15.09.12

Qualitätsstahl

Innovationsoffensive: Hamburger Stahlwerk erfindet sich neu

Mit innovativen Schrauben, Kugellagern und Bolzen soll der Umsatz um 20 Millionen Euro steigen. Gleichzeitig sinkt der CO2-Ausstoß deutlich.

Foto: Johannes_Arlt
Will die rund 600 Arbeitsplätze mit neuen Ideen sichern: Lutz Bandusch, 46, ist der Chef des Hamburger Stahlwerks von ArcelorMittal
Will die rund 600 Arbeitsplätze mit neuen Ideen sichern: Lutz Bandusch, 46, ist der Chef des Hamburger Stahlwerks von ArcelorMittal

Hamburg. Neuer Kurs beim Hamburger Stahlwerk. Mit einer Offensive beim Qualitätsstahl will Werkschef Lutz Bandusch zusätzliche Kunden gewinnen. Beispiel Schraubenindustrie. Ihr wird jetzt eine in der Hansestadt entwickelte hochwertige Legierung angeboten. "Wir sprechen derzeit mit mehreren Herstellern, die an unserem Produkt interessiert sind", sagte Bandusch dem Abendblatt. Drei Jahre lang haben die Hamburger geforscht, um die neue Qualität anbieten zu können. "Für sie sehen wir ein Absatzpotenzial von 20 000 Tonnen pro Jahr", schätzt der Manager. Damit will er den Umsatz des Werks, das zum weltgrößten Stahlkonzern ArcelorMittal mit Sitz im Großherzogtum Luxemburg gehört, von derzeit 550 Millionen Euro um 20 Millionen Euro steigern.

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Der Vorteil der Innovation: Die rohen Stahlschrauben brauchen nicht mehr zum Härten durch einen Ofen laufen. Das spart einen teuren Produktionsschritt. Erste Exemplare des neuen Typs, die ein Hersteller aus dem Sauerland gefertigt hat, kann Bandusch bereits vorweisen. Sie sind besonders für Nadelhölzer geeignet, die häufig beim Bau von Dachstühlen verwendet werden. Noch ist die Versuchsphase nicht abgeschlossen. "Wir sind aber optimistisch", sagt der 46-jährige Metallurge.

Die Gespräche mit der Schraubenindustrie sind nicht der einzige neue Kontakt. Auch der Automobilzulieferer ZF in Friedrichshafen testet derzeit Stahl aus Hamburg für Bolzen an Fahrzeugachsen. Eine in Hamburg im elektrischen Lichtbogenofen bislang nicht hergestellte weitere Sorte wird bereits für Kugellager verwendet. Alle Versuche sind dabei Bausteine in einer Strategie: Am international scharf umkämpften Stahlmarkt soll die Position des Hamburger Werks gefestigt werden.

"Wir wollen in drei bis vier Jahren 100 000 Tonnen dieses hochwertigen Stahls erzeugen", sagt Bandusch. Denn nur mit ihm lässt sich ausreichend Geld verdienen. Für dieses Jahr rechnet der Stahlwerkschef mit 10 000 Tonnen der neuen Qualität. Die restlichen 740 000 Tonnen Draht, die an der Dradenau jährlich produziert werden, sind dagegen im mittleren Qualitätsbereich angesiedelt - und lassen sich damit oftmals nur mit kaum kostendeckenden Margen verkaufen.

Der Preisdruck beim Stahl hat seine Gründe. Allein in Europa sind die Kapazitäten von 200 Millionen Tonnen im Jahr um gut 25 Prozent höher als der Verbrauch, der derzeit bei 145 Millionen Tonnen liegt. Rechnerisch ist damit jedes vierte Werk überflüssig. Dazu wird der Preiswettbewerb durch die konjunkturelle Flaute in Südeuropa weiter angeheizt, weil die Produzenten dort gezwungen sind, sich neue Absatzgebiete zu suchen.

Zwar werden die energieintensiven Unternehmen in Deutschland, zu denen auch die vier ArcelorMittal-Standorte zählen, in diesem Jahr durch sinkende Strompreise und die teilweise Befreiung von den Abgaben für erneuerbare Energien rund 600 Millionen Euro sparen. "Doch unser Ergebnis von rund zehn Millionen Euro liegt wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage wieder leicht schlechter als 2011", sagt Bandusch. Damit würden die für die Branche gekürzten Zahlungen "überlebenswichtig".

ArcelorMittal hat dafür jetzt eine Beispielrechnung für das Hamburger Werk vorgelegt. So entfallen auf den Standort derzeit nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz Kosten von 500 000 Euro, die für den Ausbau der Stromerzeugung aus Wind und Sonne vorgesehen sind. Das Stahlwerk zahlt als energieintensives Unternehmen einen ermäßigten Satz von 0,05 Cent pro Kilowattstunde. Private Haushalte müssen 3,6 Cent überweisen. An dieser Bevorzugung hatte es vereinzelt Kritik gegeben. Würde die beschlossene Abstufung gestrichen, kämen allein auf das Hamburger Werk Zusatzkosten von 29 Millionen Euro zu, rechnet der Unternehmenschef dem Abendblatt vor. "Das wäre das Ende des Betriebs, er müsste geschlossen werden", sagt Bandusch.

Denn selbst bei einer Produktion von 100 000 Tonnen hochwertigen Stahls in einigen Jahren würde der Gewinn in Hamburg, so die Prognose des Konzerns, kaum über 20 Millionen Euro steigen - nicht genug, um zusätzliche Belastungen zu tragen. Zwar soll der Zuschlag für die erneuerbaren Energien 2013 für die Industrie nicht steigen. Doch weil die Haushalte vom kommenden Jahr an fünf statt 3,6 Cent pro Kilowattstunde zahlen sollen, befürchtet ArcelorMittal, dass es aus der Politik rasch zu neuen Forderungen nach einer höheren Beteiligung der Industrie kommen könnte.

"Damit kämen aber nicht nur die einschließlich der Auszubildenden gut 600 Arbeitsplätze in Gefahr", sagt der Stahlwerkschef. Auch Zulieferer und Dienstleister wären hart betroffen, sollte der Standort an der Dradenaustraße schließen müssen. Zahlreiche Arbeitsplätze auch außerhalb Hamburgs stünden auf dem Spiel. Zudem würde die Forschung, die jetzt die Zusammenarbeit mit der Schraubenindustrie ermöglichen soll, künftig wegfallen. Gewinner einer solchen Entwicklung wäre die Konkurrenz vor allem aus Indien und China, deren Werke aber laut Bandusch bis zu 30 Prozent mehr Kohle für die Produktion einer Tonne Roheisen verbrauchen als die deutschen.

Dagegen gehört das ArcelorMittal-Stahlwerk zu den elf Hamburger Unternehmen, die sich seit 2007 dazu verpflichtet haben, bis Ende des laufenden Jahres 500 000 Tonnen Kohlendioxid weniger in die Luft zu pusten. "Auf uns entfallen dabei 50 000 Tonnen, und die werden wir voraussichtlich noch um 10 000 Tonnen übertreffen", versichert Bandusch. "Damit ist Hamburg das energieeffizienteste Werk unter allen 61 bei ArcelorMittal."

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