06.09.12EZB im Fokus
Ist Draghi bei Anleihekäufen auf der Zielgeraden?
Die Krisenstrategie der Währungshüter ist umstritten - auch unter den Notenbankern. Am Donnerstag will der Rat erste Details nennen.
Von Friederike Marx
Foto: dapd/DAPD
EZB-Chef Mario Draghi hatte gegen deutschen Widerstand ein geplantes neues Programm zum Kauf von Krisen-Staatsanleihen verteidigt
Frankfurt/Main.
Die Erwartungen sind hoch an die Europäische Zentralbank: Kauft die Notenbank wieder Staatsanleihen von Euro-Krisenländern, in welchem Umfang und zu welchen Bedingungen? Antworten auf diese Fragen erhoffen sich Beobachter von der
Sitzung des EZB-Rates am Donnerstag.
Warum will die EZB wieder Staatsanleihen kaufen ?
EZB-Chef Mario Draghi wirbt für den unbegrenzten Ankauf von Staatsanleihen
kriselnder Euro-Staaten wie Italien und Spanien, um deren Zinslast zu drücken. Denn Rom und Madrid müssen misstrauischen Investoren hohe Zinsen für ihre langfristigen Anleihen zahlen. Nach Draghis Vorstellungen sollen die Länder im Gegenzug einen Antrag auf Hilfen aus dem Euro-Rettungsschirm EFSF/ESM stellen und Reformauflagen erfüllen. Beim ESM hätte Deutschland ein Mitsprache- und Vetorecht. Nach Einschätzung von Volkswirten steckt die EZB allerdings in einem
Dilemma
. Die Zusagen dürften nicht den
Reformeifer der Krisenländer dämpfen
, müssten aber glaubhaft sein, um das Vertrauen der Investoren zu stärken, meinen Ökonomen der BayernLB.
+++ Am Donnerstag entscheidet EZB über Anleihekäufe +++
+++ Showdown zwischen Draghi und Weidmann? +++
Welche Bedingungen knüpft die Notenbank an Anleihekäufe?
Die genauen Details stehen noch nicht fest. EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen beispielsweise will den Internationalen Währungsfonds (IWF) bei möglichen Anleihekäufen mit ins Boot nehmen. Sollte die EZB gemeinsam mit den Rettungsfonds EFSF und ESM einem angeschlagenen Euroland unter die Arme greifen, würde der IWF mit seinen Erfahrungen und Einflussmöglichkeiten die Rolle eines "externen Polizisten" übernehmen. Asmussens französischer Kollege Benoît Coeuré hält dagegen eine Bitte um Hilfe beim Rettungsfonds für ausreichend.
+++ Wie lange hält Jens Weidmann noch durch? +++
+++ EZB-Chef Draghi verteidigt Strategie gegen deutsche
Kritiker +++
Welche Anleihen hat die EZB im Blick?
Draghi bezeichnete Anfang der Woche den Kauf von Bonds mit einer Laufzeit von bis zu drei Jahren als vereinbar mit dem Mandat der Notenbank. Der Erwerb von Anleihen mit längerer Laufzeit birgt das Risiko, dass der Reformeifer der Krisenländer erlahmt.
Welche Details wird Draghi am Donnerstag präsentieren ?
Dass die EZB ihr komplettes Interventionsprogramm vorstellen wird, halten Beobachter für unwahrscheinlich. "Die EZB dürfte in etlichen entscheidenden Details vage bleiben", erwartet Commerzbank-Devisenexperte Ulrich Leuchtmann. Ein Grund dürfte sein, dass das Bundesverfassungsgericht erst eine Woche nach der EZB-Ratssitzung über den permanenten Rettungsschirm ESM entscheidet. Sollte der ESM dann nicht wie geplant in Kraft treten können, müsste auch die EZB Details ihres Programms neu bestimmen.
+++ Finanzexperte Stark: EZB hat "rote Linie
überschritten" +++
Welche Bedenken gibt es?
Bundesbankchef Jens Weidmann lehnt Anleihenkäufe von Krisenländern als Schritt zur "Staatsfinanzierung durch die Notenpresse" ab
. Eine Finanzierung durch die Notenbank könne traditionell hoch verschuldete Länder "süchtig machen wie eine Droge". Weidmann befürchtet, dass mit dem Draghi-Modell die Schulden der hoch defizitären Südstaaten letztlich beim Steuerzahler landen. Als größtes Euro-Land steht Deutschland mit knapp 27 Prozent für die Schulden der EZB gerade. Weidmann ist nicht der einzige Kritiker im EZB-Rat. Das belgische Ratsmitglied Luc Coene bemängelt, dass Krisenländer, die die EZB unterstützt, in ihrem Reformeifer nachlassen könnten. Dies sei etwa im Sommer 2011 in Italien nach EZB-Anleihenkäufen der Fall gewesen. "Es besteht die Gefahr, dass weiterhin nur Zeit gekauft wird, und der Reformdruck gemindert wird", sagt auch Commerzbank-Chef Martin Blessing.
Was sagen die Befürworter?
EZB-Chef Draghi argumentiert, dass die Wirksamkeit der Geldpolitik von den hohen Risikoaufschlägen für Anleihen der Krisenländer untergraben wird.
Asmussen
zufolge erreicht die EZB-Geldpolitik die Wirtschaft zum Teil nicht mehr. Obwohl der Leitzins im Euro-Raum auf dem Rekordtief von 0,75 Prozent liegt, zahlen kleine Unternehmen in Spanien der EZB zufolge für einen Kredit bis zu einer Million Euro und einer Laufzeit von mehr als einem und bis zu 5 Jahren derzeit 6,5 Prozent Zinsen – so viel wie nie seit 2008. In Deutschland ist der gleiche Unternehmenskredit für rund 4 Prozent zu haben. "Der Leitzins, der eigentlich "leiten" soll, tut dies nur noch eingeschränkt", sagt Asmussen.
EZB: Die Europäische Zentralbank
Die Europäische Zentralbank (EZB) mit Sitz in Frankfurt ist die Notenbank für die gemeinsame europäische Währung, den Euro.
Sie soll vor allem Preisstabilität im gemeinsamen Währungsgebiet der 17 Eurostaaten wahren.
Zudem soll sie auch die Wirtschaftspolitik unterstützen, soweit das Ziel der Preisstabilität nicht beeinträchtigt wird.
Um die Inflation im Zaum zu halten, legt die EZB Leitzinsen fest.
Über die Zinsen entscheidet der Zentralbankrat.
Ihm gehören neben den sechs Direktoriumsmitgliedern der EZB auch die Präsidenten der 17 nationalen Zentralbanken an.
EZB-Präsident ist seit November 2011 der Italiener Mario Draghi. (dpa)
Was die EZB darf und was nicht
Eigentlich ist der Auftrag der Europäischen Zentralbank (EZB) klar umrissen: Die Notenbank soll vor allem die Inflation im Zaum halten und gut 330 Millionen Bürgern in inzwischen 17 Eurostaaten eine stabile Gemeinschaftswährung sichern.
Das tut sie, indem sie Zinsen je nach Bedarf senkt oder erhöht. Doch in der Schuldenkrise in Europa sahen sich die Währungshüter zuletzt immer wieder zu Sondermaßnahmen gezwungen. Ob Aufkaufprogramm für Staatsanleihen kriselnder Euroländer oder Beteiligung am Schuldenschnitt für Athen durch die Hintertür: Die EZB sieht sich dabei innerhalb des ihr zugebilligten rechtlichen Rahmens.
Die "Satzung des Europäischen Systems der Zentralbanken und der Europäischen Zentralbank" hält fest: Das "vorrangige Ziel" des Eurosystems, also der EZB und der nationalen Zentralbanken der Eurostaaten, sei "die Preisstabilität zu gewährleisten". Zudem sollen die Zentralbanken "die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Union" unterstützen, "soweit dies ohne Beeinträchtigung des Zieles der Preisstabilität möglich ist".
Der EZB-Rat kann demnach "mit der Mehrheit von zwei Dritteln der abgegebenen Stimmen über die Anwendung anderer Instrumente der Geldpolitik entscheiden", die er bei Beachtung dieser Vorgaben "für zweckmäßig hält". Diesem obersten Entscheidungsgremium der Notenbank gehören die 17 Vertreter der nationalen Euro-Notenbanken an sowie das EZB-Direktorium, das aus dem EZB-Präsidenten, dem EZB-Vizepräsidenten und vier weiteren Mitgliedern besteht.
Staatsfinanzierungsausschluss:
Staatsfinanzierung mit Hilfe der Notenpresse erlauben die EU-Verträge nicht. Die "Konsolidierte Fassung des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union" legt in Artikel 123 fest:
"Überziehungs- oder andere Kreditfazilitäten bei der Europäischen Zentralbank oder den Zentralbanken der Mitgliedstaaten (...) für (.......) Zentralregierungen, regionale oder lokale Gebietskörperschaften oder (........) öffentliche Unternehmen der Mitgliedstaaten sind ebenso verboten wie der unmittelbare Erwerb von Schuldtiteln von diesen durch die Europäische Zentralbank oder die nationalen Zentralbanken."
Betont wird überdies die Unabhängigkeit der Zentralbank (Artikel 130): "Bei der Wahrnehmung der ihnen (...) übertragenen Befugnisse, Aufgaben und Pflichten darf weder die Europäische Zentralbank noch eine nationale Zentralbank (.....) Weisungen von Organen, Einrichtungen oder sonstigen Stellen der Union, Regierungen der Mitgliedstaaten oder anderen Stellen einholen oder entgegennehmen.
Die Organe (....) der Union sowie die Regierungen der Mitgliedstaaten verpflichten sich, diesen Grundsatz zu beachten und nicht zu versuchen, die Mitglieder der Beschlussorgane der Europäischen Zentralbank oder der nationalen Zentralbanken bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben zu beeinflussen." (dpa)
Heißer Herbst für Euro-Retter: Die Termine
Den Euro-Rettern stehen hektische Wochen bevor: Droht Griechenland der Austritt aus der Gemeinschaftswährung? Kippt Karlsruhe den Rettungsschirm ESM? Der Fahrplan der kommenden Wochen im Überblick:
5. September: Entscheidende Kontrollen der Sparauflagen durch die Troika-Experten von EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) beginnen.
6. September: Die Europäische Zentralbank (EZB) kommt zu ihrer monatlichen Ratssitzung zusammen. Dort wird der angekündigte Plan erwartet, wie die Notenbank bei künftigen Staatsanleihenkäufen von Euro-Krisenländern vorgehen will.
11. September: Die EU-Kommission stellt ihren Vorschlag für eine europäische Bankenaufsicht vor. Eine umfassendere Kontrolle der Banken gilt ein Schlüssel zur Lösung der Eurokrise.
12. September: Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entscheidet über Klagen gegen den neuen Rettungsschirm ESM und den Fiskalpakt. Obwohl das Hauptverfahren noch nicht begonnen hat, rechnen Experten mit einem richtungsweisenden Urteil. Dass das oberste Gericht den ESM kippt, gilt aber als unwahrscheinlich.
14./15. September: Informelles Treffen der EU-Finanzminister auf Zypern. Möglicherweise wird auch schon vorher eine Sondersitzung der Euro-Kassenhüter einberufen.
Ende September/Anfang Oktober: Die Troika der internationalen Kreditgeber Griechenlands will ihren neuesten Bericht über die Fortschritte bei den Reformen veröffentlichen. Von der Analyse hängen weitere Finanzspritzen für Athen ab.
8. Oktober: Treffen der Euro-Finanzminister.
18./19. Oktober: EU-Gipfel in Brüssel. Dort könnten die Euro-Retter entscheiden, ob Athen weitere Kredite und möglicherweise mehr Zeit für sein Sparprogramm erhält oder ob der Geldhahn zugedreht wird. Im letzteren Fall droht Griechenland ein Staatsbankrott. Spekuliert wird darüber, dass das dann einen Euro-Austritt des Landes nach sich ziehen könnte. (dpa)