29.08.12Solarunternehmen
Q-Cells verkauft - Retter kommen ausgerechnet aus Asien
Die monatelange Zitterpartie bei Q-Cells ist zu Ende. Das insolvente Solarunternehmen wird vom Mischkonzern Hanwha übernommen.
Von Petra Buch und Rochus Görgen
Foto: dapd/DAPD
Das insolvente Solarunternehmen Q-Cells aus Bitterfeld-Wolfen wird vom südkoreanischen Mischkonzern Hanwha übernommen
Dessau-Roßlau/Bitterfeld-Wolfen. Billigkonkurrenz aus Asien hat die deutsche Solarbranche immer mehr unter Druck gebracht – jetzt sind Investoren aus Fernost die Retter für den früheren Weltmarktführer Q-Cells. Der südkoreanische Industriekonzern Hanwha übernimmt den insolventen Solarkonzern aus Bitterfeld-Wolfen und will rund drei Viertel der 1050 verbliebenen Arbeitsplätze in Deutschland sichern. Bislang hatte Hanwha vor allem in China Solarzellen produziert, nun sollen die Q-Cells-Werke in Deutschland und in Malaysia integriert werden. Die zentrale Hanwha-Solarforschung wäre dann aber: "Made in Germany".
"Q-Cells kann seine technologische Stärke mit der Finanzkraft des koreanischen Konzerns kombinieren", sagte Joachim Zwicky vom Zentrum für Solarmarktforschung Berlin. "Zudem kann der Einstieg von Hanwha Türöffner für den asiatischen Markt sein." Mit einem Industriepartner in China oder Korea seien die Überlebenschancen im Photovoltaikmarkt der Zukunft erheblich höher. Sachsen-Anhalts Regierungschef Reiner Haseloff (CDU) freute sich auf seinem Flug nach Südkorea: "Das ist eine wichtige Weichenstellung für Sachsen-Anhalt als Standort von Zukunftstechnologien."
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Bitterfeld-Wolfen – das war zu DDR-Zeiten ein gigantisches Chemiekombinat und Braunkohlerevier. Heute prägen moderne Industrieanlagen das Bild der ehemalig dreckigsten Region Europas. Den Untergang der Kohle-Industrie hatte die Region kurz nach der Wende erlebt. Nun drohte erneut eine ganze Branche wegzubrechen.
Beim Q-Cells-Ableger Sovello waren mit der Produktionsstilllegung erst kürzlich 1000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Auch zahlreiche kleinere Unternehmen der Solarbranche und Zulieferer stehen unter massivem Druck. Das "Solar Valley", wie das riesige Industriegebiet mitten auf der grünen Wiese sich nennt, drohte zum Todestal zu werden.
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Nun aber atmet die Region erstmal auf. Im Rahmen der Sanierung übernimmt die Hanwha Gruppe 1250 der weltweit rund 1550 Mitarbeiter sowie den weitaus größten Teil der gesamten Q-Cells-Gruppe. Am Standort in Bitterfeld-Wolfen mit Forschung, Entwicklung und Produktion muss damit aber etwa ein Drittel der Beschäftigten gehen, hingegen sollen etwa alle 500 Arbeitsplätze in der kostengünstigeren Produktion in Malaysia bleiben.
Für die deutsche Wirtschaft sei generell das Engagement aus dem Ausland gut, erklärte das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Internationale Verflechtungen seien heute gang und gäbe. "Wenn ausländische Investoren Interesse zeigen, ist das ein Signal, dass sie den Unternehmensstandort Deutschland als etwas Positives sehen", sagte IWH-Konjunkturexperte Oliver Holtemöller.
Deutsche Solarunternehmen in der Krise
In der deutschen Solarindustrie herrscht Krisenstimmung. Pleiten, Pech und Pannen sorgen beinahe täglich für Negativ-Schlagzeilen. Es folgt eine Übersicht über die angeschlagene Branche.
Dem Solartechnikkonzern machen Finanzierungsprobleme zu schaffen. Der im Dezember 2011 den Gläubigern vorgelegte Restrukturierungsplan müsse wegen der massiven Einschnitte bei der Solarförderung überarbeitet werden, teilte das Unternehmen am Montag mit. Die Aktie brach am Dienstag zeitweise um rund 28 Prozent ein.
Der einst größte deutsche Solarkonzern mit rund 2300 Mitarbeitern und einem einstigen Börsenwert von acht Milliarden Euro wollte noch am Dienstag Insolvenz beantragen. Das Unternehmen aus dem "Solar Valley" im ostdeutschen Bitterfeld-Wolfen hatte Ende vergangener Woche seine Sanierungspläne aufgegeben. Q-Cells wollte sich unter anderem dadurch sanieren, dass Anleihe-Gläubiger einen Zahlungsaufschub gewähren und auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten.
Der Solarmodulbauer hatte Mitte Dezember Insolvenz angemeldet, war jedoch vor wenigen Wochen durch einen Verkauf gerettet worden. Der Solarzellen-Produzent Microsol aus den Vereinigten Arabischen Emiraten erhielt den Zuschlag. Dieser will 433 der 471 Arbeitsplätze erhalten. Die Solon-Aktionäre gehen allerdings leer aus. Der nicht genannte Kaufpreis geht an die Gläubiger des mit 400 Millionen Euro verschuldeten Berliner Unternehmens.
Der Kraftwerksentwickler hatte am 21. März Insolvenzantrag gestellt. Anfang März hatte der Vorstand das Geschäftsmodell in Frage gestellt, nachdem die Bundesregierung angekündigt hatte, die Förderung von Solar-Großkraftwerken zu streichen. Zudem drohe der Verlust von bereits getätigten Investitionen von über zehn Millionen Euro für Projekte, die nun nicht mehr oder nur teilweise realisiert werden könnten.
Bereits im Dezember hatte die Pleitewelle den Kraftwerksentwickler Solar Millenium erreicht. Das Unternehmen meldete Insolvenz an. Zwei Transaktionen seien nicht zustande gekommen, die für dringend benötigtes Kapital sorgen sollten, hieß es. Im Sommer 2011 hatte das auf Parabolrinnen-Kraftwerke spezialisierte Unternehmen ein Milliardenprojekt in den USA aufgegeben.
Der Konzern steht zudem im Dauerclinch mit seinem 74-Tage-Chef Utz Claassen. Dieser hatte dem Konzern zufolge Solar Millenium in den USA wegen Rufschädigung auf Schadenersatz in Höhe von 265 Millionen Dollar verklagt.
Der Weltmarktführer für Wechselrichter, dem Herzstück einer Solaranlage, gehört zu den wenigen, die noch schwarze Zahlen schreiben. Der Preisverfall hat aber auch bei SMA im vergangenen Jahr für einen Gewinneinbruch gesorgt. Firmchef Pierre-Pascal Urbon erwartet auch im laufenden Jahr weitere Einbußen.
Auch der einstige Star am Solar-Himmel ist 2011 tief in die roten Zahlen geraten. Konzernchef Frank Asbeck ist sich aber sicher, mit seinem Unternehmen zu denen zu gehören, die die Krise und Konsolidierung der Branche überleben werden. Er kündigte zuletzt für 2012 die Rückkehr in die Gewinnzone an, zumindest vor Zinsen und Steuern (Ebit). Gegen die Billigkonkurrenz aus China ist Asbeck in den USA mit sechs weiteren Firmen zu Felde gezogen und plant dies auch in Europa.
Er fordert Strafzölle auf Billig-Importe aus dem Land der Mitte. Eine erste vorläufigen Entscheidung des US-Handelsministeriums über Anti-Subventionszölle enttäuschte aber. Sie fielen mit 2,9 bis 4,73 Prozent niedriger aus als erwartet. Asbeck hofft indes, dass das Ministerium im Laufe seiner Untersuchungen höhere Anti-Dumpingzölle verhängen wird.
Der Hamburger Solarkonzern ringt seit längerem ums Überleben, nachdem er durch Missmanagement bereits 2007 ins Wanken geraten war. Nach einem Kapitalschnitt und anschließender Sachkapitalerhöhung gehört Conergy zu einem großen Teil Hedgefonds.
Zudem hat sich die defizitäre Firma vom größten Teil ihrer Produktion getrennt und Personal abgebaut. Conergy ist als Systemanbieter und Projektentwickler unterwegs und hofft 2012 erstmals wieder – zumindest vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) – auf einen kleinen Gewinn. 2013 sollen dann auch unter dem Strich schwarze Zahlen stehen – erstmals seit 2005.
Auch bei dem lange erfolgsverwöhnten Solar-Anlagenbauer Centrotherm sieht es mau aus. Der schwäbische Konzern rutschte 2011 nach Wertberichtigungen in die roten Zahlen. Das Management steuert nun mit Entlassungen und Kurzarbeit gegen. Lange hatte Centrotherm von der hohen Nachfrage in Asien nach effizienten Anlagen zur Produktion von Solarzellen und -modulen profitiert.
Mit den weltweiten Überkapazitäten in der Solarbranche und dem Preisverfall sowie den Auswirkungen der Bankenkrise ebbten die Geschäfte indes ab.
Der weltgrößte Autozulieferer Bosch hatte sich mit der Übernahme der Solarunternehmen Ersol, Aleo Solar und Voltwerk ein neues Standbein aufgebaut. Doch der Stuttgarter Technologiekonzern hat bislang nicht viel Freude an seinen Töchtern gehabt. Allein im vergangenen Jahr schrieb er rund eine halbe Milliarde Euro auf die kleine Sparte ab. Den Baubeginn einer geplanten Solar-Fabrik in Malaysia verschob er zuletzt.
Auch der Solar-Maschinenbauer Roth & Rau belastet seinen Mutterkonzern, den Schweizer Solar-Konzern Meyer Burger. Hohe Abschreibungen belasteten mit 91 Millionen Euro. Die Solarkrise sorgte bei Roth & Rau für einen Jahresverlust von 123 Millionen Euro. Der Auftrageingang brach um 70 Prozent ein. Meyer Burger verzichtete dehalb auf einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag. Andernfalls hätten die Schweizer die Verluste bei Roth & Rau ausgleichen müssen.
Der chinesische Solarriese LDK griff jüngst nach der Konstanzer Sunways, die 2011 in die Verlustzone geraten war. Nach einer Kapitalerhöhung ist LDK inzwischen zu knapp einem Drittel an der Firma mit ihren rund 340 Mitarbeitern beteiligt. (Stand: April 2012, Reuters)
Um die Solarförderung ist fast wie früher um die Atomkraft eine Art Glaubenskrieg entbrannt. Eine Übersicht über die wichtigsten Pro- und Kontra-Argumente:
Im Sommer, aber auch jetzt im Winter senkt Solarstrom gerade bei hohen Verbrauchsspitzen in den Mittagsstunden den Börsenstrompreis.
Die Photovoltaik hat laut Bundesnetzagentur mitgeholfen, die Stilllegung von acht Atomkraftwerken aufzufangen.
Die kurzfristige Mehrbelastung durch die Förderung macht sich langfristig durch stabilere Strompreise bezahlt, denn es werden schon jetzt Importkosten für immer teurer werdende Brennstoffe wie Öl, Gas und Kohle in Milliardenhöhe vermieden.
Es gibt bereits 150.000 Jobs in dem Bereich, laut Solarwirtschaft wurden 2010 Steuermehreinnahmen von 1,45 Milliarden erzielt.
Es werden bereits rund 12,5 Millionen Tonnen klimaschädliches CO2 eingespart, betont die Solarwirtschaft.
Die meisten Förderkosten sind Altlasten, durch enorme Kosten- und Fördersenkungen werde die über den Strompreis zu zahlende Solarumlage von knapp zwei Cent bis 2016 nur noch um 1,8 Prozent steigen, der Strommixanteil aber um bis zu 70 Prozent auf 6,8 Prozent zulegen.
Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme betont, umweltschädliche Subventionen kosteten den Steuerzahler 48 Milliarden Euro pro Jahr, während die kumulierten Solarförderkosten von 2000 bis 2011 nur 22 Milliarden Euro ausmachten.
Die Energieform steht bei den Kosten kurz vor dem weltweiten Durchbruch, mit riesigen Exportchancen für Deutschland.
Sonnenstrom hatte 2011 erst einen Anteil von rund drei Prozent am Strommix. In Deutschland gibt es je nach Region im Schnitt meist nur 1000 Sonnenstunden im Jahr. Für Konzerne wie RWE ist Solarenergie in Deutschland daher so sinnvoll wie Ananas züchten in Alaska.
Die Vergütungszahlungen belaufen sich auf fast acht Milliarden Euro pro Jahr. Daher ist Solarenergie für die Bürger, die die Förderung über den Strompreis zahlen, die mit Abstand teuerste Ökoenergie-Art.
Das Stromnetz ist bisher noch nicht fit für immer mehr Solarstrom, der Chef der Deutschen Energie-Agentur, Stephan Kohler fordert, dass der Ausbau mit dem Netzausbau Hand in Hand gehen müsse.
Der in einer Mietwohnung lebende Billiglöhner aus Berlin-Marzahn finanziert durch die im Strompreis eingepreiste Solarumlage dem Zahnarzt am Starnberger See die Rendite für seine Solar-Dachanlage.
Die auf 20 Jahre garantierten Förderkosten können sich am Ende auf mehr als 100 Milliarden Euro summieren. Statt Hilfe zur Markteinführung habe sich die Förderung in eine gewaltige Dauersubvention verwandelt.
Der nur wenige Stunden am Tag verfügbare Solarstrom ist mangels Stromspeichern die mit Abstand ineffizienteste Stromgewinnungsform.
70 bis 80 Prozent der Module kommen inzwischen aus China. Angesichts des Preisdrucks müssen unabhängig von der Förderhöhe viele deutsche Unternehmen ums Überleben kämpfen, während die Verbraucher mit Milliardenzahlungen Chinas Solarindustrie aufpäppeln. (dpa)