Ein typisch deutsches Wohnzimmer
Agentur: Jung von Matt hat die gute Stube von Otto Normalverbraucher nachgebaut. Wofür die Hamburger Werber diesen Ort benötigen.
Hamburg. Bei Jung von Matt treffen sich die Werber neuerdings zu Wozi-Konfis. Vorher gab es Steh-Konfis, also Konferenzen, bei denen alle Teilnehmer stehen, damit sich keiner festquatscht und möglichst wenig teure Arbeitszeit vergeudet wird. Bei einer Wozi-Konfi kommen die Werber im Wohnzimmer zusammen, sitzen auf dem Sofa oder lehnen an der Schrankwand mit Nippes und den Familienbildern von Sabine (38) und Thomas (41), den Bewohnern des Zimmers.
Naja, jedenfalls theoretisch. Denn in Wirklichkeit wohnen Sabine und Thomas hier gar nicht. Sie gelten nur als typische Wohnzimmerbewohner in Deutschland. Die sind nämlich, wenn sie weiblich sind, oft 38 Jahre alt, heißen Sabine und haben einen Thomas geheiratet, der 41 ist. Außerdem haben sie einen elfjährigen Sohn, der Alexander heißt.
Und genau das ist auch das Konzept des neuen Wohnzimmers der Werbeagentur: Alles ist deutscher Durchschnitt. Jung von Matt hat in Hamburg "Deutschlands häufigstes Wohnzimmer" geschaffen. Auf wissenschaftlicher Basis. "Wir haben mehrere Monate lang recherchiert, Studien ausgewertet und 20 Familien besucht, um dieses Wohnzimmer zu bauen und einzurichten", erklärt Karen Heumann (38), Strategie-Vorstand bei Jung von Matt.
Erst seit kurzem ist es fertig, aber längst der Lieblingsraum der Mitarbeiter. "Das Zimmer ist ständig ausgebucht", so Heumann. Für Konferenzen, für Gespräche unter Mitarbeitern, zum Nachdenken. Und weit haben es die Werber auch nicht. Das gelb gestrichene Zimmer mit Blick auf das Karolinenviertel liegt Wand an Wand mit den Büros der Kreativen an der Glashüttenstraße.
Zwei Welten, getrennt nur durch eine Tür am Ende des Büroflurs. Draußen, im Arbeitsalltag: Glaswände, Pressholzschreibtische und moderne Möbel. Drinnen, im Wohnzimmer: dreiteilige Sitzgarnitur mit zerknautschten Kissen, TV-Zeitschrift auf dem Couchtisch, ein paar Schoko-Eier sind noch von Ostern übrig geblieben. "Genau das ist der Effekt, den wir beabsichtigt haben", sagt Heumann, die für das Wohnzimmer-Projekt verantwortlich ist. Es soll so aussehen, als wenn das Wohnzimmer bewohnt wäre, als wenn Thomas und Sabine hier nicht nur Ostern feiern, sondern auch Geburtstage. Als würden sie abends hier sitzen, in den Fernseher mit Durchschnittsbilddiagonale schauen, ihren Urlaub in Bayern oder an der Nordsee planen, in den sie mit ihrem VW Passat fahren.
Das Wohnzimmer als Lehr- und Lernprojekt hat sogar eine Amme: Julia Peuckert entwickelte den Raum mit Heumann und kümmert sich jetzt auch um die Geburtstagsgeschenke für Sabine und Thomas. Oder sorgt dafür, dass die Blumen Wasser haben. Sie blättert die neueste TV-Zeitschrift auf den aktuellen Tag und kauft familienübliche Anschaffungen wie einen DVD-Spieler. Hinter allem, was sie tut, stehen Ergebnisse von Markt- und Feldforschung. Nichts ist Zufall.
Über die Kosten für das Projekt spricht Heumann nicht, nur so viel: Wände wurden umgestellt, um die Durchschnittsgröße (22 Quadratmeter) in die Agentur einzupassen, die Deckenhöhe wurde auf 2,55 Meter abgesenkt, selbst die Fenster haben eine Durchschnittsgröße bekommen.
Den Aufwand rechtfertigt Karen Heumann damit, dass Jung von Matt Deutschland erforschen will, um seine Zielgruppen genau zu kennen. "Die Kreativen sollen erleben können, für wen sie eigentlich arbeiten", sagt Heumann. Nur durch die Auseinandersetzung mit den Menschen, mit ihren Bedürfnissen und Wünschen, und mit dem Wissen darüber, was sie sich leisten können, entstehe gute Werbung - für Jung-von-Matt-Kunden wie die Deutsche Post oder die "Bild"-Zeitung, die ebenfalls den "ganz normalen Deutschen" ansprechen wollen. Ohne die Auseinandersetzung mit Otto Normalverbraucher bestehe die Gefahr, dass die Werber im Elfenbeinturm leben. Dass sie in der hippen Medienszene abtauchen, in trendigen Wohngegenden wie Eimsbüttel oder Altona leben und den Bezug zu anderen Lebenswelten verlieren.
Um dem typischen Werber noch andere Lebensformen nahe zu bringen, sind weitere Wohnzimmer geplant. Als nächstes wird in Hamburg das postmoderne Wohnzimmer der Leistungselite entstehen, und im Berliner Büro wird schon an einem türkischen Wohnzimmer gearbeitet. Und auch die Alpenbewohner sind beliebte Forschungsobjekte: Im Züricher Büro von Jung von Matt ist bereits die Realisierung des typischen Schweizer Wohnzimmers geplant.




Branchenbuch Hamburg
Bauunternehmen Dirk Kage
Hamburger Gutscheinwochen
EnergieBauZentrum


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



