31.08.12

IFA 2012

SMS-Nachfolger Joyn soll Rivalen aus dem Netz abwehren

Neue Handy-Dienste haben der SMS den Rang abgelaufen. Auf IFA werben Telekom und Vodafone für den Nachfolger Joyn. Experten sind skeptisch.

Foto: dpa/DPA
Der neue Chat-Dienst "joyn" ist auf dem Stand der Telekom auf einem Smartphone zu sehen
Der neue Chat-Dienst "joyn" ist auf dem Stand der Telekom auf einem Smartphone zu sehen

Berlin. Die Kurznachrichten haben den Mobilfunkanbietern in Deutschland jahrelang Milliardenumsätze beschert. Die Ära der SMS neigt sich aber jetzt langsam dem Ende zu. WhatsApp, Skype oder iMessage – für den schnellen Austausch von Mitteilungen über das Handy nutzen immer mehr Menschen kostenlose Datendienste statt SMS. Die Deutsche Telekom und Vodafone reagieren auf die Entwicklung und werben auf der Berliner Technik-Messe IFA für den SMS-Nachfolger Joyn.

Die Umsätze mit SMS in Deutschland sind nach einer Erhebung der Münchener Beratungsgesellschaft Mücke Sturm & Company seit 2006 von jährlich 3,8 auf 2,7 Milliarden Euro zurückgegangen. In anderen Ländern wie den Niederlanden ist der Rückgang noch rasanter. Genutzt wird SMS zwar weiter, inzwischen müssen aber viele Kunden nicht mehr für jede Mitteilung zahlen, weil die Nutzung oft schon in den Tarifen mit enthalten ist. "Die SMS wird sicherlich nicht ganz verdrängt, aber für die Netzbetreiber sind die Margen dahin", sagt Berater Jens Gutsche, der auch an der Hochschule Merseburg Professor für Marketing und E-Commerce ist. Mit Joyn werden nun neue Geschäftsmodelle entwickelt.

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Für Vodafone gab der neue Deutschland-Chef Jens Schulte-Bockum den Startschuss. "Wir führen das jetzt ein, ich habe das gestern selbst heruntergeladen", sagte er auf der IFA. Die Anwendung sei ein "Zukunftsdienst für Messaging, für Videoanrufe, letztlich auch für Voice over IP", erklärte der Manager. Zunächst nur für Android-Smartphones verfügbar, soll es die Joyn-Software auch bald fürs iPhone und Windows-Phones geben. Die Telekom kündigte in Berlin an, den Dienst im Dezember einzuführen.

Über RCS-e (Rich Communication Suite-enhanced) – wie der technische Standard für Joyn heißt – können Nutzer nicht nur Textmitteilungen austauschen, sondern auch Dateien verschicken oder sich zu Videokonferenzen treffen. All das wird übers Internet abgewickelt, benötigt wird also ein Datentarif fürs Smartphone. Ein weiterer Pluspunkt: Die Technik soll Kommunikationspannen wegen schlechter Verbindungen von vornherein verhindern: "Joyn erkennt Bedingungen wie die Qualität der Netzverbindung des anderen Gerätes und passt sich daran an", erklärt der Verband der Mobilfunkanbieter (GSMA), der den Standard entwickelt hat. All das soll unabhängig vom Betriebssystem und Netzanbieter funktionieren.

Hauptproblem für den Start von Joyn ist die derzeit noch geringe Verbreitung. Doch Telekom-Manager Kobus Smit ist davon überzeugt, dass der Dienst bald auf allen neuen Geräten zu finden ist. Neun der zehn größten Hersteller hätten bereits erklärt, den Dienst tief in ihre neuen Smartphones zu integrieren. Wer schon ein Gerät hat, kann sich mit einer App behelfen. Das gilt auch für iPhone-Nutzer – Apple ist derzeit nicht dabei. "Joyn soll der gemeinsame Nenner für Kommunikations-Apps werden", sagt Smit, der bei der Telekom für den Dienst zuständig ist.

Marktbeobachter Gutsche ist skeptischer. "Joyn ist technisch gut gemacht, und glaube dass dieser Dienst eine gewisse Verbreitung bekommen wird. Aber das Game ist durch. WhatsApp ist etabliert, und es kann bei solchen Diensten immer nur einen geben." Chancen für Joyn gebe es am ehesten bei der professionellen Nutzung, da Joyn den Bedürfnissen der Unternehmen nach garantierter Netzqualität und Sicherheit entgegen komme.

Beim Geschäftsmodell setzen die Netzbetreiber auf einen Mix: Bei der Deutschen Telekom etwa sind Chat und Dateitransfer für Kunden mit Komplettpaketen für SMS und Datenübertragung kostenlos, für Videotelefonate verlangt das Unternehmen nach einer Einführungsphase Geld. Auch Vodafone erwägt ein sogenanntes Freemium-Modell, bei dem die Grundfunktionen gratis, Extras wie eine gesicherte Übertragungsqualität dagegen kostenpflichtig sein sollen.

Die Vermarktung des Dienstes an andere Unternehmen könnte den Netzbetreibern eine weitere Umsatzquelle erschließen. Dafür werden die Programmierschnittstellen (API) offengelegt. Ein Beispiel: Ein Call Center könnte die Probleme der Kunden besser lösen, wenn dieser mit Live-Bildern zeigt, wo es hakt. "Wir bieten einen Mehrwert, das ist die Basis für ein Geschäftsmodell", sagt Smit.

"Wir müssen den Nutzern zeigen, dass Joyn mehr als WhatsApp ist", betont Smit. Bis dahin ist ein weiter Weg: Der in Kalifornien ansässige Betreiber von WhatsApp liefert nach eigenen Angaben täglich sechs Milliarden Mitteilungen aus.

Wichtige Infos für IFA-Besucher
Wichtige Infos für IFA-Besucher
Dauer: 31. August bis 5. September 2012
Öffnungszeiten: 10.00 bis 18.00 Uhr
Ort: Messegelände Berlin
Eintrittspreise für Privatbesucher:
Vorverkauf bis einen Tag vor Beginn: Tageskarte 11 Euro; Tageskasse: Tageskarte 15 Euro; ermäßigt 11 Euro. Schülerticket 6,50 Euro, Schulklassenticket 35 Euro; Familienticket (2 Erwachsene, 3 Kinder) 31 Euro; Happy-Hour-Ticket 9 Euro (ab 14.00 Uhr)
Verkehrsverbindungen:
Bus: X34, X49, 104, 139, 149, 218 bis Haltestelle Messedamm/ZOB/ICC
S-Bahn: Messe Süd - S3, S9, S75. Messe/Nord/ICC - S41, S42, S46. Westkreuz - S3, S5, S7, S41, S42, S46, S75
U-Bahn: U2 in Richtung Ruhleben, bis U-Bahnhof Kaiserdamm
Auto: Das Leitsystem "Messegelände" an den A10-Abzweigen "Nuthetal", "Oranienburg", "Schönefelder Kreuz" und "Pankow" führt direkt auf die Stadtautobahnen A111, A115 (Avus) und A100 zum AB-Dreieck "Funkturm", Ausfahrt "Messegelände". Fahrer auf der Avus sollten mehr Zeit einplanen, dort wird gebaut. (dpa)
Die IFA 2012
Die IFA 2012
Am 31. August öffnet mit der IFA in Berlin die wichtigste europäische Branchenmesse für Heimelektronik und Haushaltsgeräte. Bis 5. September zeigen die Hersteller auf dem Messegelände unter dem Funkturm dann neue Produkte und ihr aktuelles Sortiment.
Wie viele Aussteller in diesem Jahr auf der IFA vertreten sein werden, wurde noch nicht bekannt. Die Nachfrage nach Standplätzen für die 52. Auflage der Schau sei aber auch in diesem Jahr größer als das Angebot, hieß es. Außerdem soll die Ausstellungsfläche nochmals wachsen.
Im vergangenen Jahr hatten sich 1.441 Aussteller auf 140.200 Quadratmetern den insgesamt 238.000 Besuchern präsentiert. Weil neben Elektronik auch Haushaltsgeräte im Programm sind, nennen die Veranstalter – die Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (gfu) und die Messe Berlin – ihre Schau nicht mehr Internationale Funkausstellung, sondern nur noch kurz IFA.
Neben den Geräteherstellern zeigen sich auf der IFA auch Künstler. Im Sommergarten der Messe sollen in diesem Jahr unter anderen der Komiker und Musiker Helge Schneider sowie Soulsänger Xavier Naidoo auftreten. Eine Tageskarte für die IFA kostet im Vorverkauf 11 und an der Kasse 15 Euro. Schüler zahlen ermäßigt 6,50 Euro. (dapd)
IFA-Trends 2012 auf einen Blick
IFA-Trends 2012 auf einen Blick
Am 31. August startet die Elektronikmesse IFA in Berlin. Die wichtigstens Trends im Überblick:
Smart TV:
Zuletzt haben die Livestreams bei den Olympischen Sommerspielen demonstriert, wie wichtig die Bilder aus dem Internet geworden sind. Die TV-Geräte mit Internet-Anschluss bringen klassisches Fernsehen und Online-Dienste zusammen. Das können auch Angebote von Online-Videotheken oder Facebook sein. Auf der diesjährigen IFA werden mehr Fernseher denn je auch ins Internet gehen können.
OLED:
Die Elektronik-Konzerne haben jahrelang an der Technik geforscht. Die OLED-Displays (Organic Light-Emitting Diode) haben kontrastreiche Farben und sind noch deutlich dünner als aktuelle LCD-Bildschirme. Weil sie aber auch deutlich teurer waren, kamen sie bisher vor allem in Handys zum Einsatz.
Der erste OLED-Fernseher hatte einen Bildschirm in Tablet-Größe, aber einen stolzen Preis von1200 Dollar.mit Hilfe des Internets an die aktuelle Verkehrs- und Wetterlage anpassen. Dieses Jahr stellen Hersteller wie Samsung und LG in Berlin auch große Geräte aus.
Nahtlos von Bildschirm zu Bildschirm:
Video wird mehr denn je auch auf Smartphones und Tablet-Computer gesehen. Die neuen Online-Dienste ermöglichen auch einen komfortablen Wechsel zwischen verschiedenen Geräten. Die Eintrittshürde ist eine gut funktionierende Cloud-Infrastruktur, mit der die Daten abgestimmt werden.
Vernetzt im Auto:
Der Autokonzern Ford war schon vergangenes Jahr auf der IFA dabei und kommt jetzt wieder. Die Vision ist, dass sich das Auto mehr als bisher in den digitalen Lebensstil einfügt. Es soll nicht nur die Musik aus dem Smartphone oder anhand von Karten die Strecke berechnen, sondern den Weg sich mit Hilfe des Internets an die aktuelle Verkehrs- und Wetterlage anpassen. (dpa)
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