Drochtersen
Wo die Schokoladenfüllung herkommt
Die Firma Unterelbe-Frucht produziert jährlich 100 Tonnen Pasten und Granulate für den guten Geschmack - und wächst immer weiter.
Drochtersen. Verkostung ist bei der Unterelbe-Frucht Handelsgesellschaft mbH & Co. in Drochtersen bei Stade jeden Tag. Ob im hauseigenen Labor oder in der Versuchsküche: Der Geschmack der Mitarbeiter ist gefragt. Um ihre Produkte richtig in Form zu setzen, werden einige der rund 70 Beschäftigten auch zu Bäckern und Schokolatiers. In der Versuchsküche liegen ein Schokokonfekt mit Himbeerfüllung, fruchtig gefüllte Kekse, Muffins mit winzigen Fruchtstückchen oder herzhafte Snacks mit Tomatenstückchen nebeneinander. "Die Verarbeitung unserer Fruchtkompositionen im Fertigprodukt ist zwar Sache unserer Kunden, aber wir liefern gern Anregungen und Geschmacksmuster, damit die Abnehmer in der Lebensmittelmittelindustrie die richtige Vorstellung bekommen", sagt Kurt Jahncke, der in fünfter Generation das Familienunternehmen führt, das 1883 gegründet wurde.
Denn was die Produktionshallen an der Unterelbe in großen Gebinden, Eimern oder Tanks verlässt, hat zwar mit Paradies Früchte einen geschützten Namen, kommt aber unscheinbar daher. Ob Erdbeere, Orange, Heidelbeere oder andere Früchte: Am Ende des stundenlangen Produktionsprozesses steht ein Granulat, also millimeterkleine, kantige Fruchtstückchen oder eine Paste. Gerade fließt an der Abfüllanlage eine zähe Masse in weiße Eimer. Es ist eine Orangenpaste für Stollwerck. In große Stahlbehälter wurde bereits die Mangopaste für Lindt abgefüllt. "Für jeden Kunden haben wir spezielle Rezepturen", sagt Produktionsleiter Reiner Heinsohn. Auch die Hallorenkugeln verdanken ihren Geschmack den Paradies Früchten aus Drochtersen. Bis auf Ritter Sport konnte Jahncke fast alle führenden Schokoladenhersteller für seine Produkte gewinnen.
Neben der Schokoladenindustrie werden die Paradies Früchte auch in der Backwarenindustrie sowie in Cerealien und Müsliriegeln verarbeitet. "Eine Paste in einen Riegel einzubringen, ist produktionstechnisch eine große Herausforderung", sagt Jahncke. Pro Woche verlassen 100 Tonnen an Pasten und Granulaten das Werk. Der Exportanteil der Firma mit einem zweistelligen Millionenumsatz liegt bei 50 Prozent. Die gesamte Unternehmensgruppe mit insgesamt 200 Beschäftigten wächst jährlich um rund zehn Prozent beim Umsatz.
Ein Grund dafür ist neben den erfahrenen und langjährigen Mitarbeitern der ständige Wandel des mehr als 100 Jahre alten Unternehmens: Vom Äpfelverarbeiter und Limonadenproduzenten für die einst vielen Ziegeleien in der Gegend bis zum Saftkonzentratehersteller. Einst war die Firma damit stark gewachsen, später gab es aber Probleme. "Einen unserer wichtigsten Absatzmärkte, die USA, hatten die Chinesen für sich gewonnen", sagt Jahncke. "Nachdem wir dieses Geschäftsfeld wieder stabilisiert hatten, verkauften wir die Fruchtsaftsparte an einen Wettbewerber."
Nach diesem Einschnitt bot sich die Chance, das bereits vorhandene zusätzliche Standbein der Fruchtgranulate und Pasten weiter auszubauen. "Ein Kunde aus Frankreich wollte Früchte für sein Studentenfutter", sagt Jahnke. "So haben wir angefangen zu experimentieren." Denn nicht nur der gewünschte Geschmack muss umgesetzt werden, sondern auch viele Anforderungen der automatisierten Fertigung. Die Fruchtstückchen dürfen nicht miteinander verkleben, keine Feuchtigkeit abgeben und zwölf bis 18 Monate haltbar sein.
Der gesamte Produktionsprozess ist eine eigene Entwicklung. "Spezielle Maschinen dafür gibt es nicht. Vieles mussten wir für unsere Zwecke selber bauen oder anpassen", sagt Jahncke. Nach einem schonenden Zerkleinerungsprozess werden die Früchte mit den übrigen Zutaten vermischt. Basisfrucht eines jeden Produkts ist Apfel, gewonnen aus Püreekonzentrat. Dazu kommt dann die namensgebende Frucht. Sieben bis acht verschiedene Komponenten sind für ein Produkt typisch. "Wir verzichten aber auf den Einsatz von Konservierungsstoffen", sagt Jahncke. Unter Vakuum wird der Fruchtmasse dann das Wasser schonend entzogen, bis sie zu einem Teppich ausgerollt und in kleine Stückchen proportioniert werden kann.
Dieser Produktionsprozess benötigt viel Know-how. Die Erfahrung der Fachkraft für Süßwaren- und Lebensmitteltechnik ist deshalb ebenso wichtig wie die des Industriemechanikers oder Chemielaboranten. "Wir bilden deshalb in diesen und anderen Berufen aus", sagt Jahncke. Für dieses Jahr gibt es noch vier freie Lehrstellen für Fachkräfte der Süßwaren- und Lebensmitteltechnik.
Mit einigen neuen Produkten wendet sich das Unternehmen jetzt auch direkt an Endkunden. "Kinder wollen naschen, Eltern achten dagegen auf eine gesunde Ernährung", beschreibt Jahncke den Zielkonflikt. "Da lag es nahe, ein Produkt zu entwickeln, dass beiden Seiten nahekommt, auch wenn es natürlich einen Apfel oder eine Möhre nicht ersetzen kann." Es sind kleine Fruchtstückchen in Form einer Erdbeere und einer Orangenscheibe, die ohne zusätzliche Zuckerzugabe auskommen und einen intensiven Fruchtgeschmack haben. Für die Herstellung werden Bio-Fruchtsaftkonzentrate genutzt. Diese Fruchtsnacks kommen in den USA und Großbritannien, aber auch in Dänemark und Frankreich sehr gut an. In Deutschland gelang dagegen noch nicht der Einstieg in den Lebensmitteleinzelhandel. "Die Märkte im Ausland sind experimentierfreudiger und auch nicht preislich so hart umkämpft wie in Deutschland", hat Jahncke beobachtet. Denn das Fruchtnaschwerk ist deutlich teurer als etwa Gummibärchen. "Zudem fehlt uns auch noch die Erfahrung mit dem Einzelhandel, da unser Kerngeschäft die Industriekunden sind", sagt Jahncke. Er ist aber überzeugt, dass sich das Fruchtnaschwerk auch in Deutschland noch durchsetzen wird.
Einen Schritt weiter in diese Richtung ist bereits ein anderes Unternehmen aus der Jahncke-Gruppe. Die Paradiesfrucht GmbH in Salzwedel stellt bereits gefriergetrocknetes Obst, Gemüse und Fleisch ebenfalls für die Lebensmittelindustrie her. In die Edeka-Supermärkte in Sachsen-Anhalt werden Paradiesfrüchtchen geliefert. Das sind gefriergetrocknete Ananas, Bananen und Erdbeeren. Das ist eher ein Snack für Erwachsene. "Gut für unterwegs, wenn frische Früchte zu unhandlich sind", sagt Jahncke.
Schon arbeitet die Unterelbe-Frucht Handelsgesellschaft an einer etwas kalorienärmeren Variante der Fruchtsnacks für Kinder. Durch den Fruchtzucker enthält das Produkt natürlich vergleichsweise viele Kohlenhydrate. "Wir experimentieren mit eiweißhaltigen Zutaten, um eine ausgewogenere Variante zu entwickeln", sagt Jahncke. In den Paradies Früchten steckt noch jede Menge Zukunft.

















