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Wirtschaft

1300 Euro für jeden - auch ohne Arbeit

Grundeinkommen: Der Unternehmer Götz W. Werner hat eine Vision. Der dm-Chef will Lohnsteuer, Subventionen und Rentenbeiträge abschaffen. Und verspricht ein Jobwunder.

Hamburg. Götz W. Werner ist Anhänger der Anthroposophie, deren Lehre unter anderem davon ausgeht, daß Menschen motiviert werden, indem man ihnen besonders viel zutraut. Die 23 000 Mitarbeiter in seiner 1973 gegründeten Drogeriemarkt-Kette dm (3,3 Milliarden Euro Umsatz) bekommen schon in jungen Jahren reichlich Eigenverantwortung. Seine Personalkosten bezeichnet Werner als Mitarbeitereinkommen, da die Beschäftigten aus seiner Sicht kein reiner Kostenfaktor sind, sondern den Ertrag des Unternehmens erwirtschaften.

Jetzt stellt sich der Mann, der keinem der üblichen Klischees über Manager entspricht, vor eine Bewegung, der neben Wissenschaftlern und Politikern auch Mitglieder der Anti-Globaliserungsgruppe Attac und Arbeitslose angehören. Am Donnerstag schaltete er erstmals eine halbseitige Anzeige in der "Zeit". Darin fordert Werner dazu auf, der Staat solle jedem Bürger ein Grundeinkommen in Höhe von 1300 bis 1500 Euro monatlich bezahlen - ohne Gegenleistung. Weitere Anzeigen sollen folgen. Kinder sollen in dem Modell einen abgestuften Betrag erhalten.

"Wir haben noch nie soviel Wohlstand produziert wie heute. Allerdings hat unsere Wirtschaft heute nicht mehr die primäre Aufgabe, Arbeitsplätze zu schaffen, sondern Güter und Dienstleistungen für die Menschen zu produzieren", so Werner. Weil immer mehr Menschen durch Maschinen ersetzt würden, steige die Zahl der Arbeitslosen. "Aber haben wir es nötig, auch nur einen Menschen durchs soziale Netz fallenzulassen?" Werner sagt "Nein" und schlägt vor, die soziale Absicherung über das Grundeinkommen zu gewährleisten. Finanziert werden soll der Betrag, indem die bisherigen direkten und indirekten Sozialausgaben in Höhe von gegenwärtig 720 Milliarden Euro umgeleitet werden. Bei geschätzten 82 Millionen Empfängern käme für jeden rein rechnerisch ein Betrag von 8780 Euro im Jahr zusammen, also 731 Euro im Monat. Dieser Betrag steigt noch, weil in der Rechnung noch nicht berücksichtigt ist, daß die rund 15 Millionen Kinder weniger bekommen sollen.

"Das Grundeinkommen sorgt dafür, daß die Lohnkosten für die Unternehmen sinken", so Werner. Bei Besserverdienenden könne das Grundeinkommen vom Gehalt abgezogen werden. Bei Beschäftigten, die heute weniger als 1300 bis 1500 Euro pro Monat verdienen, könnten die Arbeitgeber Löhne in Höhe von einigen hundert Euro anbieten, um einen Anreiz zum Arbeiten zu geben.

Für die Wirtschaft würden nicht nur die Lohnkosten sinken, die Betriebe müßten nach Werners Modell auch keine Lohnnebenkosten etwa für Rente und Arbeitslosenversicherung mehr bezahlen. "Beides würde durch das Grundeinkommen entfallen", sagt er. Und für die Krankenversicherung müsse der Arbeitnehmer alleine aufkommen.

Werner fordert zudem, alle direkten Steuern für Arbeitnehmer und Arbeitgeber abzuschaffen. Der Staat solle sich stattdessen durch höhere Verbrauchssteuern wie der Mehrwertsteuer finanzieren und sämtliche bisherigen Subventionen streichen. "Jeder Kostenfaktor eines Produktes oder einer Dienstleistung fließt heute in den Kaufpreis ein. Und da die Kosten durch Grundeinkommen und Steuerbefreiung sinken, würde auch der Preis fallen und einen Spielraum für Steuererhöhungen auf Produkte und Dienstleistungen schaffen", so Werner. Unter den neuen steuerlichen Bedingungen würden sich internationale Unternehmen hierzulande niederlassen und Arbeitsplätze schaffen. "Das Modell funktioniert. Wir müssen nur umdenken und nicht alles durch den Geldschleier sehen, sondern in Richtung Produkte und Dienstleistungen denken, die dem Staat zu Einnahmen verhelfen."

Werner, der an der Universität Karlsruhe am Institut für Entrepreneurship junge Menschen in Fragen des Unternehmertums unterrichtet, glaubt nicht, daß die Grundabsicherung die Menschen dazu verleiten würde, sich auf die faule Haut zu legen. "Jeder hätte mehr Freiheit, sich zu entscheiden, was er tun will. Gerade gemeinwirtschaftliche und kulturelle Aufgaben, für die heute das Geld fehlt, würden so finanzierbar." Werner geht davon aus, daß die Umsetzung seiner Ideen mehrere Jahre dauern könnte.

Günther Klemm, Chefvolkswirt der Handelskammer in Hamburg, ist skeptisch. "Ich bezweifle, daß die Finanzierung klappt", sagte er. "Die Verbraucher können die höher besteuerten Produkte nur kaufen, wenn sie Geld haben." Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts (HWWI), hält die Idee eines staatlich finanzierten Grundeinkommens dagegen für richtig. "Wir müssen weg von den verschiedenen Töpfen der Sozialpolitik", sagt er und plädiert für eine Grundabsicherung. Er hält einen Betrag von 7500 Euro im Jahr für sinnvoll, aber nur wenn auch künftig die Einkommen mit einem pauschalen Satz von 25 Prozent besteuert werden.

 

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