29.08.12

Verbraucherpreise

Energie treibt Inflation auf höchsten Stand seit April

Verbraucherpreise steigen erstmals seit Februar – Jahresteuerung steigt im August auf 2,0 Prozent. Experten: Inflationsrisiken steigen.

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Die Rekordpreise für Heizöl und Benzin haben die Inflationsrate in Deutschland in die Höhe getrieben

Berlin. Steigende Benzinpreise haben die Inflation in Deutschland auf den höchsten Stand seit April getrieben. Waren und Dienstleistungen kosteten im August durchschnittlich 2,0 Prozent mehr als vor einem Jahr, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte. Es war der erste Anstieg seit Februar.

Im Juni und Juli lag die Inflationsrate noch bei 1,7 Prozent. "Die Gründe liegen vor allem in den kräftig gestiegenen Preisen für Kraftstoffe und Heizöl", schrieben die Statistiker. Analysten hatten nur einen Wert von 1,8 Prozent erwartet. Viele Experten gehen davon aus, dass die Inflationsrisiken zunehmen. "Für die kommenden Monate droht an der Preisfront weiteres Ungemach", sagte Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel.

+++ Lebenshaltung verteuert sich um 1,7 Prozent +++

+++ Inflation auf niedrigstem Stand seit Ende 2010 +++

Die Europäische Zentralbank spricht von stabilen Preisen bei Werten von knapp unter zwei Prozent. Zuletzt lag die Teuerung im April mit 2,1 Prozent über dieser Marke. Von Juli auf August zogen die Verbraucherpreise um 0,3 Prozent an. Details wollen die Statistiker am 12. September veröffentlichen.

+++ Benzin teuer wie nie - was Autofahrer tun können +++

"Derzeit bewegt vor allem das Auf und Ab des Ölpreises die Inflationsrate", betonte Commerzbank-Expertin Ulrike Rondorf. Bereinigt um die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Nahrungsmittel liege die Inflation nur bei rund 1,1 Prozent. Dies sei der niedrigste Wert seit März 2011 und ein Beleg für die schwächelnde Konjunktur, sagte die Analystin. Wegen steigender Löhne und Gehälter würden die Verbraucherpreise aber mittelfristig auf breiter Front um mehr als zwei Prozent im Jahr steigen. "Zudem dürfte die EZB aus Rücksicht auf die Probleme der Peripherieländer die Zinsen – vor allem aus Sicht Deutschlands – zu spät anheben." Postbanker Bargel befürchtet dies auch: "Auf längere Sicht sehen wir nach wie vor erhebliche Inflationsrisiken durch die sehr expansive Ausrichtung der Geldpolitik im Euroraum."

+++ Das Inflationsgespenst geht um +++

Zudem könnten nach der Energie bald Nahrungsmittel zum nächsten Preistreiber werden, betonte Bargel. Außerdem könnten die Preise zulegen, sobald die Wirtschaft wieder Tempo aufnimmt. "Der Inflationsdruck dürfte zunehmen, wenn die Konjunkturdynamik wie von uns erwartet gegen Jahresende wieder anzieht."

Vor allem beim Tanken und Heizen spüren die Verbraucher derzeit den höheren Ölpreis. Kraftstoffe etwa in Bayern kosteten zehn Prozent mehr als vor einem Jahr, Heizöl verteuerte sich um fast 14 Prozent. Binnen Wochenfrist gab es allerdings ein bisschen Entlastung an der Zapfsäule. Ein Liter E10 kostet nach Angaben des ADAC derzeit durchschnittlich 1,68 Euro an Markentankstellen und freien Stationen. Dies sei ein Rückgang um 1,1 Cent zur Vorwoche. Diesel habe sich um 0,9 Cent auf 1,53 Euro pro Liter verbilligt.

Der ADAC kritisierte "die immer noch deutlich überhöhten Kraftstoffpreise" und wiederholte seine Forderung, die Entfernungspauschale anzuheben. In Frankreich hatten sich Regierung und Energiewirtschaft darauf geeinigt, die Preise an den Zapfsäulen für drei Monate zu senken. Autofahrer müssen künftig pro Liter Benzin bis zu sechs Cent weniger zahlen. Die Bundesregierung hingegen bekräftigte, dass sie die Mineralölsteuer nicht drosseln werde. "Nein, wir glauben nicht daran, dass Steuersenkungen einen dauerhaft senkenden Effekt auf den Benzinpreis hätten", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Dies würde die Preise nur kurzfristig senken, sei aber kein Mittel, um dem Benzinpreis auf Dauer Herr zu werden. (Reuters)

Was der Exportnation Deutschland zu schaffen macht
Was der Exportnation Deutschland zu schaffen macht
Schuldenkrise und schwächelnde Weltkonjunktur belasten die deutsche Wirtschaft immer stärker. Der Ifo-Geschäftsklimaindex sackte im Juni auf den tiefsten Stand seit mehr als zwei Jahren ab. Hauptgrund dafür: Die Industrie schraubte ihre Exporterwartungen deutlich zurück, weil es in der Weltwirtschaft so laut knirscht wie während der Finanzkrise 2009 nicht mehr.
Selbst in boomenden Schwellenländern wie China läuft es nicht mehr rund. Ein Überblick über Lage und Aussichten wichtiger Handelspartner:
USA:
Trotz Nullzinspolitik und gigantischer Finanzspritzen durch die Notenbank Fed stockt der Aufschwung. Die Fed nahm diese Woche ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr von 2,75 auf 2,1 Prozent zurück. Schon im ersten Quartal war der mit Abstand größten Volkswirtschaft der Welt die Puste ausgegangen. Sie wuchs nur noch um 1,9 Prozent, nachdem es Ende 2011 noch drei Prozent waren.
Für das Frühjahr deutet sich eine erneute Abschwächung ab: Im Mai wurden nur noch 69.000 Stellen geschaffen – so wenige wie seit einem Jahr nicht mehr. Die Arbeitslosenquote stieg auf 8,2 Prozent. Damit droht der private Konsum als Konjunkturmotor auszufallen. Etwa 70 Prozent der Wirtschaftsleistung der USA hängen von den Konsumausgaben ab. Die Vereinigten Staaten gehören zu den Hauptkunden des Export-Vizeweltmeisters Deutschland.
China:
Auch in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt mehren sich die Anzeichen für eine spürbare Konjunkturabkühlung. Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie fiel im Juni auf ein Sieben-Monats-Tief. Dem Exportweltmeister setzt die Krise in seinem wichtigsten Absatzmarkt Europa zu.
Für das Gesamtjahr sagen Ökonomen ein Wirtschaftswachstum von 8,2 Prozent voraus. Das wäre der schwächste Anstieg seit 1999. Für zahlreiche deutsche Unternehmen ist China inzwischen der wichtigste Kunde, etwa für Volkswagen und Porsche.
Eurozone:
Das größte Sorgenkind der Weltwirtschaft ist die Europäische Währungsunion, deren Fortbestand wegen der Krise in Griechenland und anderen Ländern infrage gestellt wird. Wirtschaftlich liegt die Eurozone am Boden. Italien und Spanien stecken in der Rezession, von Griechenland ganz zu schweigen.
Die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie nie zuvor. 17,4 Millionen Menschen sind derzeit ohne Job, was einer Arbeitslosenquote von elf Prozent entspricht. Rasche Besserung ist nicht in Sicht, weil die Industrie der Euro-Länder immer tiefer in die Krise schlittert: Ihr Einkaufsmanagerindex verharrte im Juni auf den schlechtesten Wert seit drei Jahren.
Die EU-Kommission befürchtet, dass das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 0,3 Prozent fallen wird. Knapp 40 Prozent der deutschen Ausfuhren gehen in die Währungsunion.
Russland:
Einer der am schnellsten wachsenden deutschen Auslandsmärkte gerät durch den Verfall der Rohstoffpreise unter Druck. Der Preis für Öl – dem wichtigsten Exportschlager Russlands – fiel klar unter die Marke von 100 Dollar je Barrel. Bleibt das so, fehlen dem industriell unterentwickelten Land viele Milliarden.
Der Rubel fiel deshalb zeitweise auf den tiefsten Stand seit drei Jahren, was wiederum Importe merklich verteuert. Das sind schlechte Nachrichten für die deutschen Exporteure, die ihren Umsatz in Russland 2011 um fast ein Drittel steigerten.
Indien:
Das aufstrebende Schwellenland ist im ersten Quartal so langsam gewachsen wie seit neun Jahren nicht mehr. Von Januar bis März legte das Bruttoinlandsprodukt lediglich um 5,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu.
In den Jahren vor der Finanzkrise hatte Indien noch mit Wachstumsraten von mehr als neun Prozent geglänzt und sich ein Wettrennen mit China um das am schnellsten aufholende Schwellenland geliefert. Sorge bereitet vor allem das verarbeitende Gewerbe, das sogar um 0,3 Prozent schrumpfte.
Der Industrie macht die schwache Währung zu schaffen, die Importe verteuert. Die Zentralbank versucht, die Inflation mit hohen Zinsen zu dämpfen. Dadurch werden aber auch Kredite teurer, was Investitionen und Konsum belastet.
Brasilien:
Neben China und Indien schwächelt mit Brasilien auch das dritte große Schwellenland. Das Bruttoinlandsprodukt legte im ersten Quartal mit 0,2 Prozent zum Vorquartal nur halb so stark zu wie erwartet. Ökonomen gehen davon aus, dass die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt 2012 erneut um weniger als drei Prozent wachsen wird.
Zum Vergleich: 2010 waren es noch 7,5 Prozent. Dem Land zu schaffen machen die noch immer schlechte Infrastruktur, eine überbewertete Währung und schlecht ausgebildete, aber vergleichsweise teure Arbeitskräfte. (Reuters)
Die vier größten Inflationsrisiken für Deutschland
Die vier größten Inflationsrisiken für Deutschland
Fallende Kraftstoffpreise haben die deutsche Inflationsrate im Mai 2012 erstmals seit rund anderthalb Jahren unter die Marke von zwei Prozent gedrückt. Experten befürchten aber, dass die Entspannung nicht von Dauer sein wird und die Preise in Deutschland künftig schneller steigen werden als in der Euro-Zone. Das sind die größten Inflationsrisiken für Deutschland:
Lohn-Preis-Spirale:
Wegen der guten Konjunktur haben die Arbeitnehmer kräftige Lohnerhöhungen durchgesetzt: Die Chemie-Beschäftigten bekommen 4,5 Prozent mehr, die Metaller 4,3 Prozent mehr Geld. Die Beschäftigten bei Bund und Kommunen handelten ein Plus von 6,3 Prozent für zwei Jahre aus.
Unternehmen und Staat werden versuchen, die höheren Kosten aufzufangen, in dem sie ihre Preise beziehungsweise Gebühren und Abgaben anheben.
Verteuert sich die Lebenshaltung dadurch merklich, werden die Gewerkschaften in der nächsten Lohnrunde einen Ausgleich verlangen. Es droht eine Spirale, bei der sich Löhne und Preise gegenseitig nach oben schaukeln.
Lockere EZB-Geldpolitik:
Bei ersten Anzeichen für eine Lohn-Preis-Spirale müsste die EZB ihre Zinsen anheben. Mit teurerem Geld kann sie Konsum und Investitionen drosseln, was die Nachfrage und damit den Preisauftrieb dämpfen könnte.
Aus Rücksicht auf die schwere Wirtschaftskrise in Ländern wie Spanien wird sie ihren Leitzins aber wohl noch längere Zeit auf dem Rekordtief von einem Prozent lassen. Die extrem niedrigen Zinsen aber können den Konsum im prosperierenden Deutschland weiter befeuern und die Preise anheizen.
Schwacher Euro:
Wegen der eskalierenden Schuldenkrise steht der Euro unter Abwertungsdruck. Mit rund 1,25 Dollar war er vorige Woche so billig wie seit Sommer 2010 nicht mehr.
Das Problem: Deutschland als rohstoffarmes Land muss Öl, Metalle und andere Materialien im Ausland kaufen. Auf dem Weltmärkten werden die Rohstoffe überwiegend in Dollar abgerechnet. Ein schwächerer Euro macht damit deutsche Importe teurer.
Enorme Liquidität:
Zusätzliche Gefahren gehen von der Politik der Europäischen Zentralbank aus, den Finanzhäusern billiges Geld in Hülle und Fülle zur Verfügung zu stellen.
Allein Ende 2011 und Anfang 2012 hat sie mehr als eine Billionen Euro zum Zins von aktuell einem Prozent für drei Jahre in den Finanzsektor gepumpt. Zieht die Kreditvergabe an die Unternehmen erst einmal an, kann das viele Geld schnell in Inflation münden. (Reuters)
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