06.09.1210-Jahres-Plan
Opel setzt auf mehr Modelle und auf Europa
Neue Modelle sollen beim kriselnden Autobauer die Absatzkrise beenden. Booms bei Kleinwagen oder SUVs verpasst. Kosten immer noch zu.
Von Harald Schmidt
Foto: dpa/DPA
Thomas Sedran, stellvertretender Vorstandsvorsitzender und kommissarischer Leiter der Adam Opel AG, will mit neuen Modellen in boomenden Segmenten wieder aufholen
Rüsselsheim. Neue Modelle, aber billiger in der Herstellung: Mit diesem Rezept soll der verlustreiche Autobauer Opel seine schwere Krise überwinden. Opel-Interimschef Thomas Sedran will mit neuen Modellen in boomenden Segmenten wieder aufholen. "Wir werden eine ganze Reihe von neuen Fahrzeugen in den Markt bringen, mit denen wir Lücken in unserem Portfolio schließen und in Wachstumssegmente vorstoßen", sagte Sedran.
Zugleich will Opel bei den Kosten den Rotstift ansetzen: Beim Personal, aber vor allem bei der Fahrzeugproduktion. "Da geht es um weit mehr als bei den Lohnkosten, hier werden wir die wesentlichen Effekte erzielen", sagte Sedran. Opel habe seine Fahrzeuge jahrelang mit teuren Anforderungen gebaut, die andere Hersteller nicht hätten - auch nicht im deutschen Oberklasse-Bereich. Zudem werde aktuell mit dem Betriebsrat über den Abbau von Bürokratie und die Verschlankung von Strukturen auch im Management diskutiert.
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"Wir werden eine ganze Reihe von neuen Fahrzeugen in den Markt bringen, mit denen wir Lücken in unserem Portfolio schließen und in Wachstumssegmente vorstoßen", sagte Sedran. Dass das nicht über Nacht geht, weiß der Strategievorstand der Adam Opel AG: der neue Unternehmensplan trägt den Titel "Drive Opel 2022".
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Vom lange befürchteten Kahlschlag beim Personal spricht Sedran derzeit nicht: Die Gespräche mit den Arbeitnehmern zum Deutschlandplan, der Werksschließungen und betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2016 ausschließen soll, laufen. Und zwar ohne Zeitdruck, wie Sedran betonte: "Wir nehmen uns die Zeit, die wir brauchen. Wir werden mit der IG Metall und dem Betriebsrat eine bestmögliche Einigung finden, die uns so schnell wie möglich wieder nachhaltig profitabel macht. Das ist die beste Zukunftssicherung."
Zu den zuletzt vernachlässigten Segmenten gehören etwa die Bereiche Kleinwagen und Sport-Geländewagen (SUV). Diese Lücken werden schon sehr bald geschlossen: "Mit Mokka und Adam bringen wir zwei Fahrzeuge in zwei sehr schnell wachsenden Segmenten, die auch in dieser Konjunkturlage noch wachsen", sagte Sedran.
Zudem sei unter dem Adam noch ein Kleinstwagen (Citycar) geplant. Und im März 2013 will Opel wieder ein Cabrio namens Cascada in den Verkauf bringen. Große Limousinen plant Opel hingegen nicht: "Das Segment oberhalb des Insignia schrumpft eher. Ein weiteres Angebot in einem schrumpfenden Segment auf den Markt zu bringen, macht im Moment wenig Sinn."
Der Zehn-Jahres-Plan sei vom neuen Managementteam ausgearbeitet worden zusammen mit GM-Vize Steve Girsky, der dem Aufsichtsrat der Adam Opel AG vorsitzt. Darin sind milliardenschwere Investitionen in neue Fahrzeuge vorgesehen. Auch der finanzielle Rahmen sei mit GM abgestimmt. Zahlen nannte Sedran nicht, sagte aber: "Mit diesem Portfolio an neuen Fahrzeugen und Motoren werden wir wieder auf die Erfolgsspur kommen."
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Darüber hinaus verhandelt das Management mit dem Partner PSA Peugeot-Citroën über Synergien durch Kooperationen bei Einkauf, Logistik und Entwicklung. Spekulationen über Pläne, französische Autos in Rüsselsheim zu bauen, wies Sedran zurück: "Es ist faktisch falsch. Wir haben hierzu keine Entscheidungen. Wir reden über die Themen Einkauf und Entwicklung." Erst wenn man sich sicher sei, dass man Autos gemeinsam entwickelt, müsse man sich Gedanken machen, wo man die am besten baut: "Es gibt jede Menge Gerüchte, aber die sind meist falsch."
Die Rückkehr zum Erfolg strebt Sedran vor allem in Europa an. Einen massiven Markteintritt der Marke Opel auf dem boomenden chinesischen Automarkt schließt er aus: "Autos in Preissegmenten, in denen wir zu Hause sind, lassen sich nur sehr schwer in diese weit entfernten Märkte exportieren."
Zwar werde Opel künftig auch in China mehr Autos verkaufen als heute. Der Hersteller setzt auf dem Riesenmarkt gerade einmal 5000 Wagen ab. Auf breiter Front werde die Marke Opel in China aber nicht eingeführt: "Dann müsste Opel aus meiner Sicht ein neues Werk dort installieren und zusätzlich Hunderte von Millionen in Werbung investieren", sagte Sedran der dpa.
Viel höher schätze die Adam Opel AG die Chancen ein, in Russland erfolgreich zu sein, sagte Sedran: "Russland ist mein China. Das ist für uns die Chance, da gibt es eine hohe Affinität zur Traditionsmarke Opel."
In den ersten sieben Monaten 2012 legte Opel in Russland um 29 Prozent zu und wuchs damit mehr als doppelt so schnell wie der Markt. 2011 verkaufte Opel 67 600 Autos auf dem zweitgrößten Automarkt Europas, im laufenden Jahr sollen es mehr als 80 000 sein.
Die Opel-Arbeitnehmer fordern seit langem, dass Opel die Chancen im Land der Mitte besser nutzen sollte, um den Absatz anzukurbeln und die Überkapazitäten zu senken. Die Rüsselsheimer sind weitgehend auf den gesättigten Markt Europa beschränkt. Die aktuelle Krise im Euroraum zieht den Absatz zusätzlich in den Keller.
Ungeachtet dieser herben Verluste rechnet Opel 2012 mit einem Millionen-Absatz. "Wir werden auch dieses Jahr wieder deutlich über eine Million Fahrzeuge an Kunden verkaufen", sagte Sedran. 2011 verkaufte Opel 1,2 Millionen Autos.
Die Opel-Werke im Überblick
Der Autobauer Opel leidet unter sinkendem Absatz und teuren Überkapazitäten. Obwohl erst Ende 2010 ein Werk geschlossen und die Zahl der Mitarbeiter zuletzt um mehr als 8000 auf inzwischen 39 000 reduziert wurde, kommt Opel deshalb nicht aus der Verlustzone.
Um Opel profitabel zu machen, ist nun unter anderem geplant, die Produktion des künftigen Astra von 2015 an auf Ellesmere Port in England und das kostengünstige polnische Gleiwitz zu konzentrieren. Bislang wird der Astra auch im Stammwerk Rüsselsheim gebaut. Die Opel-Werke im Überblick (Stand Ende 2011):
Deutschland (Mitarbeiter insgesamt: 22.166):
In Bochum liefen 2011 ein Astra-Modell und zwei Zafira-Modelle vom Band. Nach Werksangaben arbeiten noch 3200 Beschäftigte direkt im Unternehmen sowie rund 1000 Menschen bei Partner- und Fremdfirmen.
In Eisenach bauen 1524 Beschäftigte den Corsa.
Am Stammsitz Rüsselsheim werden der Insignia sowie ein Astra-Modell (5-Türer) gefertigt. Mitarbeiter: 13.825, davon 3200 in der Produktion.
In Kaiserslautern bauen 2640 Beschäftigte Komponenten, Motoren und Achsen.
In Gleiwitz läuft seit 2011 nur noch der Astra (bis 2010 auch der Zafira) vom Band; in dem Werk sind 3523 Menschen beschäftigt.
Am Standort Saragossa fertigen rund 6100 Mitarbeiter den Corsa, den Meriva und den Combo.
England (Mitarbeiter insgesamt: 4000):
Etwa 2100 Mitarbeiter bauen in Ellesmere Port Astra-Modelle.
In Luton werden die baugleichen Transporter Opel Vivaro und Renault Traffic von 1100 Beschäftigten gefertigt.
Motoren und/oder Getriebe werden zudem in Szentgotthárd (Ungarn/660 Mitarbeiter) und Aspern (Österreich/1736) sowie in einem Joint Venture in Tychy (Polen) hergestellt. In Rüsselsheim und Turin hat der Hersteller Entwicklungszentren. (dpa)
Von Lutzmann bis Manta: Legendäre Opel-Modelle
In seiner 150 Jahre währenden Geschichte hat Opel eine ganze Reihe von Modellen gebaut, die aus dem automobilen Einerlei herausragten. Eine kleine Auswahl wichtiger und typischer Modelle:
Der Lutzmann Patentmotorwagen war 1898 das erste von Opel produzierte Auto, konstruiert von dem Dessauer Autopionier Friedrich Lutzmann, dessen Anhaltinische Motorwagenfabrik vom florierenden Fahrrad- und Nähmaschinenhersteller Opel aufgekauft worden war.
Der Laubfrosch war ab 1924 das erste deutsche Auto, das am Fließband gebaut wurde. Das mutmaßliche Plagiat eines Citroën-Modells wurde in grüner Lackierung verkauft und machte wegen seines vergleichsweise günstigen Preises Opel zum größten Autohersteller im deutschen Reich.
Kapitän, Admiral, Diplomat:
Die Modelle Kapitän, Admiral und Diplomat konkurrierten in der Oberklasse bis 1977 mit den Limousinen von Mercedes-Benz. Mindestens sechs Zylinder waren bereits in den 30er-Jahren Pflicht, der Diplomat verfügte in den 70ern sogar über einen 8-Zylinder von Chevrolet. Nach dem Weltkrieg war das Design der Opel-Straßenkreuzer zeitweise sehr amerikanisch.
Olympia war 1935 der erste deutsche Serienwagen mit selbsttragender Stahlkarosserie und wurde nach dem Krieg als Rekord nach US-Vorbildern neu entwickelt. Bis heute Kult bei Youngtimer-Freunden ist der bis 1972 gebaute Rekord C, der auch als Coupé zu haben war.
Die erfolgreichste Baureihe Kadett/Astra startete 1962 als Käfer-Herausforderer im neu errichteten Werk Bochum. Erfolgreich war und ist der 1991 in Astra umgetaufte Millionenseller auch als Coupé und Caravan. Ein bereits vor dem Krieg gebauter Kadett wurde später als Moskwitsch 400 auf den alten Bändern in der Sowjetunion gebaut.
Mit unterschiedlichen Typen des Mittelklasse-Wagen Ascona gewann Rallyefahrer Walter Röhrl Europa- wie auch Weltmeisterschaft. Das technisch identische Coupé Manta eignete sich vor allem in der späteren Variante Manta B besonders für Tuningversuche halbstarker Möchtegern-Rennfahrer. (dpa)
Chronologie der Opel-Krise. Seit Jahren ringt der deutsche Autobauer Opel um seine Zukunft- ein Rückblick:
2001: Der erfolglose Opel-Vorstandschef Robert Hendry muss das Handtuch werfen. Sein Nachfolger Carl-Peter Forster versucht, mit dem europaweit angelegten "Restrukturierungsprogramm Olympia" die Tochter des US-Autobauers General Motors (GM) wieder profitabel zu machen.
2004: GM legt im Oktober einen drastischen Sparplan für die europäische Tochter vor, der den Abbau von 12 000 Arbeitsplätzen vorsieht – davon bis zu 10 000 in Deutschland.
2005: Der Betriebsrat und das Opel-Management unterschreiben einen "Zukunftsvertrag", der die Existenz der Werke in Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern bis 2010 sichern soll.
2008: Nach Absatzeinbruch und massiven Verlusten bittet Opel als erster deutscher Autohersteller den Staat um Hilfe. Eine Bürgschaft von Bund und Ländern soll das Unternehmen stützen.
2009: Um nicht in den Strudel der GM-Insolvenz zu geraten, arbeitet Opel an einem Konzept zur Trennung von dem schwer angeschlagenen Mutterkonzern. Zwei Tage vor der GM-Pleite am 1. Juni einigen sich Bund, Länder, GM und das US-Finanzministerium nach langem Poker mit dem österreichisch-kanadischen Zulieferer Magna auf ein Rettungskonzept. Im November beschließt GM, Opel doch zu behalten.
2010: Der als harter Sanierer bekannte Nick Reilly wird Opel-Chef. Im Zuge seines Sanierungskurses macht Opel im Oktober das Werk im belgischen Antwerpen mit einst 2500 Beschäftigten dicht. Von den 48 000 Stellen in Europa werden insgesamt 8000 abgebaut.
2011: Der bisherige GM-Chefentwickler Karl-Friedrich Stracke löst Reilly ab, der Chef des GM-Europageschäfts wird. Im zweiten Quartal verzeichnet Opel erstmals seit Jahren wieder einen Gewinn. Im dritten Quartal rutscht der Autobauer aber zurück in die roten Zahlen.
16. Februar 2012: General Motors gibt in seinem Europageschäft – das in erster Linie aus Opel und der britischen Schwestermarke Vauxhall besteht – für 2011 operativ 747 Millionen Dollar (573 Mio Euro) Verlust bekannt. Dagegen fuhr GM unterm Strich 7,6 Milliarden Dollar Gewinn ein.
3. Mai 2012: Opel kommt einfach nicht vom Fleck. Im ersten Quartal liegt der Verlust von GM in Europa operativ bei 256 Millionen Dollar oder umgerechnet 195 Millionen Euro.
17. Mai 2012: Opel gibt bekannt, dass das Stammwerk Rüsselsheim die Produktion des mit Abstand wichtigsten Modells Astra verliert. Das Modell soll von 2015 an nur noch im britischen Ellesmere Port und in Gliwice (Polen) gebaut werden.
13. Juni 2012: Gnadenfrist für die Opelaner in Bochum, aber keine Rettung: Das Werk in Bochum soll zumindest so lange erhalten bleiben, bis die aktuelle Zafira-Fertigung dort Ende 2016 ausläuft, teilen die Adam Opel AG, der Betriebsrat und die IG Metall mit.
28. Juni 2012: Der Opel-Aufsichtsrat billigt einen entschärften Sanierungsplan. Teure Überkapazität soll abgebaut werden, indem Modelle wie der kleine SUV Mokka, der Antara oder der Agila nicht mehr in Korea, sondern in Europa vom Band rollen. Zudem soll in die Produktpalette von Opel/Vauxhall investiert werden. Geplant sind zum Beispiel 23 neue Modelle in den kommenden vier Jahren. Unter anderem soll ab 2013 der Kleinstwagen Adam bei den Händlern zu haben sein.
12. Juli 2012: Zum dritten Mal innerhalb von zweieinhalb Jahren wechselt GM bei Opel den Chef aus. Überraschend tritt Karl-Friedrich Stracke zurück. Die Geschäfte soll kommissarisch der GM-Vize und Opel-Aufsichtsratschef Stephen Girsky führen. (dpa)