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Wirtschaft

Deutsche Bank: Gewinn rauf, Jobs weg - darf man das?

2,5 Milliarden verdient, Tausende Stellen weg. Moral und Wirtschaft: Anmerkungen zu einer Debatte, die mit Augenmaß geführt werden sollte.

Hamburg. Verstehen kann man das schwer, mit gutem Gewissen begrüßen schon gar nicht: Eine Bank steigert ihren Gewinn innerhalb eines Jahres um fast 90 Prozent auf die für den Durchschnittsverdiener unvorstellbare Summe von mehr als 2,5 Milliarden Euro und gibt zugleich bekannt, daß sie mehrere tausend Stellen abbauen will. Empörung ist die naheliegende Reaktion, weil sich so etwas eben nicht gehört: viel Geld verdienen und gleichzeitig das in diesem Land ohnehin rare Gut Arbeit weiter zu vernichten. Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis nennt den Akt denn auch "beschämend", der Vorsitzende des CDU-Arbeitnehmerflügels, Gerald Weiß, sagt, daß die "Wirtschaftsethik verlorenzugehen droht" und der SPD-Finanzexperte Joachim Poß spricht von einem Kurs, der moralisch und volkswirtschaftlich fragwürdig sei.

Bei diesen Aussagen kommt es den Dienern des Wahlvolkes nicht nur gelegen, daß es sich bei den ausgemachten bösen Buben um Banker handelt, die hierzulande ohnehin nicht den besten Ruf genießen. Daß der Chef der Deutschen Bank auch noch Josef Ackermann heißt, tut ein übriges. Denn seit seinem peinlichen Auftritt im Mannesmann-Prozeß, als Ackermann in Fernsehkameras grinsend zwei Finger zu einem "Victory"-Zeichen spreizte, ist der gebürtige Schweizer zumindest hierzulande zum Synonym für den fiesen, arroganten Kapitalisten geworden. Bei nicht wenigen dürften Erinnerungen an Karikaturen aus Geschichtsbüchern wach werden, die dickbäuchige, Zigarre rauchende Unternehmer zeigen, denen abgemagerte, mit Fetzen gekleidete Arbeiter gegenüber stehen. Genau hier ist Vorsicht geboten, bedarf es der Differenzierung komplexer Sachverhalte, muß die berechtigte Emotion Platz für die Ratio machen. Auch wenn die Wirklichkeit nicht gefällt, sie sogar kritikwürdig ist. Doch man muß sie zumindest zur Kenntnis nehmen. Denn sich hochschaukelnde Gefühle, angeheizt von populistischen Äußerungen mehr oder minder bekannter Politiker sind nicht nur wenig hilfreich bei der notwendigen Diskussion über den Zustand unseres Wirtschaftssystems, sie sind sogar gefährlich, schüren Haß, sorgen für eine explosive Stimmung in der Gesellschaft, ohne Lösungswege auf dem Fundament notwendiger Informationen aufzuzeigen.

Richtig ist: Bei vielen Unternehmen - nicht nur bei der Deutschen Bank - steigen die Gewinne derzeit. Die Konjunktur hat ihr tiefes Tal verlassen - es wird wieder Geld verdient. Das allein zu verdammen wäre töricht. Denn Gewinne zu erwirtschaften ist schließlich die Triebfeder marktwirtschaftlichen Handelns. Bleiben zwei Kernfragen: Wohin fließt das eingenommene Geld? Und sollte man es nicht in neue Arbeitsplätze stecken? Die Deutsche Bank verwendet ihren Gewinn, um das eigene Geschäftsmodell zu überarbeiten, Rücklagen für eventuelle Übernahmen zu bilden und den Aktionären in Form einer höheren Dividende mehr Geld auszuschütten. Alle drei Verhaltensweisen sind für börsennotierte Unternehmen in der heutigen Zeit übrigens durchaus typisch. Daß die Deutsche Bank mit Teilen ihres Gewinns Fehler der Vergangenheit korrigiert und wieder stärker auf das Privatkundengeschäft setzt, muß man kritisieren. Denn hier wird ein unnötiger Strategiewechsel teuer geglättet. Sich mit Rücklagen für mögliche Zukäufe zu wappnen ist dagegen vernünftig. Denn gerade im Bankensektor ist Wachstum derzeit der beste Schutz vor der eigenen Übernahme. Was würde passieren, wenn zum Beispiel die um ein mehrfaches größere Citibank die Deutsche Bank schluckt? Den daraus folgenden, mit sogenannten Synergien begründeten Arbeitsplatzabbau in Deutschland mag man sich heute lieber nicht vorstellen. Auch die um 20 Cent je Aktie angehobene Dividende ist verständlich, sogar notwendig. Schließlich wollen die Anteilseigner der Deutschen Bank, darunter auch viele Kleinaktionäre, am hohen Gewinn "ihres" Unternehmens teilhaben. Der Aufschrei der Aktionärsschützer wäre groß gewesen, hätte Ackermann die Ausschüttung nicht erhöht.

Bleibt die Frage, ob man höhere Gewinne nicht für neue Arbeitsplätze einsetzen sollte? Aus moralischer Sicht muß die Antwort eindeutig Ja lauten - nicht zuletzt mit Blick auf die stetig steigenden Arbeitslosenzahlen. Stichwort ist in diesem Zusammenhang die Verantwortung der Unternehmen gegenüber den eigenen Mitarbeitern und der Gesellschaft. Doch bei der praktischen Umsetzung dieses Gedankens tauchen Schwierigkeiten auf. Will man private Firmen zum Beispiel von staatlicher Seite aus verpflichten, einen bestimmten Anteil ihres Gewinns in neue Arbeitsplätze zu investieren? Mit Marktwirtschaft hätte dies nichts mehr zu tun. Damit würden Gewinne sozialisiert. Niemand kann dies ernsthaft wollen. Denn in Zeiten der Globalisierung, des freien Kapitalverkehrs, fließt das Geld nun einmal dahin, wo es die höchste Rendite verspricht. Die Deutsche Bank, aber auch andere Unternehmen würden im Falle staatlicher Gewinnvorgaben ihre Zentralen und damit noch mehr Arbeitsplätze in andere Länder verlegen, wo die Rahmenbedingungen bessere sind.

Schon heute gibt es Firmen, die sich ethischen Grundsätzen freiwillig unterworfen haben, Umweltschutz oder soziale Belange in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen. Der Verein Transfair ist hierfür ein Beispiel. Er garantiert bei seinen Produkten, daß sie nicht mit Kinderarbeit in der Dritten Welt, sondern zu auskömmlichen Löhnen erzeugt wurden. Doch dieses Ethikverständnis kostet die im Verein zusammengeschlossenen Firmen Geld, welches das Gros der Verbraucher offensichtlich nicht bereit ist, zu bezahlen. So hat Transfair bundesweit beim Kaffeeverkauf einen Marktanteil von drei Prozent. Die Konsumenten gehen lieber zum Discounter, wo das Pfund Kaffee für weniger als zwei Euro zu haben ist.

Wer kauft Produkte tatsächlich nach ethischen Grundsätzen ein? Wer legt sein Geld nach moralischen Gesichtspunkten an? Niedrige Preise und hohe Renditen bestimmen letztlich den Weg des Geldes aus den Portemonnaies der Deutschen. Wer ist tatsächlich bereit, einen höheren Preis für Produkte eines Unternehmens zu bezahlen, selbst wenn die Firma garantiert, daß sie mit ihren Mehreinnahmen, neue Arbeitsplätze in Deutschland finanzieren will?

So bitter es klingt: Der voranschreitende Stellenabbau in Deutschland, die Verlagerung einfacher Tätigkeiten in Länder mit geringeren Löhnen und niedrigeren Sozialabgaben sowie internationale Übernahmen, die Arbeitsplätze im großen Stil kosten werden - all dies wird sich nicht von heute auf morgen aufhalten lassen. Die Politik kann letztlich nur vernünftige Rahmenbedingungen für bereits ansässige und für neue, investitionsfreudige Unternehmen schaffen. Der Abbau von bürokratischen Vorschriften, insbesondere ein vereinfachtes Arbeitsrecht, müssen hier ganz oben auf der Tagesordnung stehen. Und für die Bildung muß mehr getan werden - vom Kindergarten bis zur Universität. Denn Deutschlands Kapital ist das Know-how seiner Einwohner. Die Tarifparteien müssen sich zudem bei Arbeitszeiten und Löhnen - insbesondere wenn es um einfache Tätigkeiten geht - auf flexible Lösungen verständigen. Gute Ansätze gibt es hier bereits - zum Beispiel in der für dieses Land so wichtigen Metall- und Elektroindustrie.

Zuviel Hoffnung sollte man den Menschen allerdings nicht machen. Zumindest auf kurze Sicht. Zu lange wird in der Reformwerkstatt Deutschland bereits gearbeitet. Aber das Meisterstück ist nicht in Sicht. Erst am Freitag wurde eine Umfrage im Auftrag des "Handelsblatts" bekannt. Trotz Konjunkturerholung will jedes vierte Unternehmen (28 Prozent) hierzulande in den nächsten zwölf Monaten seine Belegschaft verkleinern. Nur 20 Prozent denken über eine Aufstockung ihres Personals nach.

 

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