05.09.12Tarifkonflikt
Bundesweiter Streik bei Lufthansa naht
500 Flüge sind bereits ausgefallen und am Freitag könnte alles noch schlimmer werden. Air Berlin und Bahn wollen Angebot aufstocken.
Von Christian Ebner
Foto: dapd
Chaos zum Wochenende: An Freitag will die Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo den Luftverkehr in ganz Deutschland weitgehend lahmlegen. Bahn setzt wegen Lufthansa-Streiks notfalls Zusatzzüge ein, Konkurrent Air Berlin bereits den Einsatz größerer Jets
Frankfurt/München.
Eine Annäherung zwischen den Kofliktpartnern ist nicht in Sicht: Mit unvermindertem Schub steuert die Lufthansa auf einen bundesweiten Streik ihrer Flugbegleiter zu. Nach zwei Streikwellen mit zusammen mehr als 500 plant die Gewerkschaft Ufo
für Freitag einen flächendeckenden 24-Stunden-Streik.
Ein neues Angebot an die streikenden Flugbegleiter sei nicht geplant, sagte ein Unternehmenssprecher in Frankfurt. Das verhandelbare Angebot liege vor, die Gewerkschaft Ufo müsse nur wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren. Bei der zweiten Streikwelle
am Dienstag in Berlin, Frankfurt und München waren mehr als 300 Flüge ausgefallen
, 43.000 Passagiere mussten umgebucht werden oder konnten gar nicht fliegen.
+++ UFO-Streik sorgt noch immer für Flugausfälle +++
+++ Airline muss sich um gestrandete Reisende kümmern +++
Für den Freitag plant Konkurrent Air Berlin bereits den Einsatz größerer Jets, Lufthansa könnte möglicherweise Maschinen der Töchter AUA und Swiss einsetzen. Die Deutsche Bahn stellt sich auf mehrere tausend zusätzliche Fahrgäste ein und will notfalls zusätzliche Züge einsetzen.
+++ Ratgeber: Die Rechte von Fluggästen +++
+++ UFO streikt am Freitag bundesweit +++
Arbeitsniederlegungen soll es am Freitag nach Worten von Gewerkschaftschef Nicoley Baublies an allen Lufthansa-Standorten geben. Er rechne damit, dass am Freitag mindestens die Hälfte aller Flüge gestrichen werde, falls Lufthansa sich nicht vorher zu einer Schlichtung bereitfände.
+++ Aktuelle Infos von der Lufthansa +++
Danach seien zunächst keine weiteren Streiks geplant, sondern eine Denkpause, kündigte der Gewerkschafter an. Er forderte die Lufthansa erneut auf, in einer Schlichtung über alle relevanten Themen zu reden. Das hat das Unternehmen bislang mit dem Hinweis abgelehnt, dass Ufo auch tariflich nicht relevante Themen behandeln wolle.
Mit Verzögerungen und Ausfällen mussten Passagiere auch am Mittwoch noch rechnen
, weil die Ausfälle vom Dienstag noch nachwirkten. Auf ihrer Internetseite veröffentlichte die Lufthansa am Mittwochmorgen eine Liste mit 27 gestrichenen Flügen von und nach Frankfurt und München, die für Mittwoch und Donnerstag geplant waren. Diese Ausfälle seien Folgen des Streiks vom Dienstag, sagte der Sprecher des Flughafens München. "Der Flugplan passt noch nicht. Einige Flugzeuge und Crews sind nicht da, wo sie sein sollen."
+++ Lufthansa-Vorstand Carsten Spohr verteidigt Sparkurs
++
In München wurde der Streik um Mitternacht beendet. Der Flughafen hatte 500 Feldbetten für gestrandete Passagiere aufstellen lassen. Fast 400 Reisende, die in der Nacht nicht weiterreisen konnten, suchten auf den Liegen ein wenig Schlaf. Auf dem zweitgrößten deutschen Flughafen mussten mehr als 100 Flüge annulliert werden, in Frankfurt waren es über 200. In München strandeten insgesamt fast 1200 Passagiere.
Insgesamt hielt sich das Chaos aber in Grenzen, wenn auch die Streiks an den beiden Drehkreuzen weltweite Folgen hatten. Die Lufthansa konnte nach Angaben eines Sprechers die Hälfte der betroffenen Fluggäste per SMS informieren und sagte Flüge früher ab. In der Folge stabilisierte sich der Betrieb am Mittwoch schneller. Lufthansa hatte einige Maschinen bereits am Montagabend im Ausland stehen lassen und konnte sie nun in der Nacht zum Mittwoch mit ausgeruhten Crews wieder in Richtung ihrer deutschen Drehkreuze einsetzen.
Ufo fordert fünf Prozent mehr Lohn, das Ende der Leiharbeit und Schutz gegen die Auslagerung von Jobs. Lufthansa bietet 3,5 Prozent Lohnerhöhung, plant aber eine konzerninterne Billigtochter und will die Gehaltsstufen abflachen.
19.000 Flugbegleiter bei der Lufthansa Classic
Bei der Lufthansa Passage betreuen rund 19.000 Flugbegleiter die Passagiere.
Ihr Einstiegsgehalt beträgt nach einer zwölfwöchigen Ausbildung 1533,23 Euro zuzüglich einer 16-prozentigen Schichtzulage.
Im Laufe eines Berufslebens steigen die Grundgehälter nach einer vielstufigen Tariftabelle auf bis zu 4000 Euro, für die zusätzlich mit Sicherheitsverantwortung ausgestatteten Purser (sind für das leibliche Wohl der Passagiere zuständig) in der Endstufe auf bis zu 7000 Euro.
Für verschiedene Tochtergesellschaften wie Swiss, Austrian Airlines oder Germanwings gelten abweichende Tarifbedingungen.
Einige Flugbegleiter im Berlin-Verkehr sind auch bei der Leiharbeitsfirma Aviation Power angestellt.
Voraussetzungen für den Berufseinstieg sind unter anderem eine abgeschlossene Schulausbildung, fließend Deutsch und Englisch, eine Mindestgröße von 1,60 Meter und ein "angemessenes Körpergewicht", wie Lufthansa in ihren Bewerbungsunterlagen schreibt. (dpa)
Worüber Ufo und Lufthansa streiten
Lufthansa ist im Tarifstreit mit ihren Flugbegleitern in schweres Wetter geraten. Der Konflikt berührt wichtige Fragen für die Zukunft der Airline, denn Lufthansa kann im internationalen Wettbewerb nur schwer mit deutschen Gehaltsstrukturen mithalten.
Anders als etwa der exportstarke Maschinenbau kann sie bei ihrem Produkt keine wesentliche bessere Qualität versprechen als die starke Konkurrenz aus Arabien oder Fernost. Der Vorstand sieht sich im Sparzwang, während die Belegschaft um ihre Besitzstände fürchtet. Es geht um das große Ganze:
Nach drei Nulljahren sind Forderung und Angebot längst nicht so dicht beieinander wie es auf den ersten Blick "5 Prozent gegen 3,5 Prozent" aussieht. Schon bei den reinen Entgeltzahlen machen die Laufzeiten erhebliche Unterschiede aus: Ufo rechnet die bis März 2015 reichende Lufthansa-Offerte auf unter 1 Prozent im Jahr herunter. Nicht alle Bestandteile des Angebots würden sich zudem dauerhaft auf die Gehaltstabelle auswirken.
Lufthansa will die tarifliche Lohnstruktur mit ihren zahlreichen Aufstiegen zeitlich strecken und neue Tabellen für Neueinsteiger durchsetzen. Bis zur Endstufe könne es nach den Vorstellungen der Lufthansa im schlechtesten Fall 46 Jahre dauern, rechnet Ufo vor.
Die Endstufen für die neuen Flugbegleiter und Purser lägen bis zu 1300 Euro im Monat unter dem jetzigen Niveau. Für die Bestandsbelegschaft will Lufthansa die individuellen Steigerungen für ein Jahr aussetzen. Die von Ufo bekämpften Eingangsstufen von gut 1500 Euro Grundgehalt brutto sollen beibehalten und etwas angehoben werden.
Lufthansa setzt in Berlin Leiharbeitskräfte der Firma Aviation Power ein, die anfangs zwar das gleiche Gehalt wie die Lufthanseaten erhalten, aber länger arbeiten müssen und geringere Aufstiegsmöglichkeiten haben. Lufthansa hat zugesagt, das Modell bei einem Abschluss zu beenden.
Ufo sperrt sich gegen die Gründung einer internen Billigtochter für die Direktverkehre außerhalb der Drehkreuze Frankfurt und München. Dort soll ein Tarifvertrag gelten, der in Summe rund 40 Prozent unter Lufthansa-Niveau liege, sagt Ufo. Intern heißt das Projekt "Direct4U". Ufo fürchtet, dass es unter einem Lufthansa-Namen vermarktet wird.
Benötigt werden rund 2000 Flugbegleiter, von denen 800 von der Tochter Germanwings kommen sollen, die in der neuen Firma aufgeht. Direct4U ist strategisches Kernstück des Score-Sparprogramms, das jährlich 1,5 Milliarden Euro bringen soll.
Gestritten wird auch unter anderem über Pausenregelungen, Zulagen sowie die Gewinnbeteiligung. Lufthansa verlangt zudem zwei Stunden Mehrarbeit im Monat und bietet eine Jobgarantie. (dpa)
Lufthansa steckt in den roten Zahlen
Die Lufthansa fliegt derzeit wie die meisten europäischen Konkurrenten rote Zahlen ein.
Im ersten Halbjahr 2012 blieb trotz einer deutlichen Erholung im zweiten Quartal ein operativer Verlust von 20 Millionen Euro (2011: plus 114 Mio).
Grund sind unter anderem die erneut gestiegenen Treibstoffpreise in Verbindung mit dem schwachen Euro, der den Einkauf des Kerosin in US-Dollar verteuert.
Der Umsatz legte um 6 Prozent auf 14,5 Milliarden Euro zu. Europäische Billigflieger und Konkurrenten aus Asien drücken zudem auf die Gewinnmargen bei den Tickets.
Die Aussichten sind nicht rosig: Das Wachstum bei den Buchungen lasse auch wegen der wirtschaftlichen Probleme in Südeuropa nach, hatte Lufthansa-Vorstand Stefan Lauer kürzlich berichtet.
Aktuell reagiert die Gesellschaft auf die schwächelnde Nachfrage mit einem ausgedünnten Flugplan.
Zur nachhaltigen Ergebnissteigerung hat Lufthansa das Sparprogramm Score aufgelegt, das im Jahr 1,5 Milliarden Euro bringen soll. 3500 von rund 120.000 Jobs weltweit werden gestrichen, Entlassungen sind nicht ausgeschlossen.
Lufthansa muss zudem Milliardeninvestitionen für neue Flugzeuge finanzieren. (dpa)