Betriebsratschef tritt plötzlich zurück
Ermittlungen gegen Manager wegen Schmiergeld-Verdachts. Gerüchte um Verstrickung von Politikern
Hamburg/Hannover. Der gestrige Tag begann für die Belegschaft des größten europäischen Autobauers mit einem Paukenschlag: Auf der Betriebsversammlung in Wolfsburg verkündete der mächtige Betriebsratschef Klaus Volkert, Duz-Freund von Kanzler Gerhard Schröder und Vorstandsmitglied der IG Metall, seinen Rücktritt. Für die VW-Mitarbeiter sieht es zunächst wie ein folgerichtiger Schritt in den Ruhestand aus. "Einige haben sich ohnehin schon gefragt, warum der alte Sack Volkert noch im Amt ist. Ich glaube, jetzt ist Zeit, die Ämter niederzulegen", sagte Volkert, der gelernte Schmied, der immerhin 15 Jahre im Amt und 62 Jahre alt ist.
Doch zeitgleich verdichten sich Gerüchte, der wahre Grund für den Abgang sei die Verstrickung Volkerts in eine Schmiergeldaffäre. Der Hintergrund: VW hatte bereits am Dienstag Anzeige gegen einen bisher nicht genannten Mitarbeiter und Helmuth Schuster erstattet. Schuster war bis vor zwei Wochen Personalchef der VW-Tochter Skoda, mußte seinen Posten räumen und steht nun im Verdacht des Betrugs und der Untreue. Er soll Schmiergeld von Zulieferern für die Beschaffung von Aufträgen verlangt haben. Darüber hinaus soll er dafür gesorgt haben, daß VW sogenannte Generalimporteursverträge für Indien und Angola mit Firmen abschloß, die er kontrollierte. Allerdings tauchten weder sein Name noch er persönlich bei den Verhandlungen auf. Die Wolfsburger, so ergaben die internen Nachforschungen, wußten nicht, daß sie die lukrativen Aufträge offenbar ihrem Skoda-Vorstand in Prag zuschanzten.
Nach Informationen des Abendblattes wurde die Revision bei VW auf Schuster schon vor einigen Monaten aufmerksam. Er habe sich bei Geschäftsreisen im In- und Ausland mit wechselnden, "kostspieligen" Damenbekanntschaften vergnügt. Ende Mai hatte sogar das tschechische Boulevardblatt "Spy" über eine angebliche Affäre zwischen Schuster und der Schauspielerin Katerina Brozova berichtet.
Warum trat Volkert ausgerechnet an dem Tag zurück, als die Schmiergeld-Affäre offiziell von der Staatsanwaltschaft bestätigt wurde? Intern gibt es schon länger Gerüchte um Volkert und einen angeblich umstrittenen Hausbau des mächtigen Betriebsratsvorsitzenden - womöglich mit günstigen VW-Krediten. "Das Haus in Fallersleben ist doch nicht so üppig", verteidigte ein hoher VW-Mitarbeiter gestern die Volkert-Immobilie.
Betriebsrat und IG Metall wiesen gestern alle Vorwürfe gegen Volkert zurück. IG Metall-Chef Jürgen Peters: "Klaus Volkert hat schon seit geraumer Zeit intern signalisiert, daß er nicht die Absicht hat, seine Amtszeit bis zum Ende auszuschöpfen. Den Zeitpunkt wollte er aber aus verständlichen Gründen selbst bestimmen. Er hat mich heute morgen darüber informiert, daß er dies auf der heutigen Betriebsversammlung in Wolfsburg tun wird." Auch die Staatsanwaltschaft bricht ihr Schweigen und informiert, daß sie nicht gegen Volkert ermittele.
Am Nachmittag der nächste Schock: Auch VW-Personalvorstand Peter Hartz stehe vor dem Rücktritt. Die Affäre habe offenbar weit größere Dimensionen als bisher bekannt, meldet die "Wirtschaftswoche". VW widerspricht diesem Bericht später gegenüber dem Abendblatt: "Hartz ist und bleibt Personalvorstand bei VW."
Jetzt äußert sich erstmals VW-Chef Bernd Pischetsrieder: "Volkswagen hat vor einigen Tagen die Staatsanwaltschaft Braunschweig eingeschaltet, um vorliegenden Hinweisen des Konzerns weiter nachzugehen." Es werde für "vollständige Aufklärung" gesorgt.
Dann kommen weitere prominente Namen ins Spiel. Ein "mit dem Vorgang Befaßter" berichtet über prominente Mitwisser der vermuteten Machenschaften: Darunter IG-Metall-Chef und VW-Aufsichtsrat Jürgen Peters, Niedersachsens früherer Ministerpräsident Sigmar Gabriel und sogar Bundeskanzler Schröder, vor Gabriel und dem jetzigen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff ebenfalls Aufsichtsratsmitglied bei VW.
Inzwischen laufen Krisensitzungen beim Betriebsrat in Wolfsburg, der sich später zu den Vorwürfen äußern will. Wulff steht im ständigen Kontakt zu dem Konzern, an dem sein Land Großaktionär ist.
Am Abend verdichten sich die Hinweise erneut, daß neben Volkert auch Personalchef Hartz in die Affäre verwickelt ist. Sein Rücktritt sei nur eine Frage von Tagen, heißt es. Treffen könnte die Affäre aber auch die IG Metall, werden Gerüchte um Peters genährt. "Das reicht dort bis in die Spitze", sagte ein involvierter Jurist dem Abendblatt. Der frühere VW-Aufsichtsrat Sigmar Gabriel dementierte dagegen jedes Wissen über Machenschaften als "Unsinn". Kommen die Gerüchte aus Reihen der CDU-FDP-Landesregierung in Hannover?
Sie hatte in den vergangenen Monaten keinen Hehl gemacht aus ihrer Skepsis gegenüber Hartz, dem engen Vertrauten von Kanzler Schröder. Die Verbindung von SPD, Gewerkschaft und Betriebsrat gilt der bürgerlichen Landesregierung als "das System VW", das aufgebrochen werden muß. Die Pressestelle des VW-Betriebsrates aber konnte gestern nicht einmal die Frage beantworten, ob Volkert nun auch sein Aufsichtsratsmandat niedergelegt hat.
Schließlich meldet sich am Abend Volkert erneut zu Wort: Er begründet den Rückzug von seinem Amt indirekt mit der VW-Schmiergeldaffäre. Gesamt- und Konzernbetriebsrat hätten den länger geplanten Abschied angesichts der zu erwartenden öffentlichen Diskussion "um scheinbare Unregelmäßigkeiten" in Zusammenhang mit seiner Person vorgezogen, teilte Volkert mit. Er habe sich aber keiner kriminellen Handlung schuldig gemacht.




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