täglich sterben 100 000 Menschen an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. 500 000 Frauen in Afrika sterben im Kindsbett. 856 Millionen Menschen sind permanent schwerstens unterernährt.
ABENDBLATT: Gibt es nicht genügend Nahrung, um alle Menschen zu ernähren?
ZIEGLER: Doch. Nach dem Welternährungsbericht könnte die Landwirtschaft zwölf Milliarden Menschen normal ernähren (2700 Kalorien pro Kopf täglich) - fast doppelt so viele Bürger, wie auf der Welt leben. Heute sind wir 6,4 Milliarden Menschen. Es gibt also keine Notwendigkeit, daß auch nur ein Mensch wegen Hunger sein Leben lassen muß. Wenn ein Kind heute am Hunger stirbt - dann wird es ermordet.
ABENDBLATT: Warum wird dieser Zustand nicht geändert?
ZIEGLER: Mit der Globalisierung haben Konzerne eine unglaubliche Macht gewonnen, wie sie in der Geschichte kein Kaiser, König oder Papst gehabt hat. Privatkonzerne haben neue Weltreiche entstehen lassen - bei gleichzeitiger Monopolisierung. Die 500 größten Unternehmen kontrollierten 2005 zusammen 52 Prozent des Weltbruttosozialproduktes. Der Kapitalismus ist damit die dynamischste Produktionsform, die es je gegeben hat. Andererseits steigen unter ihm die Leichenberge.
ABENDBLATT: Woran scheitert eine Umverteilung?
ZIEGLER: Der Dschungelkapitalismus folgt ausschließlich dem Prinzip der Profitmaximierung. Dieses negiert Werte wie Solidarität, Umverteilung und soziale Gerechtigkeit. In der globalisierten Welt gibt es nur noch zwei Aktionsprinzipien: Privatisierung und Liberalisierung, damit das Kapital dorthin gehen kann, wo es den maximalen Profit erzielt.
ABENDBLATT: Es gibt aber auch Ausnahmen, oder?
ZIEGLER: Es gibt individuelle Ausnahmen. Vielleicht zahlen einige Manager einen Jahresbeitrag an die Welthungerhilfe. Das war es dann aber auch schon.
ABENDBLATT: Wie groß ist noch der Einfluß der Politik?
ZIEGLER: Offenbar gering. Beispiel: Deutschland ist die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. Dennoch kann Angela Merkel als demokratisch gewählte Kanzlerin nichts gegen die Abwanderung von Konzernen tun.
ABENDBLATT: Bisher kennen wir Armut vor allem in der Dritten Welt. Doch auch hierzulande verlieren immer mehr Menschen durch Firmenabwanderungen ihren Arbeitsplatz und damit die Absicherung ihrer Lebensgrundlage. Droht Westeuropa ebenfalls eine Armutsspirale?
ZIEGLER: Wenn wir nicht erwachen, ganz sicher. Europa blutet durch die Abwanderung von Unternehmen aus. Es ist die willentlich organisierte Massenarbeitslosigkeit. Unter anderem deshalb, weil viele Konzerne heute keine Steuern mehr bezahlen, da sie ihre Holdings in Steuerparadiesen ansiedeln- ganz legal.
ABENDBLATT: Wie kann diese Entwicklung gestoppt werden?
ZIEGLER: Wir brauchen einen Aufstand des Gewissens. Wir müssen das lähmende Gefühl der Schande, das wir angesichts von Hunger und Armut empfinden, in Aktionen umwandeln. Wir müssen erkennen: Der Raubtierkapitalismus ist kein Naturgesetz. Das System ist von Menschen gemacht und kann von ihnen geändert werden. Dazu müssen wir zuerst die Zusammenhänge erkennen.
ABENDBLATT: Auf wen setzen Sie bei dieser Veränderung?
ZIEGLER: Vor allem auf die sozialen Bewegungen in der ganzen Welt, die sich schon heute zum Beispiel für mehr Rechte von Frauen, Landlosen oder für die Entschuldung der Dritten Welt einsetzen. Wir müssen wieder den moralischen Imperativ in uns wecken. Ziel muß es sein, das "Recht auf gemeinsames Glück", wie es schon 1776 in der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung formuliert wurde, als wichtigstes Ziel anzustreben. Damals war das gemeinsame materielle Glück noch eine Utopie, weil die Produktionskräfte zu schwach waren. Heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends, sind die Produktionskräfte dagegen endlich so weit entwickelt, daß alle ernährt werden könnten - doch es geschieht nicht. Statt dessen dominiert heute eine Ökonomie, die nur der Profitmaximierung dient und mit allen Werten der Aufklärung bricht. Hier droht das Ende der Demokratie.
ABENDBLATT: Wie kann konkret gegengesteuert werden?
ZIEGLER: Es gibt sehr viel zu tun. Man müßte zum Beispiel der Dritten Welt alle Auslandsschulden erlassen. Zudem muß die Agrarpolitik der EU beendet werden. Durch hochsubventionierte Lebensmittel aus Europa haben beispielsweise afrikanische Bauern kaum eine Chance, ihre eigenen Waren auf den heimischen Märkten zu verkaufen, da die EU-Waren billiger sind.
ABENDBLATT: Wie ließe sich Wohlstand gerechter verteilen?
ZIEGLER: Als erstes muß eine Steuergerechtigkeit eingeführt werden. Alle Konzerne sollten wieder Steuern zahlen. Dadurch käme mehr Geld in die Staatskassen, das für soziale Belange ausgegeben werden könnte. Zugleich müßten die Fiskalparadiese trockengelegt werden. Das Schweizer Bankgeheimnis gehört abgeschafft, unter dessen Schutz Fluchtkapital und hinterzogene Steuern in Milliardenhöhe gewaschen werden. Zudem bräuchte man ein Gesetz gegen die Abwanderung von Konzernen und einen effektiven Kündigungsschutz.
ABENDBLATT: Unter solchen Bedingungen werden die Unternehmen doch erst recht abwandern.
ZIEGLER: Das glaube ich nicht. Die Manager haben hier ihr Zuhause, ihre Familien. Wenn man den Erpressungsversuchen der Konzerne, abzuwandern, keinen Riegel vorschiebt, begibt man sich auf die Verliererseite. Dann geht die Abwärtsspirale immer weiter.
ABENDBLATT: Wenn diese Entwicklung nicht gestoppt werden kann, wo sehen Sie dann Deutschland in zehn Jahren?
ZIEGLER: Wenn sich Deutschland dieser Erpressung weiter beugt, dann ist die Gesellschaftordnung der sozialen Gerechtigkeit ein Auslaufmodell. Dann könnte Berlin zu einem zweiten São Paulo, Manila oder Karatschi werden: Fünf bis zehn Prozent der Bürger leben in Wohlstand, gut bewacht und abgeschirmt von Sicherheitskräften. Der Rest haust in Elendsvierteln.




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