07.09.12Hoffnung für Lufthansa-Kunden?
Airline und Gewerkschaft suchen wieder das Gespräch
Rund 100.000 Passagiere sind bislang vom heftigsten Streiktag betroffen. Bringt ein Treffen der Tarifpartner am Abend die Wende?
Von abendblatt.de
Foto: dapd
Vorstandsmitglieder der Lufthansa und der Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO haben am Freitag erste Gespräche zur Beilegung ihres Arbeitskampfes begonnen
Frankfurt/Main. Mitten im bislang größten Streik bei der Lufthansa keimt Hoffnung auf eine Lösung des Tarifkonflikts mit den Flugbegleitern. Nach gut einer Woche Funkstille kam am Freitag Bewegung in den erbittert geführten Tarifkonflikt: Der Chef der Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo, Nicoley Baublies, und Lufthansa-Passagevorstand Peter Gerber treffen sich am Freitagnachmittag zu ersten Sondierungsgesprächen, wie ein Ufo-Sprecher sagte.
"Das könnte der letzte Streiktag sein", machte Ufo-Chef Baublies den Lufthansa-Passagieren Hoffnung. Es handele sich zunächst um ein Vorgespräch, um überhaupt Wege für einen konstruktiven Wiedereinstieg zu finden. "Und zur Übermittlung der jeweiligen roten Linien", ergänzte Baublies. Er sei auch bereit, sofort gemeinsam einen Schlichter zu suchen. Die Tarifgespräche waren vor zehn Tagen nach 13-monatigen Verhandlungen abgebrochen worden.
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Europas größte Fluggesellschaft musste am Freitag weit mehr als die Hälfte ihrer Flüge streichen, rund 100.000 Reisende waren von dem bislang beispiellosen Ausstand der Flugbegleiter betroffen. Chaos gab es aber zunächst weder an Flughäfen, Bahnhöfen noch auf den Autobahnen.
Lufthansa hatte bereits am Morgen bestätigt, dass bereits seit Donnerstag nach einem Ausweg gesucht werde. Es sei aber noch nicht entschieden, ob ein Schlichter eingesetzt werden solle, hieß es in Unternehmenskreisen. Zunächst solle bilateral gesprochen werden. Der Lufthansa-Personalmanager Peter Gerber hatte selbst die Möglichkeit einer auf wenige Fragen begrenzten Schlichtung ins Spiel gebracht.
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Ufo-Chef Nicoley Baublies signalisierte "Kompromissbereitschaft" bei den Sparplänen des Konzerns. Nun stünden Verhandlungen im Vordergrund, sagte er. Weitere Streiks solle es zunächst nicht geben. In Frankfurt sagte der Gewerkschafter dazu: "Wir werden, egal was jetzt in den nächsten ein, zwei Tagen passiert, keine weiteren Streiks planen und verkünden." Den Kontakt zwischen den Tarifparteien habe er wieder hergestellt. Die Lufthansa habe quasi kapituliert, indem sie für Freitag fast alles gestrichen habe. Daher habe er den ersten Schritt gemacht.
Am Freitag erreichte der Streik der rund 18.000 Stewards und Stewardessen seinen vorläufigen Höhepunkt. Nach zwei regionalen Streikwellen hatte Ufo zu einem bundesweiten Ausstand aufgerufen. Die Lufthansa hatte nach der Ankündigung bereits am Mittwoch rund 1000 ihrer 1800 Flüge für Freitag gestrichen. Selbst die Pilotenstreiks aus den Jahren 2001 und 2010 hatten nicht eine derart durchschlagende Wirkung.
Wegen des Streiks bei der Lufthansa hatten sich die Konkurrenten der Airline sowie die Bahn zum Ferienende in Süddeutschland auf einen großen Ansturm eingerichtet. Dieser blieb bei der Bahn und bei Autovermietern bis zum Mittag aber aus. Auch auf den Autobahnen lief der Verkehr normal.
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Das Restprogramm der Lufthansa besteht wesentlich aus Flügen nicht bestreikter Tochtergesellschaften wie Germanwings. Nur wenige Überseeziele sollten am Freitag von Frankfurt und München angeflogen werden. Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt blieb es zunächst ruhig, wie ein Lufthansa-Sprecher sagte. Mit 55.000 SMS und E-Mails habe die Fluggesellschaft ihre Gäste schon früh über Flugausfälle informiert.
In Berlin sicherten die von Ufo bekämpften Leiharbeiter die Europaflüge, wie Lufthansa-Sprecher Wolfgang Weber berichtete. Gleichwohl fielen in der Hauptstadt zwei Drittel aller Lufthansa-Verbindungen aus. Viele Passagiere konnten aber umgebucht werden. Auch in Hamburg wurden etwa zwei Drittel der Flüge abgesagt, während auf kleineren Airports wenig vom Streik zu spüren war. Dort sind vor allem die Regionaltöchter der Lufthansa unterwegs, die nicht bestreikt werden.
Ufo fordert in dem seit 13 Monaten währenden Tarifkonflikt fünf Prozent mehr Lohn, das Ende der Leiharbeit und Schutz gegen die Auslagerung von Jobs. Lufthansa bietet bei einer längeren Laufzeit 3,5 Prozent Lohnerhöhung, plant aber eine große konzerninterne Billigtochter mit niedrigeren Gehaltstarifen. Für die verbleibenden Lufthanseaten will das Unternehmen die Gehaltsstufen abflachen und für Neueinsteiger niedrigere Bedingungen durchsetzen.
Mit Material von dpa/Reuters/dapd
19.000 Flugbegleiter bei der Lufthansa Classic
Bei der Lufthansa Passage betreuen rund 19.000 Flugbegleiter die Passagiere.
Ihr Einstiegsgehalt beträgt nach einer zwölfwöchigen Ausbildung 1533,23 Euro zuzüglich einer 16-prozentigen Schichtzulage.
Im Laufe eines Berufslebens steigen die Grundgehälter nach einer vielstufigen Tariftabelle auf bis zu 4000 Euro, für die zusätzlich mit Sicherheitsverantwortung ausgestatteten Purser (sind für das leibliche Wohl der Passagiere zuständig) in der Endstufe auf bis zu 7000 Euro.
Für verschiedene Tochtergesellschaften wie Swiss, Austrian Airlines oder Germanwings gelten abweichende Tarifbedingungen.
Einige Flugbegleiter im Berlin-Verkehr sind auch bei der Leiharbeitsfirma Aviation Power angestellt.
Voraussetzungen für den Berufseinstieg sind unter anderem eine abgeschlossene Schulausbildung, fließend Deutsch und Englisch, eine Mindestgröße von 1,60 Meter und ein "angemessenes Körpergewicht", wie Lufthansa in ihren Bewerbungsunterlagen schreibt. (dpa)
Worüber Ufo und Lufthansa streiten
Lufthansa ist im Tarifstreit mit ihren Flugbegleitern in schweres Wetter geraten. Der Konflikt berührt wichtige Fragen für die Zukunft der Airline, denn Lufthansa kann im internationalen Wettbewerb nur schwer mit deutschen Gehaltsstrukturen mithalten.
Anders als etwa der exportstarke Maschinenbau kann sie bei ihrem Produkt keine wesentliche bessere Qualität versprechen als die starke Konkurrenz aus Arabien oder Fernost. Der Vorstand sieht sich im Sparzwang, während die Belegschaft um ihre Besitzstände fürchtet. Es geht um das große Ganze:
Nach drei Nulljahren sind Forderung und Angebot längst nicht so dicht beieinander wie es auf den ersten Blick "5 Prozent gegen 3,5 Prozent" aussieht. Schon bei den reinen Entgeltzahlen machen die Laufzeiten erhebliche Unterschiede aus: Ufo rechnet die bis März 2015 reichende Lufthansa-Offerte auf unter 1 Prozent im Jahr herunter. Nicht alle Bestandteile des Angebots würden sich zudem dauerhaft auf die Gehaltstabelle auswirken.
Lufthansa will die tarifliche Lohnstruktur mit ihren zahlreichen Aufstiegen zeitlich strecken und neue Tabellen für Neueinsteiger durchsetzen. Bis zur Endstufe könne es nach den Vorstellungen der Lufthansa im schlechtesten Fall 46 Jahre dauern, rechnet Ufo vor.
Die Endstufen für die neuen Flugbegleiter und Purser lägen bis zu 1300 Euro im Monat unter dem jetzigen Niveau. Für die Bestandsbelegschaft will Lufthansa die individuellen Steigerungen für ein Jahr aussetzen. Die von Ufo bekämpften Eingangsstufen von gut 1500 Euro Grundgehalt brutto sollen beibehalten und etwas angehoben werden.
Lufthansa setzt in Berlin Leiharbeitskräfte der Firma Aviation Power ein, die anfangs zwar das gleiche Gehalt wie die Lufthanseaten erhalten, aber länger arbeiten müssen und geringere Aufstiegsmöglichkeiten haben. Lufthansa hat zugesagt, das Modell bei einem Abschluss zu beenden.
Ufo sperrt sich gegen die Gründung einer internen Billigtochter für die Direktverkehre außerhalb der Drehkreuze Frankfurt und München. Dort soll ein Tarifvertrag gelten, der in Summe rund 40 Prozent unter Lufthansa-Niveau liege, sagt Ufo. Intern heißt das Projekt "Direct4U". Ufo fürchtet, dass es unter einem Lufthansa-Namen vermarktet wird.
Benötigt werden rund 2000 Flugbegleiter, von denen 800 von der Tochter Germanwings kommen sollen, die in der neuen Firma aufgeht. Direct4U ist strategisches Kernstück des Score-Sparprogramms, das jährlich 1,5 Milliarden Euro bringen soll.
Gestritten wird auch unter anderem über Pausenregelungen, Zulagen sowie die Gewinnbeteiligung. Lufthansa verlangt zudem zwei Stunden Mehrarbeit im Monat und bietet eine Jobgarantie. (dpa)
Lufthansa steckt in den roten Zahlen
Die Lufthansa fliegt derzeit wie die meisten europäischen Konkurrenten rote Zahlen ein.
Im ersten Halbjahr 2012 blieb trotz einer deutlichen Erholung im zweiten Quartal ein operativer Verlust von 20 Millionen Euro (2011: plus 114 Mio).
Grund sind unter anderem die erneut gestiegenen Treibstoffpreise in Verbindung mit dem schwachen Euro, der den Einkauf des Kerosin in US-Dollar verteuert.
Der Umsatz legte um 6 Prozent auf 14,5 Milliarden Euro zu. Europäische Billigflieger und Konkurrenten aus Asien drücken zudem auf die Gewinnmargen bei den Tickets.
Die Aussichten sind nicht rosig: Das Wachstum bei den Buchungen lasse auch wegen der wirtschaftlichen Probleme in Südeuropa nach, hatte Lufthansa-Vorstand Stefan Lauer kürzlich berichtet.
Aktuell reagiert die Gesellschaft auf die schwächelnde Nachfrage mit einem ausgedünnten Flugplan.
Zur nachhaltigen Ergebnissteigerung hat Lufthansa das Sparprogramm Score aufgelegt, das im Jahr 1,5 Milliarden Euro bringen soll. 3500 von rund 120.000 Jobs weltweit werden gestrichen, Entlassungen sind nicht ausgeschlossen.
Lufthansa muss zudem Milliardeninvestitionen für neue Flugzeuge finanzieren. (dpa)