Warnung vor Billigstrom
140 Euro sparen: Aber man muß ein Jahr im voraus bezahlen. Verbraucherschützer raten Kunden zur Vorsicht.
Hamburg. Das klingt verlockend: 144 Euro soll eine Hamburger Familie bei einem Stromverbrauch von 3600 Kilowattstunden im Jahr an Kosten sparen, wenn sie den Anbieter wechselt - von HEW Classic zum Berliner Unternehmen Flexstrom. Auch beim Singlehaushalt (1200 Kilowattstunden Verbrauch) soll sich der Wechsel rechnen: Knapp 75 Euro sind hier an Ersparnis drin. Und selbst der günstige HEW Future-Tarif ist 111 Euro beziehungsweise 64 Euro teurer als beim Berliner Stromvermittler, der in der Internet-Datenbank Verivox (www.verivox .de) mit seinen Billigangeboten für Furore sorgt.
Doch das Flexstrom-Angebot hat gleich mehrere Haken, warnen Verbraucherschützer. Zwar sind die Berliner bei einem Verbrauch von 1200, 2400, 3600 und 5600 Kilowattstunden 60 bis 90 Euro billiger als der nächstgünstige Anbieter. Doch sparen kann nur, wer den Stromverbrauch im Paket kauft - und dazu noch ein Jahr im voraus zahlt. Das heißt aber: Wer im Laufe des Vertragsjahres weniger Strom verbraucht als das Paket vorsieht, sich also verschätzt hat, erhält kein Geld zurück. Und wer mehr Strom benötigt als im gewählten Paket (Single, Family, Big Family) vorgesehen, dem wird jede zusätzliche Kilowattstunde extra berechnet. Und die kostet zwischen 22,70 und 25,70 Cent - statt wie im Paketpreis - zwischen zwölf und 15 Cent.
"Ich rate dazu, die Finger von so einem Angebot zu lassen", sagt Helmut Gumtau, Energieexperte bei der Verbraucher-Zentrale in Hamburg, dem Abendblatt. Er habe schon mehrere Anfragen zu dem neuen Angebot gehabt, aber immer auf die erheblichen Risiken verwiesen. So sei das Unternehmen eine GmbH. "Was passiert denn, wenn die Firma pleite geht?", fragt Gumtau. Die Antwort: "Dann geht der Kunde leer aus." Schon in den vergangenen Jahren seien viele neue Stromanbieter vom Markt verschwunden. "Da warten die Leute noch heute auf ihr Geld", so der Verbraucherschützer.
Auch bei den Hamburgischen Electricitäts-Werken (HEW) betrachtet man das Flexstrom-Angebot mit Skepsis. "Das Risiko, daß sich der Verbraucher beim Stromverbrauch verkalkuliert, sollte nicht unterschätzt werden", sagt HEW-Sprecher Ivo Banek dem Abendblatt. Wenn der Kunde sich im Laufe des Jahres neue, stromfressende Elektrogeräte anschaffe, könne es "ein böses Erwachen geben". Auch das Argument der Berliner, mit der Vorauszahlung sei der Kunde vor Preiserhöhungen sicher, ziehe nicht. "Die HEW geben für 2005 eine Preisgarantie", sagt Banek.
"Wir sind schon seit dem Sommer 2003 am Markt aktiv, haben 7000 Kunden im ganzen Bundesgebiet, weitere 10 000 werden bald angeschaltet", sagt Flexstrom-Sprecherin Constanze Kramer dem Abendblatt. Das Unternehmen gehöre zur United Network Industries AG. "Den Strom kaufen wir an der Strombörse vom belgischen Anbieter Electrabel", so die Sprecherin. Gewinne schreibe man nicht, "aber wir tragen uns selbst". Der Verkauf von Strompaketen sei zudem nichts Ungewöhnlichens: "In Großbritannien und Skandinavien ist das bereits üblich." Ungewöhnlich ist dagegen, daß die Berliner Staatsanwaltschaft gegen den jetzigen Flexstrom-Geschäftsführer und Vorstandschef der United Industries AG, Robert Mundt, ermittelt hat. Mundt und sein Bruder Thomas sollen 1999 und 2000 bundesweit 220 Werbeveranstaltungen durchgeführt haben, um gegen Provisionen - insgesamt 375 000 Euro - Vertriebspartner für Telekommunikationsverträge zu gewinnen. Es habe sich dabei um ein verbotenes "Schneeballsystem" gehandelt, wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Arnd Bödeker, dem Abendblatt bestätigt.
"Die Ermittlungen sind abgeschlossen, Anklage wurde erhoben", so Bödeker. Man werde jetzt entscheiden, ob der Fall vor dem Amts- oder Landgericht verhandelt wird. Flexstrom-Sprecherin Kramer bestätigte gegenüber dem Abendblatt, daß "fünf Jahre lang ermittelt wurde". Die Ermittlungen seien nach ihrer Kenntnis aber eingestellt worden. Daß jetzt das Hauptverfahren in dem Fall in Berlin bevorsteht, wußte sie nicht.




Branchenbuch Hamburg
Bauunternehmen Dirk Kage
Hamburger Gutscheinwochen
EnergieBauZentrum


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



