09.09.12Streik der Flugbegleiter
Horst Köhler als Lufthansa-Schlichter im Gespräch
Ton zwischen Lufthansa und Flugbegleitern bleibt rau. Gewerkschaft bereit für "langen Arbeitskampf". Ex-Bundespräsident könnte Wogen glätten.
Von Christian Schultz
Foto: dapd/DAPD
Ex-Bundespräsident Horst Köhler ist laut Medienbericht im Gespräch für die Rolle des Schlichters zwischen Lufthansa und der Flugbegleitergewerkschaft
Frankfurt/Main.
Auch nach der Einigung auf eine Schlichtung im Tarifstreit mit der Lufthansa gibt sich die
Flugbegleitergewerkschaft Ufo kämpferisch.
"Wir haben 20 Jahre Mitgliedsbeiträge angespart", sagte der Ufo-Vorsitzende Nicoley Baublies dem Nachrichtenmagazin "Focus". Insofern könne die Gewerkschaft den Arbeitskampf "sehr lange" durchhalten, sollte es zu keiner Lösung kommen. Als möglicher Schlichter ist dem "Spiegel" zufolge in Ufo-Kreisen Ex-Bundespräsident Horst Köhler im Gespräch.
Baublies wollte dies am Sonntag nicht grundsätzlich dementieren. Köhler sei zurzeit aber nicht näher dran am Amt des Schlichters als andere Kandidaten. Der ehemalige Bundespräsident sei ein "ausgewogen denkender Mensch". Die Ufo werde sich in den kommenden zwei Tagen intern beraten und dann mit der Lufthansa reden. Wenn es ideal laufe, könne am Mittwoch ein Name genannt werden. Im "Focus" forderte Baublies die Lufthansa auf, die von der Gewerkschaft vorgelegten Vorschläge für Einsparungen zu prüfen. Mit diesen könne die Airline acht Prozent oder 72 Millionen Euro Personalkosten jährlich einsparen.
Parallel zu der vereinbarten Schlichtung könnte es dem "Spiegel" zufolge zu einer Art Mediationsverfahren kommen. Hierzu sagte Baublies, in der Schlichtungsvorvereinbarung gebe es einen Passus, wonach auch Fragen gelöst werden müssten, die nicht der Schlichtung unterworfen seien. Dazu zählten strittige Punkte bei der für das kommende Jahr erwarteten internen Billigtochter mit dem Arbeitstitel "Direct4U". Diese könnten zum Knackpunkt werden, das Ganze werde "kein Selbstläufer". Der Begriff Mediation stehe aber in der Vereinbarung nicht explizit drin. Ein Lufthansa-Sprecher wollte all das nicht kommentieren. Bis zum 12. September soll eine Vereinbarung über das Vorgehen in der Schlichtung vorliegen.
Lufthansa und Ufo hatten sich am Freitag nach dem heftigsten Streik in der Geschichte der größten deutschen Fluggesellschaft auf eine Schlichtung geeinigt. Der eintägige Ausstand der Flugbegleiter war in der Nacht auf Sonnabend um Mitternacht beendet worden. Währenddessen hatte die Lufthansa weit mehr als die Hälfte ihrer Flüge streichen müssen, mehr als 100 000 Reisende waren betroffen. In Frankfurt etwa hatte die Fluggesellschaft einige hundert Hotelbetten organisiert. Dort seien Passagiere untergebracht worden, deren Flüge sich auf Sonnabendvormittag verspätet hätten, sagte ein Sprecher. Seit Sonnabend läuft der Flugbetrieb der Lufthansa wieder planmäßig.
Worüber Ufo und Lufthansa streiten
Lufthansa ist im Tarifstreit mit ihren Flugbegleitern in schweres Wetter geraten. Der Konflikt berührt wichtige Fragen für die Zukunft der Airline, denn Lufthansa kann im internationalen Wettbewerb nur schwer mit deutschen Gehaltsstrukturen mithalten.
Anders als etwa der exportstarke Maschinenbau kann sie bei ihrem Produkt keine wesentliche bessere Qualität versprechen als die starke Konkurrenz aus Arabien oder Fernost. Der Vorstand sieht sich im Sparzwang, während die Belegschaft um ihre Besitzstände fürchtet. Es geht um das große Ganze:
Nach drei Nulljahren sind Forderung und Angebot längst nicht so dicht beieinander wie es auf den ersten Blick "5 Prozent gegen 3,5 Prozent" aussieht. Schon bei den reinen Entgeltzahlen machen die Laufzeiten erhebliche Unterschiede aus: Ufo rechnet die bis März 2015 reichende Lufthansa-Offerte auf unter 1 Prozent im Jahr herunter. Nicht alle Bestandteile des Angebots würden sich zudem dauerhaft auf die Gehaltstabelle auswirken.
Lufthansa will die tarifliche Lohnstruktur mit ihren zahlreichen Aufstiegen zeitlich strecken und neue Tabellen für Neueinsteiger durchsetzen. Bis zur Endstufe könne es nach den Vorstellungen der Lufthansa im schlechtesten Fall 46 Jahre dauern, rechnet Ufo vor.
Die Endstufen für die neuen Flugbegleiter und Purser lägen bis zu 1300 Euro im Monat unter dem jetzigen Niveau. Für die Bestandsbelegschaft will Lufthansa die individuellen Steigerungen für ein Jahr aussetzen. Die von Ufo bekämpften Eingangsstufen von gut 1500 Euro Grundgehalt brutto sollen beibehalten und etwas angehoben werden.
Lufthansa setzt in Berlin Leiharbeitskräfte der Firma Aviation Power ein, die anfangs zwar das gleiche Gehalt wie die Lufthanseaten erhalten, aber länger arbeiten müssen und geringere Aufstiegsmöglichkeiten haben. Lufthansa hat zugesagt, das Modell bei einem Abschluss zu beenden.
Ufo sperrt sich gegen die Gründung einer internen Billigtochter für die Direktverkehre außerhalb der Drehkreuze Frankfurt und München. Dort soll ein Tarifvertrag gelten, der in Summe rund 40 Prozent unter Lufthansa-Niveau liege, sagt Ufo. Intern heißt das Projekt "Direct4U". Ufo fürchtet, dass es unter einem Lufthansa-Namen vermarktet wird.
Benötigt werden rund 2000 Flugbegleiter, von denen 800 von der Tochter Germanwings kommen sollen, die in der neuen Firma aufgeht. Direct4U ist strategisches Kernstück des Score-Sparprogramms, das jährlich 1,5 Milliarden Euro bringen soll.
Gestritten wird auch unter anderem über Pausenregelungen, Zulagen sowie die Gewinnbeteiligung. Lufthansa verlangt zudem zwei Stunden Mehrarbeit im Monat und bietet eine Jobgarantie. (dpa)
Lufthansa steckt in den roten Zahlen
Die Lufthansa fliegt derzeit wie die meisten europäischen Konkurrenten rote Zahlen ein.
Im ersten Halbjahr 2012 blieb trotz einer deutlichen Erholung im zweiten Quartal ein operativer Verlust von 20 Millionen Euro (2011: plus 114 Mio).
Grund sind unter anderem die erneut gestiegenen Treibstoffpreise in Verbindung mit dem schwachen Euro, der den Einkauf des Kerosin in US-Dollar verteuert.
Der Umsatz legte um 6 Prozent auf 14,5 Milliarden Euro zu. Europäische Billigflieger und Konkurrenten aus Asien drücken zudem auf die Gewinnmargen bei den Tickets.
Die Aussichten sind nicht rosig: Das Wachstum bei den Buchungen lasse auch wegen der wirtschaftlichen Probleme in Südeuropa nach, hatte Lufthansa-Vorstand Stefan Lauer kürzlich berichtet.
Aktuell reagiert die Gesellschaft auf die schwächelnde Nachfrage mit einem ausgedünnten Flugplan.
Zur nachhaltigen Ergebnissteigerung hat Lufthansa das Sparprogramm Score aufgelegt, das im Jahr 1,5 Milliarden Euro bringen soll. 3500 von rund 120.000 Jobs weltweit werden gestrichen, Entlassungen sind nicht ausgeschlossen.
Lufthansa muss zudem Milliardeninvestitionen für neue Flugzeuge finanzieren. (dpa)
Die Deutsche Lufthansa AG gehört zu mehr als zwei Dritteln tatsächlich Deutschen.
Das geht aus der zuletzt am 2. April veröffentlichen Eigentümerstruktur des DAX-Konzerns hervor.
Danach gehörten 67,8 Prozent der 457 937 572 Stückaktien natürlichen oder juristischen Personen aus Deutschland.
Es folgt Luxemburg mit 9,8 Prozent vor den USA mit 8,1 Prozent und Großbritannien mit 3,2 Prozent.
Auf die übrigen Länder entfallen zusammen 11,1 Prozent.
Größte Einzeleigentümer sind der Finanzinvestor Black Rock und die Fondsgesellschaft Templeton Global Advisors mit jeweils rund 5 Prozent.
Lufthansa hat rund 352 000 Aktionäre.
Der Vorstand hat der Hauptversammlung für das Geschäftsjahr 2011 eine Dividende von 25 Euro-Cent pro Aktie empfohlen.
Im Jahr zuvor waren es 60 Cent, 2009 gingen die Eigner leer aus. 2008 gab es 70 Cent. (dpa)