Dispo: Die teure Versuchung
Pleite: Immer mehr junge Leute geraten durch die Überziehung ihres Girokontos in die Schuldenfalle.
Hamburg. Vor zwei Wochen wurde der Dispositionskredit von Maria K. erhöht. "Automatisch", sagt sie, "die Bank habe ich dazu jedenfalls nicht aufgefordert". In einem Brief teilte ihr die Hamburger Sparkasse mit, dass sie nun ihr Girokonto bis zu 3000 Euro überziehen könne. Für die Multimedia-Auszubildende eine Neuerung, die sie am liebsten rückgängig machen würde. "Denn als mein Dispo erhöht wurde, war ich bereits mit 1000 Euro im Minus." Die 20-Jährige ist mit diesem Problem nicht allein. "Immer mehr Kontoinhaber nutzen ihren Dispositionskredit voll aus und verschulden sich so", sagte Günter Hörmann von der Hamburger Verbraucherzentrale dem Abendblatt.
Der Dispositionskredit (kurz: Dispo) ist der am häufigsten vergebene Kredit, bestätigt der Bundesverband Deutscher Banken. "Dabei ist dieser Kredit nicht nur die teuerste Art der Geldaufnahme, sondern auch die gefährlichste", sagt Finanzexperte Jan Evers vom Hamburger Forschungs- und Beratungsunternehmen Evers und Jung. Die anfallenden Zinsen variieren von elf bis 14 Prozent. Zum Vergleich: Ein Ratenkredit kostet sechs bis neun Prozent Zinsen.
"Die Kunden werden nicht dazu angehalten ihr Geld zurückzuzahlen und auf der anderen Seite können die Banken jederzeit ihr Geld zurückfordern und den Kreditrahmen kürzen", warnt Evers. Diese Vorgehensweise bringe Unternehmen wie auch Privatpersonen in arge Schwierigkeiten.
Für Hörmann von der Verbraucherzentrale ist eindeutig die leichtfertige Vergabe von Dispositionskrediten mit Schuld an der hohen Zahl der Verbraucherinsolvenzen. In Hamburg gibt es laut Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU) schon 70 000 überschuldete Haushalte, die Zahl der Verbraucherinsolvenzen werde 2004 bundesweit deutlich über 40 000 liegen und ist so im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent gestiegen.
Häufig fehle den Kunden das Bewusstsein dafür, dass sie sich im Kreditbereich befinden und das geliehene Geld teuer bezahlen müssen, sagt Hörmann. "Für die Banken ist der Dispositionskredit natürlich ein lukratives Geschäft." Wie hoch der Gewinn ist, darüber schweigen die Banken.
Besonders viel zu tun hat die Finanzberatung der Verbraucherzentrale im Moment mit Umschuldungen: "Viele, die zu uns kommen, können ihren Dispo nicht zurückzahlen und müssen einen Ratenkredit aufnehmen", sagt Hjördis Christiansen von der Verbraucherzentrale. Die Schuldenspirale drehe sich häufig noch weiter: "Es wird wieder der Dispokredit in Anspruch genommen, weil die Ratenzahlungen nur aus dem Dispo bezahlt werden können."
Zur Finanzberatung kommen laut Christiansen Kunden aller Banken, am meisten Probleme gebe es derzeit aber mit der Citibank. Dass es einen Trend zur Umschuldung gibt, bestätigt auch Ulrich Baumert von der Hamburger Sparkasse: "Das liegt an der momentanen Zinssensibilität der Kunden und daran, dass wir 2003 mehrere Aktionen zum Ratenkredit gemacht haben."
Wem die Banken einen Dispositionskredit einräumen ist immer noch Ermessenssache. Wann und wie auch. Nur zwei Bedingungen muss der Kontoinhaber erfüllen: Er sollte über ein geregeltes Einkommen verfügen und 18 Jahre alt sein. "Es gibt keine grundsätzliche Absprache zum Verfahren, das ist eine individuelle Sache", so Haspa-Sprecher Baumert. Allerdings gefalle es nicht jedem Kunden, wenn ohne Absprache ein Dispositionskredit eingeräumt oder erhöht werde. "Manche empfinden es aber auch als Vertrauensbeweis."
In Hamburg verfügten im Jahr 2002 von 907 000 Haushalten 291 000 über einen Dispositionskredit, das ergab eine Einkommens- und Verbraucherstichprobe des Statistischen Landesamtes. Von den 417 000 Deutsche Bank-Kunden in Hamburg und Schleswig-Holstein hat bereits jeder Zweite einen flexiblen Überziehungs-Rahmen. "Nach unseren Erfahrungen nimmt fast jeder Kunde im Laufe eines Jahres seinen Dispo-Kredit in Anspruch", sagt Sandra Haake-Sonntag, Sprecherin der Deutschen Bank.
Dass immer mehr junge Menschen ihren Dispo nicht zurückzahlen können, weiß auch Klaus Hein von der Schuldnerhilfe Deutschland. Er beklagt ebenfalls die Leichtfertigkeit der Dispositionskredit-Vergabe und den häufig hohen Spielraum - bis zu fünf Monatsgehälter können überzogen werden. "Wenn die mit einem Berater über ihre Investitionen wie Markenkleidung, teures Handy und horrende Telefonrechnungen sprechen müssten, wäre die Hemmschwelle größer."
Laut BDIU sind in Deutschland 850 000 junge Menschen zwischen 13 und 24 Jahren mit durchschnittlich 1800 Euro verschuldet. Das Geld werde zunächst bei Freunden und Verwandten geliehen, später bei Banken. Und wenn der Dispositionskredit ausgeschöpft ist, geht es erst richtig los. Denn die Zinsen für eine sogenannte geduldete Überziehung betragen zwischen 16 und 19 Prozent.
Maria K. lebt seit mehr als zwei Jahren mit etwa 2000 Euro im Minus. Um das auszugleichen reichen ihre 900 Euro Gehalt nicht, einen Ratenkredit möchte sie trotzdem nicht aufnehmen. "Ich habe noch einen Zusatzjob angenommen, auf den Dispo will ich nicht verzichten."




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