21.08.12

Widerstand gegen Biosprit

Welthunger: Fleischlust ist größeres Übel als E10-Sprit

UN-Experte sieht Fleichkonsum und Spekulationen mit Nahrungsmitteln als größere Übel. Greenpeace: E10 ist Luxus.

Foto: dpa/DPA
Jahreswechsel - Bio-Kraftstoff E10
Der umstrittene Biokraftstoff E10 ist nach Angaben von Experten der Vereinten Nationen nur zu einem kleinen Teil für den Hunger auf der Erde verantwortlich. Viel schlimmer sei der globale Fleischkonsum und die Spekulationen der Märkte mit Grundnahrungsmitteln

Berlin. Die Rückendeckung für Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) und seine Forderung nach einem Verkaufsstopp für den umstrittenen Biosprit E10 schwindet . Auch außerhalb der schwarz-gelben Koalition mehren sich Stimmen, wonach die vermehrte Nutzung von Ackerflächen zum Anbau von Getreide, das zur Herstellung von Ethanol bestimmt ist, nicht die Hauptursache für Nahrungsmittelknappheit in vielen Teilen der Erde ist.

An der Tatsache, dass durch exorbitant gestiegene Getreidepreise die nächste Hungerkatastrophe auf die Welt zurollt, gibt es wenig Zweifel. "Wieder sehen wir, dass eine Dürre in wenigen Ländern dazu führt, dass die Nahrungsmittelpreise explodieren", sagte der Leiter des Berliner Büros des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen, Ralf Suedhoff, am Dienstag dem RBB-Inforadio.

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Allerdings streiten Fachleute von Umweltschutz- und Hilfsorganisationen über die Gründe der sich abzeichnenden Hungerkatastrophe. Zwar trage die Nachfrage nach Biosprit "natürlich dazu bei, dass die Nahrungsmittelknappheit sich verschärft hat", sagte UN-Experte Suedhoff. Daher könne es mittelfristig sinnvoll sein, "die gesetzliche Förderung von Biosprit-Quoten abzuschaffen". Bei der Bekämpfung des Welthungerproblems sei dies aber "die kleinere Baustelle".

Viel gravierender ist nach UN-Angaben die ungebremste Spekulationslust auf Nahrungsmittel an den internationalen Finanzmärkten. Hinzu komme der ausufernde Fleischkonsum in Industrie- und Schwellenländern. Dieser führe dazu, "dass heute die Mehrheit des Getreides auf den Feldern gar nicht mehr zu Nahrungsmitteln wird", sagte Suedhoff. Stattdessen würde 36 Prozent der Weltgetreideernte als Futtermittel in die Viehzucht gesteckt. "Wir vernichten weite Teile dieser Ernte durch unseren boomenden Fleischkonsum", sagte er. Dies habe verheerende Konsequenzen für die Versorgungslage und die Preise auf dem Weltmarkt.

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Auch Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) sieht im Biosprit nicht den größten Preistreiber für Getreide. Die gesetzlich geregelte Beimischung von Ethanol zum Benzin spiele beim Preisanstieg bei Nahrungsmitteln nur "in einem eher geringeren Umfang" eine Rolle, hatte Aigner mehrfach betont. Ein weiterer Verkauf von E10 werde sich daher kaum auf den Getreidepreis auswirken.

Diese Sichtweise will die Umweltschutzorganisation Greenpeace nicht gelten lassen . "Es ist weder christlich noch sozial, das Getreideangebot durch die Erzeugung von Ethanol zu verknappen und damit die Lebensmittelpreise in die Höhe zu treiben", sagte Greenpeace-Agrarexperte Martin Hofstetter. Mit dem Getreide, das in Deutschland jährlich in die Erzeugung von Ethanol gesteckt werde, "könnten fünf Millionen Menschen ernährt werden", rechnete Hofstetter vor. "Den Luxus, Getreide zu Agrosprit zu verarbeiten", könne sich Deutschland nicht leisten, mahnte er.

Vertreter der Mineralölwirtschaft sehen ungeachtet der Debatte um den Sinn und Unsinn von E10 kein schnelles Aus für den sogenannten Biosprit. "Die Agrar-Lobby ist so stark – es wird keine Abschaffung von E10 kommen", sagte der Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbands, Klaus Picard, im Fernsehsender N24.

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Er hoffe, dass durch die derzeitige Debatte die Frage geklärt werde, "welche Biokraftstoffe öffentliche Akzeptanz genießen werden in Zukunft oder nicht", fügte er hinzu. Ansonsten hätten E10 und Co "tatsächlich keine Zukunft", sagte Picard.

Dass sieht der Bundesverband der Deutschen Ethanolwirtschaft anders. Für den Verband ist eine Konkurrenz zwischen der Erzeugung von Lebens- und Futtermitteln sowie der Produktion von Biokraftstoffen in Europa "nicht vorhanden". Lediglich zwei Prozent der deutschen Äcker würden zur Produktion von Ethanol verwendet. Als Ladenhüter will der Verband E10 trotz schleppenden Verkaufs nicht sehen. Im Gegenteil: Ein Jahr nach der Markteinführung habe die neue Spritsorte einen Marktanteil von gut 13 Prozent erreicht, Tendenz steigend. (dapd)

Mit Rohstoffen zocken
Mit Rohstoffen zocken:
Viele Investoren kaufen Agrarrohstoffe wie Weizen oder Mais an den Börsen nicht direkt. Sie entscheiden sich für Anlageprodukte, die lediglich der Preisentwicklung folgen. Trend: steigend.
Diese Derivate (lat. derivare, ableiten) beziehen sich zwar auf einen Basiswert wie etwa ein Lebensmittel, können aber unerwünschte Kursentwicklungen abfedern.
Besonders gefragt sind derzeit Derivate wie Exchange Traded Commodities (ETCs) und Exchange Traded Funds (ETFs).
Darüber investieren Anleger in einen Index, also einen Korb, der Rohstoffwerte umfasst.
Durch den anhaltenden Erfolgszug dieser Indexprodukte ist in den vergangenen Jahren viel Geld an die Rohstoffmärkte geflossen, was die Kursentwicklungen beeinflussen kann.
Es ist also möglich, dass die Spekulationen die Nahrungsmittelpreise in die Höhe treiben und damit eine Mitschuld an den Hungersnöten in armen Ländern tragen.
Manche Produktanbieter denken deswegen auf einen Verzicht von solchen Anlagen nach. (dpa)
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