Die Porsches - Mythen, Macht und Milliarden
Autodynastie: Ferdinand Porsche erfand den Volkswagen - mit dem Einstieg bei VW schließen seine Ahnen einen Kreis. Warum Gründer-Enkel Ferdinand Piëch nicht Firmenchef werden durfte und sein Bruder als Verräter galt . . .
Hamburg. "Gegen mich aufzustehen trauen Sie sich nicht." Ferdinand Piëch wirkt ruhig, wenn er Sätze wie diesen einem Speer gleich durch die Luft schleudert. Kein Chef hat jemals bei VW so viele Manager aus dem Amt gedrängt wie er. Inzwischen ist Piëch zwar vom Chefsessel des Autobauers in den Aufsichtsrat gewechselt, aber seine Verbalattacken sind immer noch legendär. Der 68jährige mischt kräftig mit, obwohl er sich längst hätte ins Privatleben zurückziehen können.
Eigentlich hätte Piëch niemals in seinem Leben arbeiten müssen. Denn er ist Mitglied eines Familienclans, der der Öffentlichkeit durch einen anderen Namen bekannt geworden ist. Porsche. Allein sein direkter Anteil am Stuttgarter Sportwagenhersteller Porsche ist rund 1,4 Milliarden Euro wert.
Ferdinands Mutter Louise Piëch war die Tochter des legendären Porsche-Erfinders Professor Ferdinand Porsche. Während ihr Bruder Ferry und Vater Ferdinand nach dem Zweiten Weltkrieg bei Stuttgart an Autos schraubten, ging sie mit Ehemann Anton und den vier Kindern Louise, Ernst, Ferdinand und Michael ins Nachbarland Österreich, um zu verhindern, daß die Alliierten ihren Besitz beschlagnahmen. Schließlich hatte der Name Porsche damals nicht den besten Klang. Der Firmengründer hat nicht nur den Volkswagen konstruiert, sondern das von ihm mitaufgebaute VW-Werk lieferte Hitlers Armeen Waffen und Militärfahrzeuge.
Zell am See in Österreich. Begehrtes Touristenziel, barocker Ortskern, grüne Wiesen, dahinter ein herrschaftliches Gutshaus mit einer Kapelle. Nichts weist darauf hin, daß dies der Stammsitz einer der mächtigsten europäischen Autodynastien ist. Hier versammelten sich früher die milliardenschweren Clans der Porsches und Piëchs. Hier fanden der Firmengründer und seine beiden Kinder Louise und Ferry ihre letzte Ruhe. Hier besuchte Ferdinand Piëch seine Mutter, die 1999 mit fast 95 Jahren starb. Jetzt hat Wolfgang Porsche, ein Enkel vom Firmengründer Ferdinand, das Anwesen übernommen und züchtet dort Rinder. "Der Kern unserer Tradition", so sagte er dem "manager magazin", "ist diese Kapelle."
Wolfgang Porsche ist der Sprecher der Porsche-Erben. Doch er spricht kaum öffentlich. Bekannt wird sein Name eher durch seine Frau Susanne, die eine TV-Produktionsfirma besitzt. Die Porsches und Piëchs drängen sich nicht ins Rampenlicht. Keine schillernden Partys in St. Moritz, keine Ausrutscher, die Mitglieder der Familie in die Klatschspalten der Presse bringen. Der Clan hält 100 Prozent der Stammaktien von einem Unternehmen, das an der Börse knapp elf Milliarden Euro wert ist.
Beim Autobauer Porsche marschieren die Clans zusammen. Doch sonst gehen sie getrennte Wege, wobei die Piëch-Linie erfolgreicher scheint. Mutter Louise hatte Geschäftssinn. Die Porsche-Holding mit Sitz in Salzburg verkauft nicht nur die Stuttgarter Sportwagen in Österreich, sondern auch VW-Fahrzeuge in dem Alpenland und in Süddeutschland. Daneben besitzt die Familie Ländereien und Hotels.
Wichtigster Vertreter des Clans ist jener Ferdinand Piëch, der in Wolfsburg bei VW den Ruf eines knallharten Chefs hatte. Ein Ingenieur, genialer Techniker und Visionär. Stahlblaue Augen mit durchdringendem Blick, asketisch und in der Öffentlichkeit manchmal unbeholfen wirkend. Aber keinesfalls unsicher, auch wenn seine abgehackte Sprache dies vermuten läßt.
Der Mann wirkt getrieben, zieht seine Pläne mit "Gletschereis im Blick und mathematischer Höflichkeit" durch, so Insider. Leise und deutlich spricht er, wenn er etwa einen Mitarbeiter mit "Warum soll ich mich mit dem Zweitbesten zufriedengeben" abkanzelt. Das Leben ist für den Japan-Fan wie ein Krieg. Und er, der sportliche, asketische Piëch ist in diesem Kampf ein Samurai. "Kämpfen" mußte er auch zu seinen Anfangszeiten als VW-Chef in Wolfsburg. "Es wird ein internationaler Wirtschaftskrieg geführt, um Volkswagen kaputtzumachen", sagte er etwa im Sommer 1993, als es erste Klagen gegen seinen damaligen Spitzenmanager Jose Ignacio Lopez gab. Als zum Hausschwein kultiviertes Wildschwein bezeichnete er sich auch einmal.
Schon als Kind hatte sich Piëch beweisen müssen. Zuckerbrot und Peitsche war das Erziehungsmotto seiner Mutter. Nur jenes der vier Kinder durfte an ihrer Seite sitzen, das sich gerade durch eine besondere Leistung hervorgetan hatte. Piëch saß oft da, vielleicht zu oft, wie er später einmal sagte. In der Schule in Zell am See war er aber eine Niete. Der Junge litt an Legasthenie, konnte in der zweiten Klasse noch kein einziges Wort richtig schreiben.
Erst in der Technischen Hochschule in Zürich überwand er seine Schreibschwäche. Gleichzeitig wußte der junge Mann schnell, wohin ihn sein Leben führt. Autotechnik begeistert ihn, wie es sein Großvater vorgelebt hat. Piëch stieg 1963 beim Familienunternehmen Porsche ein. Sein Traum, Chef zu werden, erfüllte sich aber nicht - obwohl auch kein anderer aus der Porsche-Familie bereitstand. Höchstens noch Ferdinand Alexander Porsche hat wie sein Cousin Ferdinand Piëch "Benzin im Blut". Doch dessen Stärke liegt eher im Künstlerischen. Der heute 69jährige schuf das Design des 911er und hat sich einen Namen mit Sonnenbrillen und anderen Produkten mit dem berühmten Porsche-Logo gemacht.
Die Porsches waren gegen den kantigen Techniker Piëch als Chef. Der Streit zwischen den beiden Familienzweigen eskalierte an Piëchs Ehrgeiz und daran, daß immer mehr Nachkommen der beiden Gründerstämme in die Firma drängten. Deshalb wurde 1972 auf Geheiß von Ferry Porsche, dem Sohn des Firmengründers beschlossen, daß kein Porsche und kein Piëch mehr im Stuttgarter Familienunternehmen arbeiten darf. Der promovierte Ingenieur Piëch zog die Konsequenzen, ging zu Audi.
Die gegenseitigen Antipathien sind später gewachsen, weil Piëch seinem Cousin Gerd Porsche die Frau ausgespannt hat. Mit ihr, Corinna Porsche, hat er ein Kind - eines von insgesamt zwischen neun und 13 mit drei Frauen. Die genaue Zahl ist öffentlich nicht bekannt. Mit zweien war er verheiratet, jetzt mit Ursula, einem früheren Kindermädchen.
Doch nicht nur Geschichten über Frauen, Betrug und Liebe, wie sie auch in gewöhnlichen Familien vorkommen können, haben die Porsches und Piëchs entzweit. Auch handfeste finanzielle Auseinandersetzungen gab es. 1983 mußte Ernst Piëch, der älteste Bruder von Ferdinand Piëch, seine Porscheanteile verkaufen, weil er sich mit Immobilienprojekten in Österreich verspekuliert hatte. Heimlich verkaufte er an einen arabischen Investor. Die Familien aber wollten die Anteile zurück. Ein Teil des Geldes kam durch die Plazierung von Porsche-Vorzugsaktien an der Börse herein. Aber rund 40 Millionen Euro mußte die österreichische Porsche-Holding aus der eigenen Schatulle beisteuern. Während der Porsche-Clan Ernst Piëch des Verrats beschuldigte, konnte der Piëch-Clan seine Beteiligung an Porsche so erhöhen.
Mit der jetzt geplanten Beteiligung von Porsche an Volkswagen schließt sich für Ferdinand Piëch ein Kreis. Sein Großvater Ferdinand Porsche hat den Wolfsburger Autobauer gegründet, und der Enkel rettet das Unternehmen jetzt vor einer feindlichen Übernahme. Auch persönlich kehrt Piëch zu seinen Wurzeln zurück. Er ist von Wolfsburg nach Salzburg in Österreich, sein Heimatland, umgezogen. "Ich bin ja nur Gastarbeiter in Deutschland", hatte er mal gesagt. Doch sein Schicksal und das seiner Dynastie werden jetzt mehr denn je mit VW verbunden sein.




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