26.03.05

Mit Arbeitslosengeld Jobs kaufen

Neue Ideen: Der Jobgipfel beim Kanzler hat zuwenig gebracht, meint der renommierte Ökonom Dennis Snower. Was aus seiner Sicht getan werden muß.

Von BEATE KRANZ
Foto: dpa
Warten vor der Arbeitsagentur. Immer mehr Bundesbürger suchen vergeblich nach einem Job.

ABENDBLATT: Die Zahl der Arbeitslosen hat in Deutschland ein Rekordhoch von 5,2 Millionen erreicht. Sind die Ergebnisse des Jobgipfels ausreichend, um den Arbeitsmarkt anzukurbeln?

DENNIS SNOWER: Nein. Die Vorschläge reichen nicht aus, um eine Wende am Arbeitsmarkt einzuleiten. Es ist zwar gut, daß Steuerschlupflöcher gestopft und die Körperschaftssteuer gesenkt werden sollen. Dies schafft für Arbeitslose aber noch nicht die notwendigen Anreize, wieder eine Arbeit aufzunehmen.

ABENDBLATT: Was muß getan werden, um die Menschen wieder in Arbeit zu bringen?

SNOWER: Eigentlich ist die Lösung einfach. Die Menschen müssen wieder mehr Anreize bekommen, eine Beschäftigung anzunehmen.

ABENDBLATT: Was heißt das konkret?

SNOWER: Wenn Arbeitslose heute einen Teilzeitjob annehmen, müssen sie einen zu großen Teil des dazuverdienten Lohnes an den Staat abgeben. Effektiv bleibt ihnen nur sehr wenig von diesem Job übrig. Dadurch ist der Anreiz zu gering, überhaupt eine Arbeit zu suchen oder anzunehmen.

ABENDBLATT: Haben Sie dafür ein Beispiel?

SNOWER: Ein Mensch ist seit einem Jahr arbeitslos. Er nimmt eine Teilzeitbeschäftigung von 50 Stunden pro Monat an und erhält pro Stunde acht Euro. Doch der Person bleiben am Ende - nachdem alle Transferleistungen verrechnet wurden - nur 2,34 Euro pro Stunde übrig. Wenn diese Person ihre Arbeitszeit auf 100 Stunden aufstockt, schrumpft der effektive Stundenlohn sogar nur noch auf 34 Cent pro Stunde - von acht Euro, die der Arbeitgeber zahlt!

ABENDBLATT: Was läuft falsch?

SNOWER: Die deutsche Politik will, daß es Arbeitslosen nicht schlecht gehen soll. Doch dieses Umverteilungsprinzip zugunsten der Benachteiligten raubt den Anreiz zur Arbeitssuche.

ABENDBLATT: Welche drei konkreten Schritte gegen die Arbeitslosigkeit schlagen Sie vor?

SNOWER: Erstens: Jeder Arbeitslose muß die Möglichkeit haben, seine Arbeitslosenunterstützung dazu zu verwenden, um sich einen Job einzukaufen. Konkret: Man geht zu einem Arbeitgeber und bietet ihm an, einen Teil des Arbeitslosengeldes zu bekommen, sofern er dem Arbeitssuchenden einen Job gibt. Das Arbeitslosengeld wirkt dann wie eine Entlastung für den Unternehmer, da sich für ihn die Lohnkosten reduzieren würden. Zugleich würde sich bei diesem Modell die Nachfrage nach arbeitslosen Mitarbeitern erhöhen.

ABENDBLATT: Und zweitens?

SNOWER: Jeder Mensch sollte ein lebenslanges Beschäftigungskonto erhalten. Statt Arbeitslosenversicherung zu bezahlen, sollte jeder Bürger auf sein persönliches Konto einzahlen. Von diesem Konto kann dann Geld abgehoben werden, wenn der Betroffene arbeitslos wird. Ist der Bürger immer beschäftigt, wächst das Angesparte auf dem Konto. Der Vorteil bei dem neuen System: Je weniger man arbeitslos ist, desto mehr Geld behält man auf dem Konto. Dieser angesparte Überschuß könnte am Ende des Arbeitslebens zur Aufstockung der eigenen Rente benutzt werden. Wenn dies jeder weiß, würden die Menschen ganz anders handeln. Heute ist es in Deutschland dagegen so, daß man weiter Geld vom Staat bekommt, auch wenn man lange arbeitslos ist,.

ABENDBLATT: Und Schritt drei?

SNOWER: Man muß den Menschen bessere Möglichkeiten geben, das Risiko der Arbeitslosigkeit zu minimieren. So könnte der Staat - wie bei Wertpapieren an der Börse - ein neues finanzielles Instrument schaffen. Zum Beispiel wie Unternehmen PUT-Optionen für die Arbeitslosigkeit herausgeben. Wenn die Zahl der Erwerbslosen in einer bestimmten Branche steigt, erhöhen sich auch die Werte für diese Papiere.

ABENDBLATT: Das hört sich sehr ungewöhnlich an.

SNOWER: Es ist etwas Neues. Aber wir brauchen neue Ideen, sonst kommen wir nicht weiter.

ABENDBLATT: Wo aber können bei ihrem Modell neue Jobs entstehen, die derzeit fehlen?

SNOWER: Ja, aber warum fehlen Jobs? Eben deshalb, weil - wie ich beschrieben habe - die Leute zuwenig Anreize haben zu arbeiten und die Unternehmer zuwenig Anreize haben, neue Jobs zu kreieren. Es entstehen ja zugleich genügend Jobs in Indien oder China. Also muß man versuchen, die Lohnkosten in Deutschland so zu drücken, ohne daß das Einkommen der Leute sinkt. Die Arbeitnehmer würden nach meinem Modell die Arbeitgeber bestechen können, um mehr Jobs zu bekommen.

ABENDBLATT: Was halten Sie von einem Konjunkturprogramm?

SNOWER: Das ist schwer durchsetzbar. Auf der monetären Seite sind wir durch die Europäische Zentralbank gebunden, auf der fiskalischen Seite durch den EU-Stabilitäts- und Wachstumspakt.

ABENDBLATT: Müssen wir uns in Deutschland an Arbeitslosigkeit in Millionenhöhe gewöhnen?

SNOWER: Das wäre eine Tragödie. Andere Länder hatten einst prozentual eine ebenso hohe Arbeitslosigkeit wie Deutschland - wie Irland, Dänemark oder die Niederlande. Durch bessere Anreize konnten sie die Arbeitslosigkeit senken. Es besteht kein Grund, warum Deutschland nicht auch einen solchen Weg finden könnte. Die Bundesrepublik braucht aber eine Wirtschaftspolitik, die sich mehr nach den Anreizen auf der Angebot- und Nachfrageseite richtet.

ABENDBLATT: Sollten die Unternehmenssteuern gesenkt werden?

SNOWER: Dies ist ein stumpfes Instrument. Schließlich können die Unternehmen mit dem eingesparten Geld auch Jobs im Ausland schaffen. Ich schlage eher Kostenbegünstigungen für Aktivitäten vor, die gezielt zu mehr Beschäftigung im Inland führen. Außerdem müssen die Menschen generell besser ausgebildet werden, um die Produktivität in Deutschland zu erhöhen. Je höher die Produktivität, desto weniger Lohnsenkungen sind nötig.

Interview: BEATE KRANZ
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